Geister der Moldau — Kapitel 4 Licht und Schatten

Der nächs­te Mor­gen ließ sich freund­lich an. Maria lag noch müßig in Bett, wäh­rend ich mich fer­tig­mach­te. Mit unver­bind­li­chen Wor­ten rede­ten wir über das am Abend Gesag­te hin­weg. Mir sel­ber schien es fast wie aus­ge­tilgt, wie ein Spuk der Nacht. Vage erhob sich in mir die Hoff­nung, auch Maria könn­te ihre Über­ei­lung bereu­en, das Zuge­sag­te zurück­neh­men und den gest­ri­gen Tag aus­lö­schen. Als ich, mit die­ser Hoff­nung, allein die Trep­pe hin­un­ter­ging, nähr­te ich sie, heg­te sie und spann sie aus, bis sie mir zur Gewiss­heit gewor­den war.

Ich betrog mich selbst, denn nur so konn­te ich nur unbe­schwert fort­ge­hen, jetzt, in die­sem Sta­di­um des Anfangs und der Unent­schie­den­heit — „Princi­piis obs­ta!” muss­te ich den­ken — wenn ich mich mit die­ser Hoff­nung, die­ser Gewiss­heit trös­te­te. Sonst hät­te ich blei­ben müs­sen, sogar auf die Gefahr hin, eine Vor­le­sung zu ver­säu­men, hät­te reden und argu­men­tie­ren und kämp­fen müs­sen. Viel­leicht hät­te ich alles noch abwen­den und umbie­gen kön­nen, wäre ich an die­sem Mor­gen nicht so leicht­her­zig die Trep­pen hin­un­ter­ge­sprun­gen, immer zwei Stu­fen auf ein­mal, dazu ein Lied sum­mend, das ich eben im Nach­bar­zim­mer hat­te sin­gen hören, in mei­nem Innern bas­telnd an der durch­aus unge­wis­sen Hoff­nung, dass Maria schon das Klü­ge­re tun wer­de.

Ich dach­te nicht dar­an, dass man Klug­heit in die­sem Augen­blick nicht von ihr erwar­ten durf­te, dass es mei­ne Sache hät­te sein sol­len, sie von einem Feh­ler abzu­hal­ten. Aber dann wie­der sag­te ich mir, dass hier ja ganz ande­res am Werk war, als ich dach­te und wuss­te, und dass ich am Ende doch nichts hät­te aus­rich­ten kön­nen, auch wenn ich dage­blie­ben wäre und all mei­ne Über­re­dungs­küns­te auf­ge­wen­det hät­te …

Ich hör­te mei­ne Vor­le­sung im Zei­tungs­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut am Obst­markt. Dann saß ich wie­der über mein Gedicht gebeugt. Die gan­ze Stadt drau­ßen hat­te sich zum Früh­ling ent­schlos­sen. aber nur wenig drang davon in die Moder­luft der Insti­tuts­räu­me.

Die Innen­sei­te der Natur belebt sich,
ver­heim­li­chend ein neu­es Freu­et-Euch.

Ganz ver­nünf­tig konn­te ich jetzt wie­der über die Zei­len räso­nie­ren. Es fiel mir jetzt auch ein, dass das alles ja nicht das war, was ich an Tage vor­her gese­hen hat­te. Nichts war gesagt von den Bil­dern des Früh­lings. Der Dich­ter schlüpf­te ja ins Inne­re von Baum und Busch und Erde, ver­schwand im Unsicht­ba­ren und Abs­trak­ten. Oh ja, das war eine gute Idee. Ich prüf­te sie nach, bau­te sie aus, bewies sie, kne­te­te dar­an her­um, bis sie tat­säch­lich mehr als eine gan­ze Sei­te bedeck­te.

Dann mach­te ich mich dar­an, die Anspie­lung auf Weih­nach­ten, das ana­chro­nis­ti­sche „Freu­et-Euch” zu zer­pflü­cken, das ich, im Aner­zo­ge­nen ver­har­rend, absurd und respekt­los fin­den muss­te. Das brach­te mich auf den Gedan­ken, dass Ril­ke auch man­ches dem Reim zulie­be getan haben könn­te. Ja, durch­aus, hier schien es, als hät­te sich etwas auf Gesträuch rei­men sol­len, und was reimt sich schon auf Gesträuch? Zwar folg­te „Gesträuch” erst zwei Zei­len spä­ter, aber was besag­te das schon? Der Dich­ter wür­de ja wohl sein Gedicht nicht der Rei­he nach her­sa­gen wie ein Schul­kind.

Ich fand Spaß an der Sache. Der Gedan­ke mit den Rei­men gab zwar nicht viel her, da die ande­ren Rei­me all­täg­lich waren. Aber als es zwölf schlug, war ich zufrie­den mit mir und steck­te das Blätt­chen in die Tasche. Im Haus­flur drück­te ich auf die Klin­gel für das Musik­wis­sen­schaft­li­che Insti­tut: lang-kurz-lang-kurz. Für einen Augen­blick lang kam es mir unrecht vor, dass ich Lin­des Mor­se­zei­chen benutz­te und mich damit fast für sie aus­gab.

Als Hart­mut her­aus­kam, war er aller­dings erstaunt, nur mich zu fin­den und nicht Lin­de, aber er war nicht ver­stimmt, und so mach­te ich mir wei­ter nichts draus. Wir ent­schie­den uns für die Vege­tar­na in der Zelt­ner­gas­se und gin­gen eine Wei­le schwei­gend. Dann sag­te Hart­muth:

Der Wig­gert hat eine neue Flam­me.”

Ich weiß”, sag­te ich, beschämt, weil ich die­sen Schre­cken schon fast ver­ges­sen hat­te. „Ich habe sie zusam­men gese­hen.”

Ich auch”, erwi­der­te Hart­muth. „Und Lin­de auch. Er hat sie uns vor­ge­stellt. ‚Da habt ihr die Frau mei­nes Lebens’, hat er gesagt — so ein sen­ti­men­ta­ler Quatsch! Muss­te er das sagen — vor Lin­de?”

Ich fürch­te, er hat­te kei­ne Ahnung, was er sag­te”, erwi­der­te ich. „Ich glaub’, er hat kei­ne Ahnung, was das der Lin­de bedeu­tet.”

Aber sie hat Lin­de ange­schaut, als wär’ die sowas wie eine abge­leg­te Gelieb­te. Ich glau­be, die Lin­de hat noch kei­nen Bis­sen geges­sen seit­dem! Das war ges­tern!”

Wir soll­ten sie abho­len, unbe­dingt!”

Nein, lass nur. Sie muss damit fer­tig wer­den, allein. Reden hat kei­nen Sinn.”

Wir kamen zur Vege­tar­na und stie­gen die Trep­pen hin­auf. Am Fens­ter war ein Tisch frei. Wir lasen die Spei­se­kar­te, wähl­ten und bestell­ten. Dann war es lan­ge still. Plötz­lich sag­te Hart­muth:

Ich fra­ge mich manch­mal, ob in ande­ren Städ­ten die Din­ge anders lau­fen und anders aus­ge­hen als hier. Die Stadt ist so mäch­tig, sie lässt nur zu, was ihr gemäß ist. Als ob man nur sie lie­ben dürf­te, als ob sie alle ande­re Lie­be mit Eifer­sucht ver­folg­te -”

Und ist die Stadt nicht eine sol­che Lie­be wert?” frag­te ich.

Er hob das Gesicht aus den Hän­den und ver­schränk­te sie vor dem Mun­de.

Ja”, sag­te er, „doch — viel­leicht. Ich habe es mir nie über­legt. Nur, alt dürf­te man hier nicht wer­den.”

Die Ser­vie­re­rin brach­te die Duka­ten­buch­teln in der sah­ne­gel­ben Vanil­le­sauce, und wir sta­chen mit der Gabel in das knusp­ri­ge Gebäck.

Als ich am andern Mor­gen auf­wach­te, war Maria schon im Gehen. Ich lag still und hielt die Augen geschlos­sen, bewusst, dass ich mich ver­stell­te, bewusst, dass ich etwas fra­gen, etwas sagen soll­te, denn wir hat­ten uns auch am Abend vor­her nicht mehr gespro­chen. Aber ich schwieg und blieb lie­gen wie im Schlaf, blieb auch eine Wei­le noch so, als sie schon gegan­gen war, war­tend, ob sie etwa noch ein­mal zurück­kä­me, weil sie etwas ver­ges­sen hat­te, wie es manch­mal vor­kam.

Der Gedan­ke war mir ent­setz­lich, dass sie ging, um den Pocken­nar­bi­gen zu tref­fen, als Buße dafür, dass sie ihren Mann nicht lie­ben konn­te. Aber wie soll­te ich mit Wor­ten etwas dar­an ändern? Es war mir zu fremd, ich schob es weg und ver­such­te zu ver­ges­sen.

Im Wasch­raum stand wie­der, das Haar über den lan­gen Rücken hoch­ge­türmt, Ellen Brand beim Waschen. Rich­tig, wir gin­gen ja in die glei­che Vor­le­sung, muss­ten zur glei­chen Zeit uns fer­tig­ma­chen. Aber sie war heu­te nicht gesprä­chig, beeil­te sich auch unge­wöhn­lich, so schien es mir. Ich mei­ner­seits aß nur im Ste­hen ein Brot, um eine Bahn frü­her zu errei­chen, mit der sie nicht fah­ren wür­de. Wie ich schon anfing, andern aus dem Wege zu gehen — es wun­der­te mich sel­ber. Aber es schien mir, ich dürf­te mich nicht in zu vie­le frem­de Krei­se fan­gen las­sen, wenn ich über­haupt zu mir sel­ber kom­men woll­te.

Als ich im vor­de­ren Wagen mei­ner Bahn stand, sah ich, wie auch Ellen Brand noch in letz­ter Sekun­de auf die hin­te­re Platt­form sprang. Es sah ja aus, als hät­te auch sie mir aus dem Wege gehen wol­len. Einen Augen­blick lang über­leg­te ich, was dafür wohl der Grund sein kön­ne, aber dann dach­te ich der Sache nicht wei­ter nach, son­dern genoss wie­der, wie jeden Mor­gen, die sau­sen­de Fahrt tal­wärts durch die Schlucht von Miets­häu­sern, die dann plötz­lich zurück­wich und sich aus­wei­te­te zum Karls­platz, Vor­bo­te der eigent­li­chen und wirk­li­chen Stadt, die sich zu bei­den Sei­ten der Bahn aus­brei­te­te.

Der Platz war über Nacht ergrünt und leben­dig gewor­den. An Büschen und Bäu­men fal­te­te sich’s auf, dehn­te sich aus in die Wei­te und Brei­te und spann hin und her, nach rück­wärts und vor­wärts, sein grü­nes Gespinst zwi­schen Rat­haus und Denk­mä­lern und dem baro­cken Säu­len­por­tal der Igna­ti­us­kir­che. Leben über­wu­cher­te die­ses rie­si­ge Geviert toter Sehens­wür­dig­kei­ten. Hier und da blüh­te es auch schon mit­ten im Grü­nen.

Ich beug­te mich aus der offe­nen Tür, eben da die Bahn wie­der anfuhr. Es roch nicht nach Früh­ling, merk­wür­di­ger­wei­se, son­dern nach Rauch. Aber noch merk­wür­di­ger war, dass auch in die­sem Geruch von Holz­feu­er der Früh­ling war, nicht süß und doch lockend, nicht ein­schmei­chelnd und doch ver­füh­re­risch. Herb, kräf­tig, fast bit­ter ström­te es her über den Platz; aus vie­len Fer­nen schien es her­zu­kom­men, weit in vie­le Fer­nen hin­aus­zu­ru­fen.

Die Bahn hat­te ihre brau­sen­de Tal­fahrt wie­der auf­ge­nom­men, sie riss uns alle vor­wärts und nach unten. Ich stand neben dem Fah­rer und sah ihn plötz­lich has­tig han­tie­ren. Ein Schreck durch­zuck­te mich: es war offen­sicht­lich, dass er die Gewalt über die Brem­sen ver­lo­ren hat­te. Da unten, am Ende der Stre­cke, floss breit und gelas­sen die Mol­dau. Wenn es ihm nicht gelang, den Wagen in der Kur­ve her­um­zu­rei­ßen, wür­de das leich­te Gelän­der kein Hin­der­nis sein und der Zug wür­de mit allen sei­nen Fahr­gäs­ten in den Fluss stür­zen. — Ich wag­te nicht, dem Fah­rer ins Gesicht zu sehen; wie gebannt starr­te ich nur vor­aus in die Tie­fe, in die es uns vor­wärts und hin­ab­riss mit der Gewalt von Eisen und Stahl. Ent­set­zen schnür­te mir die Keh­le zu, ich fass­te nach dem Griff der Tür.

Die Kur­ve kam rasend schnell her­an; es riss den Wagen zur Sei­te, dass ich glaub­te, er müs­se aus den Schie­nen sprin­gen, aber die Wei­che hielt, lei­te­te ihn im Bogen hin­ein in sei­ne vor­ge­se­he­ne Bahn.

Erst jetzt wag­te ich, dem Fah­rer ins Gesicht zu sehen. Schweiß rann an den Schlä­fen her­un­ter durch die tie­fen Fur­chen in der grau­en Haut. Wir waren allein auf dem Per­ron.

Er mur­mel­te ein paar tsche­chi­sche Wor­te ohne mich anzu­se­hen, aber ich ver­stand sie nicht. Erst an der nächs­ten Hal­te­stel­le, am Natio­nal­thea­ter, zog er sein Taschen­tuch und wisch­te den Schweiß von der Stirn. Mit ängst­li­chem Lächeln sah er end­lich zu mir her. Ich lächel­te auch.

Wir haben Glück gehabt”, sag­te ich. Obwohl ich nicht wuss­te, ob er mei­ne Wor­te ver­stand, war ich doch sicher, dass er wuss­te, was ich mein­te. Das Lächeln erlosch jetzt auf sei­nem Gesicht, er beweg­te die Lip­pen, als habe er etwas Wich­ti­ges zu sagen, aber dann läu­te­te es von hin­ten aus dem Wagen, der Poli­zist wink­te von der Kreu­zung vorn, und der Wagen setz­te sich wie­der in Bewe­gung. An der Mol­d­au­län­de hin glitt er jetzt, vor­bei an den hohen spie­geln­den Schei­ben der Kavar­nas, hin­ter denen man Müßig­gän­ger im Ses­sel leh­nen sah bei Kaf­fee und Zei­tung — für sie wäre es nur eine Notiz im loka­len Teil gewe­sen, viel­leicht auch zwei­spal­tig auf­ge­macht oder höchs­tens drei­spal­tig, je nach­dem, wie vie­le Men­schen dabei zu Tode gekom­men wären. Aber mir, die es in Angst durch­lebt hat­te, schien es, als ver­ber­ge sich hin­ter die­sem Vor­komm­nis etwas Grö­ße­res, All­ge­mei­ne­res, das ich noch nicht erkannt hat­te. Mit Maria hat­te es zu tun und ihrem Schrei in der Nacht, mit dem, was sie mir auf dem Jahr­markt gesagt hat­te und was mir doch immer hin­ter hal­ben Wor­ten ver­bor­gen geblie­ben war.

Ich sah die Lin­den grü­nen drau­ßen am Mol­dau­ufer, sah die Tul­pen­bee­te in den Anla­gen flam­men wie Feu­er, sah Burg und Dom auf­stei­gen hoch über den Strom. Aber das alles war nur äußer­lich. Was geschah wirk­lich, das viel wich­ti­ger war und doch vor unse­ren Augen noch ver­bor­gen war? Ich hät­te alle Men­schen danach fra­gen mögen, und doch schreck­te ich im Inners­ten davor zurück, wie die Leu­te im Wagen bei der rasen­den Fahrt sich vor der Gefahr ver­bor­gen, sich zuge­re­det hat­ten, es gehe alles mit rech­ten Din­gen zu, die­se Leu­te, die jetzt leb­ten und wei­ter­le­ben wür­den, ohne zu wis­sen, dass sie ihr Leben nur einem glück­li­chen Zufall ver­dank­ten.

Ganz gegen mei­ne Gewohn­heit saß ich heu­te viel zu früh auf mei­nem Platz im Hör­saal drei und zeich­ne­te gedan­ken­los Blu­men und Schnör­kel auf ein lee­res Blatt, wäh­rend der Saal sich füll­te. Der Platz drei Bän­ke vor mir, wei­ter links drü­ben, blieb vor­läu­fig leer.

Es ereig­ne­te sich aber an die­sem Tage wie­der wie am Frei­tag vor­her, dass Felix Erlach mit einem nicht gerin­gen Auf­wand an Geräu­schen den Hör­saal drei erst betrat, als Pro­fes­sor Malon sich schon von sei­nem Ein­füh­rungs­satz davon­tra­gen ließ wie von einem wohl­ge­fäl­li­gen Gewäs­ser. Um genau zu sein, es ereig­ne­te sich von da an jeden Diens­tag und Frei­tag mit der größ­ten Regel­mä­ßig­keit und nur mit einer ein­zi­gen Aus­nah­me, dass Felix Erlach in lie­bens­wür­di­gem Eifer — man hät­te auch sagen kön­nen, mit sanf­ter, aber ent­schie­de­ner Auf­säs­sig­keit — hin­ten ums Geviert der Bän­ke her­um­mar­schier­te, wobei die Fuß­bo­den­bret­ter nie­mals ver­säum­ten, zu die­sem Gan­ge alle Schat­tie­run­gen von Gekreisch und Geknarr bei­zu­steu­ern, die schlecht und lose sit­zen­den Bret­tern von Natur aus eigen sind.

Ich hat­te Gele­gen­heit, dies genau zu beob­ach­ten, denn nur zwei­mal ver­säum­te ich die­sen melo­dra­ma­ti­schen Auf­tritt, und nur ein­mal zoll­te ich ihm nicht die gebüh­ren­de Auf­merk­sam­keit.

Ganz anders Pro­fes­sor Malon. Weder ver­säum­te er den Auf­tritt jemals, noch ließ er es jemals an Auf­merk­sam­keit dafür feh­len, genau­er gesagt, an einer unver­kenn­ba­ren Miss­bil­li­gung, die sich immer wei­ter stei­ger­te, bis sie ihr plötz­li­ches Ende fand.

Dies moch­te umso stär­ker der Fall sein, weil sein Schü­ler und Jün­ger trotz des löb­li­chen Eifers, mit dem er sich jedes mal ein­fand — in mehr als letz­ter Minu­te — es doch an Respekt vor der Phi­lo­so­phie, der Kro­ne der Wis­sen­schaf­ten, emp­find­lich feh­len ließ. Malon, der von sei­nem Pult in den Saal sah, konn­te als Ein­zi­ger beob­ach­ten, dass die Stö­rung mit dem ein­drucks­vol­len Auf­tritt und Umgang, ja, selbst mit dem Vor­beizwän­gen an meh­re­ren unwil­li­gen Kom­mi­li­to­nen noch kei­nes­wegs ein Ende, son­dern im Gegen­teil, erst ihren Anfang nahm.

Denn ehe der Schul­di­ge, aber durch­aus nicht Schuld­be­wuss­te, sich setz­te, die Bügel­fal­te sei­ner Hose hoch­zup­fend, wand­te er sich jedes mal nach rechts, drei Bän­ke zurück, zu dem Platz, wo ich saß. Er befand sich gera­de am äußers­ten Ende mei­nes Blick­fel­des, so dass ich die­se Wen­dung auch wahr­neh­men konn­te, ohne dass ich sei­nem prü­fen­den Bli­cke jedes mal hät­te begeg­nen müs­sen. Ich muss frei­lich sagen, dass ich den all­ge­mei­nen Auf­ruhr und die vor­wurfs­vol­le Pau­se, die Pro­fes­sor Malon zu die­sem Zeit­punkt gewöhn­lich ein­leg­te, immer aus­nutz­te, mich bei­läu­fig nach dem Stö­ren­fried umzu­se­hen und sei­nen Blick zu erwi­dern, bevor ich mich eilig wie­der mei­nem Heft zuwand­te, so dass er sich nicht zu viel dar­auf ein­bil­den konn­te. Ich gebe aber zu, dass der Blick die­ses schüch­ter­nen jun­gen Man­nes mich beglück­te.

Denn schüch­tern, dach­te ich, muss­te er ja wohl sein. War­um sonst die­ser lär­men­de, auf­wän­dig insze­nier­te Umweg zu einer so frag­wür­di­gen und unsi­che­ren Begeg­nung der Bli­cke? War­um setz­te er sich nicht ein­fach neben oder hin­ter mich?

Aber es gefiel mir, dass er schüch­tern war oder jeden­falls sich die­sen Anschein gab. Hät­te er sich frech und auf­dring­lich neben mich gesetzt, das Gan­ze hät­te bald sei­nen Zau­ber ein­bü­ßen müs­sen. Und im Übri­gen benahm sich die­ser schüch­ter­ne jun­ge Mann auch durch­aus nicht schüch­tern. Ich brauch­te, wie gesagt, mei­nen Blick gar nicht zu wen­den, um zu bemer­ken. wie immer wie­der im Ver­lauf einer sol­chen Drei­vier­tel­stun­de sein Kopf sich rück­wärts wand­te, als müss­te er sich ver­ge­wis­sern, dass ich auch unter­des­sen den Saal nicht ver­las­sen hät­te.

Hät­te ich sei­ne Bli­cke eben­so oft erwi­dern wol­len, wie ich sie emp­fing, es wäre eine Unmög­lich­keit dar­aus gewor­den. albern gera­de­zu. Aber es genüg­te mir schon — und auch ihm offen­bar — dass ich sie bemerk­te, sie sozu­sa­gen heim­lich in Besitz nahm, als mir gehö­rig, und im Lau­fe des Semes­ters wahr­haf­tig einen klei­nen Schatz davon spei­cher­te.

Nie­mand wür­de mir wohl glau­ben, wenn ich behaup­ten woll­te, dass ich die­se Bli­cke alle unge­se­hen hin­nahm, sie unbe­se­hen ein­sack­te, sozu­sa­gen wie man Geld von einem Freund annimmt, der einen gewiss nicht betrü­gen wird. Natür­lich erwi­der­te ich sie ab und zu, ver­such­te aber mehr oder weni­ger, mei­ne Ant­wort bei­läu­fig erschei­nen zu las­sen, indem ich den Blick zur Fens­ter­rei­he wei­ter­wan­dern ließ oder von ihm fort ins Lee­re.

Es waren höchst merk­wür­di­ge Bli­cke, die auf sol­che Wei­se aus­ge­tauscht wur­den, nicht zu ver­glei­chen mit denen, die sonst zwi­schen Mann und Frau unbe­wacht­er­wei­se hin und her­ge­hen, zwei Unbe­kann­ten, die das Ziel der Bekannt­schaft nahe vor sich haben. Aber unter dem sei­di­gen Gewe­be des phi­lo­so­phi­schen Dis­kur­ses, gefil­tert, geklärt und doch nicht zer­stört, begab sich alles ganz lang­sam und gedämpft, etwas blut­los viel­leicht, wie man eben die Fäden einer Idee hin und her webt, um dann am Ende zögernd zu prü­fen, ob das Gespinst dem Tages­licht und der täg­li­chen Bean­spru­chung auch genü­gen wird.

An die­sem Diens­tag fühl­te ich das Weben der Fäden noch unwi­der­steh­li­cher als am Frei­tag vor­her. Jeder Blick war wie ein schwa­cher Ein­stich in mei­ne Haut; er ver­letz­te mich auf eine so tröst­li­che und beru­hi­gen­de Wei­se. Ich wur­de fort­ge­zo­gen von all den Schwie­rig­kei­ten, die ich getürmt sah auf allen Sei­ten, fort­ge­zo­gen ins Ein­fa­che und Natür­li­che.

Ich kann­te die Lie­be noch nicht. Die Ein­zel­hei­ten, aus Büchern zusam­men­ge­le­sen, ver­lo­ren hier ihre Bedeu­tung. Dies hier kam mir ganz anders vor als alles, was in Büchern stand. Wie alle, die lie­ben, dach­te ich, für mich müss­te es anders sein, nicht platt, nicht banal. Ich wuss­te, dass es so nicht sein konn­te. Aber wie es sein soll­te …?

Ohne den Kopf zu wen­den, warf ich einen raschen Blick hin­über. Wie schön sein Hin­ter­kopf gewölbt war! Ich wür­dig­te das umso mehr, da es mir sel­ber an die­ser Wöl­bung fehl­te und an dem, wie man sagt, damit ver­bun­de­nen Talent zur Mathe­ma­tik. Auch die Stirn floh nicht zurück, ange­nehm run­de­te sie sich hin­auf zu dem hohen Ansatz von dunk­lem Haar. Ver­gnüg­lich und nicht ganz ide­al war nur die Nase: man konn­te die Zeich­nung des Nasen­lo­ches sogar von der Sei­te erken­nen, eines sehr lan­gen und fast ein wenig ins Gesicht zurück­lau­fen­den Nasen­lo­ches, einem Schnep­fen­schna­bel nicht unähn­lich.

Obwohl ich mich nicht gerührt hat­te, war wohl der schmerz­haf­te Ein­stich auch bei ihm bemerk­bar: er wand­te sich um mit einem klei­nen Lächeln, ehe ich mei­nen Blick hat­te zurück­neh­men kön­nen. Pro­fes­sor Malon stock­te ein wenig in sei­ner Rede, wie erschro­cken, aber er brauch­te nicht besorgt zu sein, ich lächel­te natür­lich nicht. Es war nur plötz­lich wie ein hel­les Geflim­mer über dem Saal, ich sah nichts mehr deut­lich, konn­te den Blick auf nichts Bestimm­tes mehr rich­ten, als wären die Augen von die­sem sekun­den­lan­gen Anblick über­mü­de gewor­den.

Ohne Bedau­ern sah ich Felix Erlach gehen nach der Vor­le­sung.

Ich wuss­te ohne­hin, dass er die fol­gen­de von Wig­gert nicht mit anhör­te. Wohin er ging, frag­te ich mich nicht. Was er jetzt tun, mit wem er zu Mit­tag essen wür­de, war nicht wich­tig, wich­tig war die­ses klei­ne ver­trau­te Lächeln. Ich hob es auf, bet­te­te es in mich ein, und manch­mal mach­te es mich sel­ber lächeln.

Es war fast Mit­tag, als der Hör­saal uns ent­ließ aus sei­ner Küh­le. Ich schlen­der­te über die Höfe dem Kreuz­her­ren­platz zu, halb und halb ent­schlos­sen, heu­te nun end­lich hin­über­zu­drin­gen über die Karls­brü­cke ins ältes­te, wirk­li­che Prag, und drü­ben nach Lin­des Domi­zil zu for­schen, obwohl sie es mir nur unge­nau beschrie­ben hat­te. Es muss­te ein hüb­sches altes Haus sein, am Klein­seit­ner Ring, gegen­über der Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le, so hat­te sie gesagt. Sie wohn­te dort bei Ankas Eltern zur Unter­mie­te.

Zwar mach­te mich der Gedan­ke ängst­lich, mich in die­ses Haus ein­zu­drän­gen, aber ich wuss­te doch nicht, ob es nicht rich­tig und nötig war, dass ich mich nach Lin­de umsah, da ich ein­mal ihren Kum­mer kann­te. Zwar trau­te ich mir nicht zu, viel trös­ten zu kön­nen, aber Anka, mein­te ich bei mir, moch­te zu einem sol­chen Amt noch weni­ger tau­gen, wenn sie über­haupt von allem wuss­te. Und Hart­muth wie­der wür­de in die­ses Haus wohl nicht mehr ger­ne gehen.

Warm und still stand die Luft über dem Platz, als ich hin­aus­trat durch die klei­ne aus­ge­spar­te Tür in dem Tor von Schmie­de­ei­sen. Das Was­ser des Mol­dau­wehrs braus­te nahe hin­ter den Häu­sern. Sum­mend wie ein Orgel­ton stand die­ses Brau­sen über der Wei­te des Plat­zes, die doch eng schien, da sie bestürmt war von drei gewal­ti­gen Bau­wer­ken: zur Lin­ken von den figu­ren­ge­krön­ten drei Toren der Sal­va­tor-Kir­che, zur Rech­ten von der Kup­pel der Kreuz­her­ren­kir­che, die weiß leuch­te­te in ihrer Höhe vor dem mild­blau­en Him­mel, und vom Alt­städ­ter Brü­cken­turm da schräg gegen­über, dem ältes­ten der drei, der wahr­haft väter­lich dastand, der brei­te Turm bewehrt mit klei­ne­ren Türm­chen, und unter den Stein­bil­dern der Köni­ge das Spitz­bo­gen­tor offen­hielt, den Ein­gang in die Welt jen­seits der Mol­dau.

Das Tor, aus dem ich trat, war in die­se Fül­le nur beschei­den ein­ge­zwängt, ein Zaun­gast nur. Wäh­rend ich den Platz über­schritt, tat sich mir auch der Blick nach drü­ben auf, über den Fluss hin, und es war, als trä­ten aus der Fer­ne her auch Burg und Dom und die Kup­peln und Tür­me und Dächer der Klein­sei­te noch her­ein in die­se dich­te Fül­le, in deren Mit­te Kai­ser Karl auf stei­ner­nem Sockel resi­dier­te.

Nahe dem Kai­ser, auf einer Bank am Was­ser, saß eine alte Bäue­rin im schwar­zen stei­fen Rock, das schwar­ze Kopf­tuch unterm Kinn zuge­bun­den, in der war­men Son­ne. Sie bestaun­te nichts von dem, was um sie war. Seit ihrer Kind­heit moch­te sie’s gese­hen haben, wie­der und wie­der, wenn sie ihre Sachen zum Markt brach­te und in der Mit­tags­son­ne hier ein klei­nes Nicker­chen tat.

Frie­den war um sie her, wie sie da saß, und doch dach­te ich, wie das sein müss­te, wenn man nichts von allem hier wirk­lich sah. Und wie ein beson­de­res Glück fühl­te ich es plötz­lich, dass ich nicht hier gebo­ren war, dass ich all die­se Bil­der nicht gewohnt war von Kind­heit an, son­dern dass ich sie sehen konn­te mit dem Ent­zü­cken, das nur das Neue und noch nie Gese­he­ne so stark in uns weckt.

Durch den stei­ner­nen Tor­bo­gen des Tur­mes ging ich — kühl weh­te es mich an von der Mau­er her — und wech­sel­te hin­über auf die lin­ke Brü­cken­sei­te, da ich sah, dass auch die andern wie nach einem unge­schrie­be­nen Gesetz sich links hiel­ten auf dem Wege hin­über. Schließ­lich waren in die­sem Land bis vor Kur­zem auch die Kraft­fahr­zeu­ge auf der lin­ken Stra­ßen­sei­te gefah­ren. Grün wuchs es vom Ufer­grund her­auf zu der Brü­cke und ihren stei­ner­nen Gestal­ten, die hoch von ihren Sockeln sich her­neig­ten zu dem, der vor­über­ging. Da stan­den sie, Bil­der einer Zeit, in der das Himm­li­sche sich noch besprach mit dem Irdi­schen; Son­nen­licht zeich­ne­te den Fal­ten­wurf ihrer Klei­der nach, dass es fast schien, als bewe­ge sie der Wind. Da neig­ten sie sich her, als hät­te man sie etwas gefragt, als müss­ten sie Rede und Ant­wort ste­hen. Aber wer frag­te sie noch? Die hier gin­gen, gin­gen vor­bei, kaum, dass einer zu ihnen auf­sah wie ich. Und doch waren sie nicht tot, schie­nen aus irgend­ei­ner Fer­ne her Leben zu emp­fan­gen und aus­zu­tei­len.

Ich blieb ste­hen, um in mei­ner Kol­leg­ta­sche nach der Son­nen­bril­le zu suchen, gespannt, ob sich das Bild durch den schmeich­le­ri­schen dunk­len Ton des Gla­ses noch schö­ner aus­neh­men könn­te. Da fiel mein Blick auf einen klei­nen wei­ßen Gegen­stand vor mei­nen Füßen. Ich bück­te mich danach und hob ihn auf. Es war ein Wür­fel, nicht grö­ßer als ein Kirsch­kern, und die Zahl, die mir ent­ge­gen­sah, war eine Sechs. Sah es nicht aus, als woll­te die Stadt mich damit locken und für sich gewin­nen?

Ich dach­te an das, was Hart­muth am Tag vor­her über die Stadt gesagt hat­te: „Als ob man sie nur lie­ben dürf­te, als ob sie alle ande­re Lie­be mit Eifer­sucht ver­folg­te…” Ich hielt den Wür­fel auf der fla­chen Hand vor mich hin. Die sechs Augen blick­ten mich an. Ein Mann, der vor­über­ging, späh­te neu­gie­rig nach mei­nem Fund. Es han­del­te sich ja nicht um einen Wert­ge­gen­stand, zu gering­fü­gig, des­we­gen irgend­wel­che Umstän­de zu machen, gar den Ver­lie­rer zu suchen. Und doch lag in der Sechs, die mich ansah, eine gehei­me, locken­de Bedeu­tung; sie erfüll­ten mich mit Zuver­sicht und Vor­freu­de. Ein Ver­spre­chen war es, eine siche­re Hoff­nung.

Die Klein­sei­te emp­fing mich, wie die Alt­stadt mich ent­las­sen hat­te: mit grü­nen­den Zwei­gen, die her­auf­wuch­sen zu den Figu­ren der Hei­li­gen und mit einem Spitz­bo­gen­tor, das dies­mal aller­dings flan­kiert war von zwei Tür­men, die wie Mut­ter und Toch­ter hier der Muße pfleg­ten, bei­de etwas zur Fül­le nei­gend, wäh­rend der Vater hoch­ge­wach­sen und kräf­tig drü­ben am andern Ufer Wache hielt. Zwi­schen die bei­den behä­bi­gen Tür­me aber, Mut­ter und Toch­ter, dräng­te sich hoch und gewal­tig das Bild einer Kir­che, Turm und Kup­pel.

Wie­der emp­fand ich den Durch­gang durch das küh­len­de Tor als Wohl­tat, mir war ganz wirr im Kopf von Son­ne und Bil­dern. Alle Lust, einen Besuch zu machen, war mir ver­gan­gen. Im Schat­ten der Gas­se streb­te ich den noch küh­le­ren Lau­ben­gän­gen zu, immer das Bild der Kir­che vor Augen, die über die win­zi­gen Men­schen, Schub­kar­ren und Autos hoch­rag­te wie in den Him­mel hin­ein.

Als sich unter den küh­len­den Bogen der Kolon­na­de neben mir eine Tür in ein Restau­rant öff­ne­te, trat ich ein, ohne zu zögern. Es war eine ält­li­che behag­li­che Gast­wirt­schaft. Licht brann­te hier, wohl­tu­end mil­de nach der grel­len Son­ne. Als ich die Son­nen­bril­le abnahm und in die Tasche steck­te, sah ich in einer der Nischen Anka sit­zen und neben ihr einen Mann in Sol­da­ten­uni­form. — Sol­dat oder Offi­zier — ich konn­te das nie erken­nen, beson­ders wenn einer kei­ne Müt­ze trug. Ich ent­schied es dann von Fall zu Fall nach dem Gesicht, aber damit hat­te ich oft wenig Glück.

Ich war etwas rat­los, woll­te mich fort­wen­den, was aller­dings schwie­rig war in einem so engen Raum, aber Anka rief mich schon an den Tisch und zog mich an der Hand auf einen Stuhl ohne gro­ße For­ma­li­tä­ten der Begrü­ßung oder Vor­stel­lung. Sie wähl­ten gra­de, ich tat es ihnen nach. Erst dann deu­te­te sie auf ihren Beglei­ter, einen unschein­ba­ren klei­nen Mann, jung noch, jün­ger wahr­schein­lich, als man ihn schätz­te, denn er hat­te einen Zug in sei­nem Gesicht, das nicht jung sein konn­te, nicht jung sein woll­te viel­leicht. Sei­ne Augen waren schön, grau und wol­kig und viel­fäl­tig in dem unbe­deu­ten­den Gesicht.

Das ist Schö­now”, sag­te Anka. „Vori­ges Jahr hat er hier stu­diert, dies­mal gibt er nur ein Gast­spiel. Der Herr Gene­ral aus Frank­reich!” Und sie schnipp­te das Ende sei­nes Schul­ter­stücks hoch. Obwohl ich mir auf die Zei­chen dar­auf kei­nen Reim machen konn­te, sag­te ich mit Stau­nen, aber doch ohne gro­ße Begeis­te­rung:

Sie sind mein ers­ter Gene­ral!” Anka lach­te.

Der Herr Gene­ral! Der Herr Uhren­ge­ne­ral! Uhren­wurm habe ich ihn immer genannt, aber jetzt werd’ ich ihn Uhren­ge­ne­ral nen­nen, das klingt doch viel mehr nach was. Er sam­melt näm­lich Uhren, weißt du. Am liebs­ten würd’ er auch die vom Alt­städ­ter Rat­haus sam­meln, wenn sie nicht so groß wär’!”

Du stellst es immer dar, als steh­le ich mir mei­ne Uhren zusam­men — steh­le? Stehl­te? Stöh­le? Stäh­le? Gibt es da kei­nen Kon­junk­tiv?”

Nein, wir beschlos­sen, es gab da kei­nen, kei­nen annehm­ba­re­ren als den Indi­ka­tiv, der Schö­nows genau­es Gemüt nicht zufrie­den­stel­len konn­te. Wun­der­li­cher­wei­se fand ich nichts dabei, dass Anka ihn nur „Schö­now” genannt hat­te, ohne „Herr”, ich nann­te ihn auch bei mir sel­ber so und ver­mied es, ihn mit sei­nem Namen anzu­re­den. Es war, als müss­te das „Herr” ihn her­ab­wür­di­gen, ihn ein­ord­nen in eine unüber­seh­ba­re Rei­he von „Her­ren”, mit denen er nichts gemein hat­te.

Das Gespräch floss so wei­ter, es dreh­te sich näm­lich um eine Uhr, die Schö­now eben beschrei­ben woll­te, als ich ein­trat.

Rund­her­um war es wie klei­ne Rosen­blät­ter gefloch­ten, so dass die gan­ze Uhr wie eine Blu­me aus­sah. Gefloch­ten war es aus Haa­ren, die fast genau so gol­den waren wie das Gold der Uhr, ein hel­les Röt­lich­blond. Auf der Rück­sei­te war eine Wid­mung ein­gra­viert: „Cela vous pro­te­ge­ra. C.S.” Cela vous pro­te­ge­ra — weißt du, woher das kommt?”

Anka brei­te­te die Hän­de flach vor sich hin wie Fächer und schüt­tel­te den Kopf. Nein, sie wuss­te es nicht.

Ich wäre viel­leicht auch nicht drauf gekom­men”, fuhr Schö­now eif­rig fort, „wenn ich nicht in der Biblio­thek das Buch gefun­den hät­te. Ein deut­sches Buch. Ein Buch vom Krieg.”

Auf­merk­sam uns bei­de der Rei­he nach anse­hend, woll­te er uns ein­hel­fen, wie man Kin­dern ein­hilft, wenn sie ein Gedicht nicht wei­ter­wis­sen. Anka hat­te die Hän­de vorm Gesicht flach zusam­men­ge­legt, die Dau­men unterm Kinn, und die Nase, das ein­zig Unge­mäs­se ihres Gesichts, barg sich in der fla­chen Höh­le zwi­schen den Hand­flä­chen.

Cela vous pro­te­ge­ra — ein Buch vom Krieg? Der Cor­net?”

Schö­now schlug sich auf die Schen­kel, was eine drol­li­ge Wir­kung mach­te bei sei­ner mage­ren Figur.

Der Cor­net — in der Biblio­thek eines fran­zö­si­schen Schlos­ses! Was sagst du dazu?”

Anka hat­te offen­bar kei­ne Lust, viel dazu zu sagen. „Phan­tas­tisch!” mur­mel­te sie — das gau­mi­ge, fast nasa­le n, das offe­ne zwei­te a — ich hat­te es schon ein­mal von ihr sagen hören, aber heu­te war kein Nach­druck dahin­ter.

Geh, du bist fad heu­te”, sag­te Schö­now, „aber war­te nur, du wirst es lesen und du wirst sehen -”

Du hast es denn mit?” frag­te Anka mit erwach­tem Inter­es­se.

Ich habe es nicht gestoh­len, wie du wie­der anneh­men wirst”, erwi­der­te Schö­now. „Ich hab es abge­schrie­ben mit die­sen mei­nen Fin­gern -” und er streck­te sie gespreizt in die Höhe, alle zehn, es waren schma­le schö­ne Fin­ger. „Abge­schrie­ben habe ich es, eh’ ich her­kam, und du wirst es zu lesen krie­gen, sobald wir drau­ßen auf dem Was­ser sind. Hier­her”, und er fuhr mit der fla­chen Hand über den blank­ge­scheu­er­ten gro­ben Tisch — „hier­her passt es nicht.”

So — wer­den wir denn drau­ßen auf dem Was­ser sein?” erkun­dig­te sich Anka erstaunt.

Sobald die­ses Mahl hier voll­zo­gen ist.” Anka schien mir heu­te abwe­send, fast ein wenig unge­hal­ten. Das Heft war ihr aus der Hand genom­men.

Übri­gens, was die Uhr betrifft”, fuhr Schö­now fort in dem offen­sicht­li­chen Wunsch, genau zu sein, „nach­her hat es mir leid getan, dass ich die­ses eine Mal nicht doch mei­nem Grund­satz untreu gewor­den bin, dass ich sie nicht mit­ge­nom­men hab. Man hätt’ sie ja spä­ter zurück­ge­ben kön­nen, der Eigen­tü­mer des Schlos­ses müsst’ sich ja ermit­teln las­sen. Dann wär’ sie wenigs­tens noch ganz.”

Ich den­ke, bei dir gehen alle Uhren kaputt?” erkun­dig­te sich Anka. Schö­now schüt­tel­te den Kopf über ihr stör­ri­sches Wesen.

Du ver­wech­selst das. Sie gehen nicht kaputt, sie gehen nach. Aber bei die­ser Uhr war es ja nicht so wich­tig, dass sie ging, sie brauch­te nur da zu sein, das wäre schon genug gewe­sen.”

Und wie­so ist sie nicht mehr da?”

Schö­now hob das Bier zum Mund, das die Kell­ne­rin vor ihn hin­ge­stellt hat­te. Er trank, ver­säum­te es aber danach, sich den Schaum von den Lip­pen zu wischen, so dass ihm rechts und links zur Nase eine wei­ße Schnurr­bart­spit­ze hoch­streb­te.

Die­ser Flü­gel des Schlos­ses wur­de zer­stört”, sag­te Schö­now. „Eine sinn­lo­se Spren­gung: dahin­ter waren Befes­ti­gungs­an­la­gen, aber das Schloss hät­te man auf jeden Fall scho­nen kön­nen. Die Bewoh­ner waren geflüch­tet, es muss noch alles so gele­gen haben, wie ich es gese­hen hat­te, wenn nicht schließ­lich doch einer die Uhr mit­ge­nom­men hat.”

Anka spiel­te mit den Bier­de­ckeln, also sah er mich an, und ich strich mir rasch mit den Fin­gern über der Lip­pe ent­lang; er ver­stand es dank­bar und zog sein Taschen­tuch, sich den Mund zu wischen, noch ehe das Komi­sche sei­nes Anblicks mit dem Tra­gi­schen sei­ner Erzäh­lung in Kon­flikt gera­ten konn­te.

Einen Augen­blick lang war der Krieg gegen­wär­tig in die­sem Raum, der dem Krie­ge so fern lag. Drei Jah­re dau­er­te er schon, drei Jah­re lang ver­lo­ren Men­schen ihr Heim, waren auf der Flucht, wur­den getö­tet. Aber das alles war so fern, es war eher wie eine Geschich­te oder wie His­to­rie. Selbst Schö­now, der dabei gewe­sen war, konn­te die Wirk­lich­keit des Krie­ges nicht mit sich bis hier­her brin­gen. Sie muss­te ihm unter­wegs ver­lo­ren­ge­gan­gen sein. Geblie­ben war die Geschich­te von einer Uhr, die er gese­hen und bewun­dert hat­te. Nur im Neben­satz kam es her­aus, wie Schlös­ser zer­stört und Men­schen ver­jagt wur­den.

Nach dem Essen, drau­ßen unter der Wöl­bung des Lau­ben­gan­ges, woll­te ich mich ver­ab­schie­den. Ich hät­te nach Lin­de sehen wol­len, sag­te ich. Es wäre mir am Tage vor­her vor­ge­kom­men, als gin­ge es ihr nicht so gut.

Die Lin­de? Die ist gesund wie ein Fisch im Was­ser. Aus­schaun tut sie immer, als müsst’ sie gleich umfal­len, aber sie ist zäh wie Leder, da brauchst dir kei­ne Gedan­ken zu machen. Außer­dem ist sie gar nicht daheim. Die hat zu tun bis an den Hals, der Wig­gert will auf ein­mal sein Buch fer­tig­ma­chen.”

Aber das -” ich ver­stumm­te. Das ist doch nicht mög­lich, hat­te ich sagen wol­len, aber was ging es mich an, und was für ein Recht hat­te ich, Sachen aus­zu­plau­dern, die Anka — viel­leicht — noch nicht wuss­te, die ich auch nicht gewusst hät­te, hät­te sie mir nicht der Zufall vor Augen geführt.

Da schau, sie will sich bloß vorm Rudern drü­cken, die Frän­zi”, sag­te Anka jetzt. „Geh, tu was für einen müden Krie­ger, und mich lasst’s auch mit­fah­ren, ich mag mich nicht anstren­gen heut. Es ist eh’ so heiß.”

Es traf sich gut, dass das Rudern eine Lieb­ha­be­rei von mir war, eine unglück­li­che aller­dings, denn ich muss­te immer erst über­le­gen, mit wel­chem Schla­ge das Boot zu len­ken war, von allein wuss­te ich’s nie. Aber die­se beschei­de­nen, beschränk­ten Fähig­kei­ten, sag­te ich, woll­te ich ger­ne in den Dienst der All­ge­mein­heit stel­len und wur­de also dank­bar ins Schlepp­tau genom­men.

Fort ging’s vom Klein­seit­ner Ring, durch eine schma­le krum­me Gas­se wie­der auf eine Kir­che zu, die sich breit, behä­big und fest­ge­fügt uns in den Weg stell­te und das Gäss­chen zum Aus­wei­chen zwang. Wie wun­der­lich war hier alles ver­stellt und ver­scho­ben in rei­zen­der Unord­nung! Nichts war mit dem Line­al gezo­gen, alles mit der Hand gezeich­net, lang­sam, lie­be­voll, auf Abwechs­lung bedacht war es gezeich­net, ein biss­chen unsi­cher, ob das Gan­ze auch Wir­kung machen wür­de. Da war nichts von der phan­ta­sie­lo­sen Zuver­sicht der moder­nen Städ­te­pla­ner, die ent­schlos­sen ihre Lini­en zie­hen hin und her und alles zer­stö­ren, was heim­lich und beson­ders wer­den könn­te.

Schon nach der ers­ten Bie­gung der Gas­se ver­scholl hin­ter uns der Lärm der gro­ßen Stra­ße, das Klin­geln, Hupen und Has­ten. In länd­li­chem Frie­den, in war­mer Son­ne lag da der Platz, über den wir gin­gen. Eine wei­ße Kat­ze strich trä­ge an der Haus­wand hin und ver­schwand in einem Tor­durch­gang, auf den Anka eben deu­te­te: „Da hat der Beet­ho­ven gewohnt, und da -” sie zeig­te in ande­rer Rich­tung, „heben sie heu­te noch das Manu­skript vom Koper­ni­kus auf über die Bewe­gung der Him­mels­kör­per, mit dem er sich bei­nah um Kopf und Kra­gen gere­det hät­te.”

Und dort neig­ten sich schon wie­der Figu­ren von ihrem stei­ner­nen Sockel — wie sie alle leben­dig waren, leben­di­ger als die, die zu ihren Füßen hin und her gin­gen, zu has­tig, um eine Spur zu hin­ter­las­sen.

Und hier”, Anka deu­te­te mit dem Kopf nach links, „ins Grand­prio­rats­pa­lais soll der Hart­muth zie­hen mit sei­nem Insti­tut. Dem ste­hen schon die Haar’ zu Ber­ge, ich denk mir immer, er zündet’s noch mal an, bloß dass er nicht umziehn muss.”

Ich sah hin­auf zu Por­tal und Fens­tern, dann bogen wir um die Ecke, und noch stil­ler wur­de es, eine welt­ab­ge­schie­de­ne Stil­le, in die nur die Vögel auf den Bäu­men lei­se hin­ein­schwatz­ten.

Schon war­fen die Lin­den hel­le durch­sich­ti­ge Schat­ten auf das holp­ri­ge Pflas­ter. Unbe­schnit­ten neig­ten sich ihre Zwei­ge, zum Grei­fen tief. Gras wucher­te dicht zwi­schen den Stei­nen. Ein Duft war in der Luft wie Erin­ne­rung und Ver­ges­sen zugleich, alte, alte Zeit, so lan­ge ver­gan­gen und doch gegen­wär­tig im Schwun­ge der Fens­ter­sim­se und Por­ta­le, in den ver­spiel­ten Schnör­keln einer Gar­ten­mau­er, in der Stil­le, im stum­men, fast ver­sieg­ten Flie­ßen des schma­len Was­ser­arms, über den wir jetzt hin­gin­gen, im Efeu, dem Gewächs der Toten, das über die Ufer­mau­er hin­un­ter­wu­cher­te, in dem alten Mühl­rad, das müde gewor­den und end­lich ste­hen­ge­blie­ben war. Alte Zeit, Gewe­be von Erin­ne­rung und Ver­ges­sen­heit, zu leicht für Men­schen­hän­de und zu zart fast, um die zögern­den Lau­te der Vögel zu ertra­gen.

An ärm­li­chen, halb­ver­fal­le­nen Häus­chen vor­bei kamen wir jetzt zum Was­ser. Da sah ich etwas, was mich zugleich freu­dig erstaun­te und wun­der­te: im blau­en Klei­de mit wei­ßen Punk­ten, da saß sie, wie sie am Mor­gen aus unse­rem Zim­mer fort­ge­gan­gen war, Maria, den Zei­chen­block auf den Kni­en, am Was­ser und mal­te, viel zu ver­tieft, um uns zu bemer­ken. Mir war, als wäre ich inzwi­schen aus einer Welt in eine ande­re und wie­der in eine ande­re hin­über­ge­wech­selt. Einen Augen­blick lang konn­te ich es nicht begrei­fen, dass sie, die ich zurück­ge­las­sen hat­te in der ers­ten Welt, jetzt auch hier war.

Unmög­lich konn­te ich vor­bei­ge­hen und mich blind stel­len. Aber ich frag­te mich auch, wie man die­se bei­den Wel­ten zusam­men­brin­gen könn­te. Ich ging über das holp­ri­ge Gestein, das sich flach dem Was­ser zuneig­te, bis dicht zu ihr hin und sag­te:

Hal­lo, Maria!” Sie sah sich um, nicht erschro­cken, aber auch nicht gra­de ent­zückt über die Stö­rung, sah zu mir auf: „Hal­lo, Fran­zis­ka!” und dann wei­ter zu den Bei­den, mit denen ich gekom­men war. Jetzt erst lächel­te sie, es war das förm­li­che Lächeln des ers­ten Mor­gens, das sie inzwi­schen längst abge­legt hat­te. Sie leg­te den Zei­chen­block auf die Stei­ne und stand auf:

Graf Schö­now, las­sen Sie sich auch mal hier sehen, nach­dem Sie andern Leu­ten dau­ernd ver­si­chert haben, man könn­te nir­gend­wo leben als in Prag?”

Der war her­an­ge­kom­men und beug­te sich über ihre Hand: „Frau Baro­nin, Sie hät­te ich aller­dings zuletzt hier ver­mu­tet!” (Ich frag­te mich, ob er wohl jemals Anka so andeu­tungs­wei­se die Hand geküsst hat­te.)

Über Mari­as Nasen­wur­zel stand einen Augen­blick lang eine klei­ne stei­le Fal­te, so, wie wenn jemand sich in einen Schuh zwän­gen muss, den er schon abge­legt hat­te, weil er zu eng war.

Jeden­falls bin ich Ihnen dank­bar, dass Sie mich ver­führt haben, her­zu­kom­men an den Busen der Alma Mater Pra­gen­sis, wie man das so hübsch sagt. Sie haben recht, Prag muss man gese­hen haben, ehe man stirbt.”

Ich hof­fe doch, Sie sind nicht her­ge­kom­men, weil sie schon ans Ster­ben den­ken, Frau Baro­nin.” Ich fand, er beton­te das „Frau Baro­nin”, als woll­te es ihr einer strei­tig machen. Ich fühl­te mich auf ein­mal merk­wür­dig bür­ger­lich, wur­de sozu­sa­gen erst mei­ner Bür­ge­rin­nen und Bür­ger­lich­keit gewahr neben so adli­ger Gesell­schaft. Aber zugleich wuss­te ich: es wog nichts, jeden­falls nicht viel. Was wog, waren die drei Men­schen, die da neben mir stan­den, und sie wogen, jeder sei­nem Schick­sal, sei­nem Tun und sei­nem Wesen gemäß, abge­löst von ihren Namen.

Ich glau­be”, erwi­der­te Maria, „ich bin aus dem­sel­ben Grun­de her­ge­kom­men wie Sie. Wir spra­chen ein­mal davon beim Rei­ten am Müg­gel­see — erin­nern Sie sich? Sie sag­ten, hier ist man frei von den For­men — man ist es ja mehr oder weni­ger über­all, wo man nicht zu Hau­se ist, wo man die For­men nicht mit sich her­um­schleppt von Haus zu Haus. Aber es ist wahr, man ist es hier beson­ders.”

Der Beweis steht hier vor Ihnen”, erwi­der­te Schö­now, „Anka Grä­fin zu Wal­den­furth, gebo­ren in Prag, wohn­haft in Prag, aber frei wie ein Vogel. Und das ist Baro­nin Scharff-Habe­land, bei­de unbe­kann­ter­wei­se bekannt mit­ein­an­der durch mei­ne Wenig­keit.”

Jede schien an der Ande­ren Gefal­len zu fin­den, ein sel­te­ner Fall, dach­te ich, nur mög­lich bei einem Mit­tels­mann wie dem Uhren­ge­ne­ral. Zwar war es schwer, sich Anka von irgend­ei­nem Men­schen beson­ders beein­druckt vor­zu­stel­len, und Maria war ein­mal gewiss nicht die­ser Mensch. Sie sah rei­zend aus, wie sie so vor uns stand, leicht und hell und flüch­tig in ihrem Som­mer­kleid, glück­li­cher­wei­se wie seit Tagen schon ohne Blu­me, ohne Band, ohne die hel­len gehä­kel­ten Zwirns­hand­schu­he, die sie manch­mal plötz­lich trug, ohne zu fra­gen, ob sie ihrem Anzug zuträg­lich waren oder auch nur zu ihm pass­ten. Wie­der beleb­te die Nähe des Flus­ses die Far­be ihrer Haut, mach­te sie leben­di­ger und siche­rer, wie die Nähe hilf­rei­cher Geis­ter. Aber sie blieb immer noch blass und wie durch­sich­tig.

Ja, sie stand da wie der Gegen­pol zu Anka, die so leib­haf­tig war, so gegen­wär­tig, so scharf gezeich­net gegen den Hin­ter­grund der über­schat­te­ten Mau­er. Ich sah es, wie Maria sofort ange­zo­gen war von dem so sehr Leben­di­gen in die­sem Gesicht. Ich sah auch, wie sie sofort das Anspruchs­vol­le des Gesichts ver­merk­te, aber nicht übel ver­merk­te, son­dern als so natür­lich, wie wir alle es nah­men.

Ich freue mich sehr, Sie ein­mal zu sehen”, sag­te Maria und gab Anka die Hand. „Ich habe so viel von Ihnen erzäh­len hören.”

Ich fra­ge mich manch­mal, wie mei­ne Freun­de in der Fer­ne über mich reden”, sag­te Anka, „da sie offen­bar so viel über mich reden. Es kann ja nicht immer nur Gutes sein.”

Doch, das war’s in die­sem Fal­le. Der Graf -” sie wink­te mit dem Kop­fe zu ihm hin, „sieht ja ger­ne nur das Gute.”

Wir wol­len in See ste­chen, Baro­nin”, sag­te Schö­now jetzt. „Wol­len Sie nicht mit­tun?” Maria zöger­te.

Da wir ja hier frei sind wie die Vögel”, ant­wor­te­te sie schließ­lich, „und da die Form hier kei­ne Rol­le spielt, möch­te ich lie­ber blei­ben und fer­tig­ma­len. Wenn ich Zeit habe, wer­de ich Ihnen win­ken, und wenn Sie Schiff­bruch lei­den soll­ten hier in der Gegend, wer­de ich Hil­fe holen. Das genügt im Augen­blick mei­nen Bedürf­nis­sen nach Gesell­schaft.”

Mit einem Win­ken ver­ab­schie­de­te sich Schö­now — offen­bar woll­te er eine Wie­der­ho­lung des Hand­kus­ses ver­mei­den, den er vor­hin, alter Gewohn­heit fol­gend, prak­ti­ziert hat­te und der anschei­nend auch unter die uner­wünsch­ten und ver­ab­schie­de­ten „For­men” zu rech­nen war. Er und Anka gin­gen wei­ter.

Maria berühr­te mich am Arm und leg­te den Fin­ger auf die Lip­pen. Ich beweg­te beja­hend die Augen­li­der: ja, ich hat­te ver­stan­den. Die For­men ver­ab­scheu­te sie, aber auch zur Wahr­heit woll­te sie sich nicht beken­nen, so wie sie Titel und Namen nicht abge­lehnt hat­te, die sie doch nicht mehr füh­ren woll­te. In einem unwirk­li­chen Zwi­schen­reich woll­te sie blei­ben, hier die sein, und dort eine ande­re. Aber so frei, dach­te ich, so frei ist kein Mensch. So konn­te man Frei­heit nicht miss­brau­chen.

Wir wer­den ein Pfand las­sen müs­sen”, sag­te Anka eben, als ich zu den bei­den stieß. „Gib halt dei­ne Uhr, aber richt’ sie erst, sonst wird der Cha­ron miss­trau­isch.” Heim­lich und eilig rich­te­te Schö­now sei­ne Uhr nach dem Alt­städ­ter Was­ser­turm drü­ben am Ufer, dann tra­ten wir in Ver­hand­lun­gen um ein Boot ein und bestie­gen bald dar­auf das lan­ge schma­le Gefährt.

Schö­now schlug vor, wir soll­ten losen um den Pos­ten des Ruder­gän­gers.

Wir kön­nen wür­feln”, sag­te ich und zog mei­nen Wür­fel her­vor. „Ich hab ihn grad gefun­den oben auf der Karls­brü­cke. Die Sechs lag nach oben.” Das gefiel Anka. Sie nahm ihn auf und ließ ihn auf die Bank rol­len.

Ist er nicht her­zig?” Die Sechs lag nach oben. „Es ist ein Sech­sen­wür­fel”, mein­te sie. Aber das war er nicht; Schö­now warf eine Vier und ich eine Eins, so dass der Zufall genau ent­schie­den hat­te über die Rang­ord­nung.

Wie üblich mach­te es mir Mühe, aus dem Boots­ha­fen hin­aus­zu­sto­ßen ins freie Was­ser, und mit etwas Ban­gen sah ich die brei­ten höl­zer­nen Eis­bre­cher an der Brü­cke und die Brü­cken­bo­gen, so dass ich vor­schlug, wir soll­ten uns mol­dau­auf­wärts hal­ten, aber Anka bestand dar­auf, die Cer­tov­ka zu befah­ren, man füh­le sich da wie in Vene­dig.

Was brauchst du in Prag dich wie in Vene­dig zu füh­len?” frag­te Schö­now, der mei­ne Bedräng­nis sah. Aber sie wisch­te das weg mit gro­ßer Ges­te gegen das Was­ser hin­aus, das von hier rie­sig schien, viel gewal­ti­ger noch als vom Ufer her. Die Stadt, die so leben­dig sich auf und ab hob und senk­te, wenn man durch sie hin­ging — jetzt sah sie flach aus, war hin­ge­sun­ken bis auf einen schma­len bedeu­tungs­lo­sen Rand, der fer­ne das Was­ser umgrenz­te. Es war merk­wür­dig, wie hier vor einem sich alles Ande­re zurück­zog, wie jedes so voll zu sei­nem Recht kom­men und sei­nen Platz ganz für sich bean­spru­chen durf­te, wäh­rend alles ande­re beschei­den zur Sei­te trat, wie es dann Kulis­se blieb und Rah­men.

Ängst­lich steu­er­te ich einer der Durch­fahr­ten zu, brach­te das Boot in die rich­ti­ge Rich­tung und zog dann die Ruder ein, um es trei­ben zu las­sen. Aber ich hat­te nicht bedacht, dass ich auf der lin­ken Sei­te geblie­ben war. Drei Schlepp­käh­ne zogen mol­dau­auf­wärts in der­sel­ben Fahrt­rin­ne. Lang­sam, aber gewich­tig hiel­ten sie auf uns zu, und wäh­rend der stei­ner­ne Bogen über uns vor­beiglitt, mach­te ich eilig mei­ne Berech­nun­gen, wel­ches der Ruder ich in wel­cher Rich­tung bewe­gen müs­se, um uns in Sicher­heit zu brin­gen.

Glück­li­cher­wei­se tra­fen mei­ne Berech­nun­gen zu, der Nachen trieb nach links hin­über, obwohl ich übli­cher­wei­se nach rechts hät­te aus­wei­chen müs­sen, aber der Umweg um die Rei­he der Schlepp­käh­ne schien mir doch zu gewal­tig, da ja die Ein­fahrt in die Cer­tov­ka so nahe war.

Als sie nahe her­an­ge­kom­men waren, sahen wir, dass eine Frau am Steu­er stand. Ein halb­wüch­si­ger hoch­auf­ge­schos­se­ner Bur­sche hock­te neben ihr auf dem Gelän­der und sah neu­gie­rig zu uns her­über. Wir sahen, wie er sei­ne Mut­ter anstieß, sie sol­le auch zu uns sehen, und da sag­te Anka auch schon:

Ach, die Frau vom Fran­ti­sek, da schau her. Lie­be Güte, da fährt sie jetzt allein mit ihrem Kahn. Bloß den Jara hat sie noch zum Hel­fen. Den Mann haben sie ihr erschos­sen im vori­gen Herbst, ein Baby hat sie am Schür­zen­ban­del, das war noch nicht gebo­ren, da war der Vater schon tot.”

Sie wink­te hin­über, die Frau hat­te indes­sen dem Bur­schen das Ruder über­ge­ben, kam zur Reling und rief etwas auf tsche­chisch her­über. Anka ant­wor­te­te. Die frem­de Spra­che in dem bekann­ten Mun­de mute­te mich son­der­bar an. Es ging so eine Wei­le hin und her; die Frau lief den Schlepp­kahn ent­lang, um neben uns zu blei­ben. Es lag ihr offen­bar viel dran, noch etwas zu sagen. Dann blieb sie zurück. Die Käh­ne tauch­ten in den Schat­ten des Brü­cken­bo­gens und zogen gelas­sen wei­ter strom­auf.

Auch wir trie­ben wei­ter, ich rühr­te manch­mal lei­se mit dem Ruder im Was­ser, um die Rich­tung zu hal­ten, ganz beschäf­tigt damit, wie Anka zu die­ser ärm­li­chen Frau gespro­chen hat­te. Das Anspruchs­vol­le war näm­lich plötz­lich wie fort­ge­wischt aus ihrem Gesicht; war es, dass sie hier ihren Anspruch nicht stell­te, oder dass er hier erfüllt war. Ihr Gesicht war plötz­lich wie gesprun­gen, ja, es schien mir, als hät­te sie viel­leicht geweint, wären wir nicht dage­we­sen.

Die arme Haut”, sag­te sie end­lich, und ihre Stim­me war rauh, „jetzt hat sie bloß noch den Jara, und der ist so lang und so breit, dass ihm die Sachen nicht pas­sen von ihrem seli­gen Mann, wie sie immer sagt. Jetzt will sie die Sachen tau­schen; es ist so rüh­rend, man muss sie ja neh­men, wenn einem auch kei­ner was gibt für das abge­tra­ge­ne Zeug. Aber das kann man ihr ja nicht sagen, zu Tode gekränkt wär sie, geschenkt will sie nichts. Ich denk’, wir haben schon was zu Hau­se vom Chris­toph, der zieht’s eh’ nicht mehr an. Aber geschenkt will sie’s nicht, sie will ihres dafür geben.”

Die Cer­tov­ka war jetzt da; ich rühr­te das Ruder mehr, um den lan­gen schma­len Kahn um die Ecke zu len­ken hin­ein in die enge Gas­se von Was­ser zwi­schen den wei­ßen Häu­sern. Aus schma­len Stü­cken Hof wuchs auch hier Efeu auf und nie­der an den Mau­ern, hing über Türen, die sich zutrau­lich zum Was­ser wand­ten wie auf die Stra­ße, rank­te sich um die Fens­ter, die der Son­ne offen­stan­den.

Anka hat­te sich vor­ge­neigt und ließ ihre Hand durchs Was­ser glei­ten. „Das Lei­den tötet oder wird getö­tet selbst durch den Lei­den­den. — Dann ist’s getan! Das ist Vene­dig, das ist Prag, das ist über­all in der Welt.”

Der Mann — ist er im Krieg gefal­len?” frag­te ich.

Oh nein, gefal­len ist er nicht. Der Herr Reichs­pro­tek­tor, als er vori­ges Jahr anfing, die­ses Land zu ‚beschüt­zen’ ” — sie sag­te es scharf und kalt, „hat zur Begrü­ßung ein paar hun­dert Mann erschie­ßen las­sen. Mein Onkel hat’s in den Akten gele­sen oben auf der Burg. Es waren über vier­hun­dert. Einer von ihnen war der Fran­ti­sek. Mich hat er ein­mal aus dem Was­ser gezo­gen, als ich noch ein klei­nes Ding war. Des­we­gen hat sie mich auch nur gebe­ten. Sie weiß, dass ich das nicht ver­geß. Und dann ist er sel­ber gestor­ben von einer deut­schen Kugel, weil er ver­däch­tig war.”

Sie fuhr sich durch das Haar, das in der Son­ne glänz­te. „Ach was, reden wir nicht davon. Wir kön­nen ihn nicht mehr leben­dig machen. Erzähl was Lus­ti­ges, Uhren­ge­ne­ral!” — „Uhren­ge­ne­ral — was für ein Wort!” Sie warf den Kopf zurück in einem plötz­li­chen Umschwung der Stim­mung. Zögernd, aber unauf­halt­sam hob sich der Schat­ten, der sich gesenkt hat­te auf den hel­len Tag. Es wur­de wie­der Licht zwi­schen den wei­ßen Mau­ern, die die Wär­me der Son­ne fest­hiel­ten und aus­strahl­ten. Alles schien ihr zu gehor­chen, sie konn­te es dun­kel und hell wer­den las­sen.

Bis zur Karls­brü­cke schiff­ten wir, dann wie­der rück­wärts durch das enge Gewäs­ser, und ich war froh, als wir wie­der im Strom drau­ßen waren; die Bogen der Karls­brü­cke kamen mir jetzt breit vor. Ich pas­sier­te sie rudernd gegen den Strom. Da saß Maria im blau­en Kleid mit wei­ßen Tup­fen.

Wir leben noch”, wink­te Anka hin­über, wie seit Jah­ren mit ihr bekannt — ja, was denn? Mich sah sie ja auch erst zum zwei­ten Mal, und doch fuhr ich hier mit ihr im Kahn, als gehö­re es sich so und sei immer so gewe­sen.

Ein Stü­ckel noch auf­wärts bis zur Schüt­zen­in­sel”, sag­te sie bit­tend und dehn­te sich nach rück­wärts, fast übers Was­ser. „Eine Pracht ist das, so faul sein und gefah­ren wer­den. Am Lau­ren­zi­berg blüht’s jetzt bald — hast’s schon gese­hen, Uhren­ge­ne­ral? Wir müs­sen mal rauf, am Abend, wenn die Lich­ter an sind.”

Ich lenk­te den Kahn nach links in die Mit­te des Stro­mes. Ja, rich­tig, dort oben blüh­te es, fing an, zu blü­hen. Noch war hin­ter dem wei­ßen Schlei­er das Grün des Rasens sicht­bar, das Schwarz von Zwei­gen und Stäm­men, das Grau der Wege. Aber bald wür­de man sicher nichts mehr sehen, bald wür­de der gan­ze Berg­hang ein wei­ßes Meer sein. Selt­sam, dass ich es über all dem andern noch nicht hat­te dort oben blü­hen sehn!

Wir blie­ben noch lan­ge auf dem Was­ser. Möwen glit­ten manch­mal zu uns her, weiß­glän­zen­de Bett­ler, glit­ten vor­bei, da sie ent­täuscht wur­den und stri­chen an den Zwei­gen der Trau­er­wei­den ent­lang wie­der hoch hin­auf ins Blau, schweb­ten über die Brü­cke und kehr­ten end­lich in wei­tem Bogen zu ihren Plät­zen zurück, drü­ben auf den Holz­bö­cken des Wehrs. Hier auf dem Was­ser war es still, die Stadt war rund um uns und doch fern, nur die Bäu­me am Ufer stan­den nahe und rede­ten vom Früh­ling.

Wir lasen den Cor­net: „Le chant de l’amour et de la mort du Cor­net Chris­toph Ril­ke” — Anka laß es mit tönen­der Stim­me, weit aus­ho­lend zu den Voka­len, man­che der Kon­so­nan­ten mit beson­de­rem Nach­druck her­vor­sto­ßend; sie las es sehr fran­zö­sisch, aber eben doch nicht völ­lig fran­zö­sisch, da sie es war, die es las. Sie wie­der­hol­te die­sen wun­der­li­chen Zwie­klang „de l’amour et de la mort”, und die bei­den Wor­te, ganz ver­schie­de­nen Stam­mes, wur­den in ihrem Mun­de mit­ein­an­der ver­wandt.

Auch ande­re Wor­te, lan­ge bekannt, gaben sich erst jetzt in der frem­den Spra­che wirk­lich zu erken­nen. Ihre Schön­heit wur­de deut­li­cher — wun­der­li­cher­wei­se — als sie aus­ge­tauscht waren gegen die Wor­te der frem­den Spra­che. Nie hat­ten wir gedacht, dass die­se Spra­che über­setz­bar wäre, aber sie war es, war noch vor­han­den in der frem­den Spra­che, noch mehr vor­han­den bei­na­he, obwohl das merk­wür­dig klingt.

Manch­mal leg­ten wir an irgend­wo am Kai; wir kamen auch zu dem Schlepp­zug der Fran­ti­seks, die aus­lu­den und auf neue Ladung war­te­ten. Anka mach­te einen kur­zen Besuch drü­ben, dann kehr­ten wir um. Drei Stun­den waren wir unter­wegs gewe­sen; der Uhren­ge­ne­ral hat­te eine gewal­ti­ge Zeche zu bezah­len. Er nahm sei­ne Uhr im Emp­fang und stell­te sie gelas­sen wie­der zurück.

Maria war gegan­gen. An einem tief­hän­gen­den Zweig schau­kel­te ein Zei­chen­blatt im Win­de. „Lie­be See­leu­te, auf Wie­der­sehn. Ich muss in die Vor­le­sung. Maria.”

Es lag mir doch dar­an, Lin­de zu sehen, zu wis­sen, dass sie unver­sehrt war. Ich sah sie auch. Sie hock­te auf einem alt­vä­ter­li­chen, mit rotem Plüsch bezo­ge­nen Ses­sel am Fens­ter ihrer Man­sar­den­stu­be, in die wir alle drei ein­dran­gen — ich wäre lie­ber allein gegan­gen, aber was ließ sich sagen gegen Anka, noch dazu in ihrem Haus?

Etwas erschro­cken sah Lin­de uns kom­men, aus­ge­wärmt und müde von Son­ne und Wind und so viel mehr am Leben als sie. Als ich sie da hocken sah, muss­te ich an Men­schen den­ken, die — mit ver­letz­tem Rück­grat — nur wei­ter­le­ben kön­nen, weil ein metal­le­nes Gestän­ge sie auf­recht­hält. Die­ses Gefühl behielt ich lan­ge Zeit, wenn ich Lin­de sah. Sie hielt sich auf­recht, sie täusch­te Leben vor, aber es war nur ein künst­lich auf­recht­erhal­te­nes Leben, eine ein­zi­ge Müh­sal, bis sie sich fal­len ließ.

Sie ver­such­te es, Anka stand­zu­hal­ten — das war das Schwie­rigs­te, obwohl Anka sich zurück­hielt, obwohl sie es zu wis­sen schien. Aber was half das, wenn sie es nicht begrei­fen, nicht nach­füh­len konn­te? Die Gesun­den, die Unver­letz­ten konn­te sie alle mit­rei­ßen — sie woll­te es nicht ein­se­hen, dass sie über Lin­des Art zu lei­den kei­ne Macht hat­te. Das brach­te sie auf. Man merk­te ihr an, dass sie sich zurück­hal­ten muss­te, um nicht unge­recht zu wer­den.

Grüß Dich, Lin­de. Was ist? Kommst mit ins Kon­zert heu­te Abend?”

Sie hock­te auf der Schreib­tisch­plat­te, nahm eins von den tro­cke­nen Keks, die da auf einem Tel­ler lagen. Man sah ihre kräf­ti­gen Zäh­ne. Die Son­ne spie­gel­te aus einer Fens­ter­schei­be schräg her­über und ließ ihr Haar auf­leuch­ten. Drau­ßen vor dem Fens­ter rag­te die Kir­che mit Turm und Kup­pel auf — Sankt Niklas. Um ein Viel­fa­ches über­stieg sie die statt­li­chen Häu­ser an ihrem Fuße; breit und hoch rag­te sie in das Flim­mern des Nach­mit­tags. Weiß­grün leuch­te­te die Pati­na der Kup­pel.

Geh, sei nicht bös, Anka”, sag­te Lin­de. „Ich mag kei­nen Mozart heut Abend. Frän­zi, magst du nicht mit?”

Ach, Frän­zi, der Not­na­gel”, sag­te ich, zwei­felnd, ob es rich­tig sei anzu­neh­men. Lust hat­te ich schon, aber schließ­lich war es Anka, die die Kar­ten ver­gab. „Viel­leicht gibt’s noch and­re, die gern möch­ten!”

Geh, sei so nett und sei ein Not­na­gel, Frän­zi”, sag­te Anka kau­end — „puh, das Zeug schmeckt wie Sand. — Die Kar­ten waren eh schon teu­er genug, soll ich jetzt noch damit hau­sie­ren gehn? Ich muss jetzt zum Boden, Chris­tophs Sachen suchen. Die Fran­ti­seks wol­len sie holen heut abend. Kommst mit, Uhren­ge­ne­ral? Kannst mir die Tru­hen auf­hal­ten. Da braucht’s einen star­ken Mann.”

Der Uhren­ge­ne­ral, zwei­feln­den Blicks, ball­te die Fäus­te, zog die Unter­ar­me an und ließ sie wie­der sin­ken. Anka rutsch­te vom Schreib­tisch.

Komm nur, drück dich nicht. Dazu reicht’s schon.” Fort war sie. Lin­de lächel­te.

Ein Gold­kerl ist sie, die Anka. Ver­steht nicht, war­um ich mich so haben kann wegen der Vogel­scheu­che — so nennt sie ihn jetzt, hat ihn wahr­schein­lich im Stil­len immer so genannt. — Ich versteh’s sel­ber nicht.”

Ich glau­be, es ist schlimm, wenn man etwas nicht bekommt, was man haben möch­te. Aber viel­leicht ist es noch schlim­mer, wenn man etwas nicht geben kann, was man geben möch­te.”

Laß nur, Frän­zi, ich komm schon wie­der her­aus. Es dau­ert halt sei­ne Zeit.”

Viel­leicht wär’s bes­ser, du wür­dest schrei­en und wei­nen?”

Sie schüt­tel­te den Kopf. „Laß nur, Frän­zi, es kommt schon alles wie­der.”

Ist es wahr, dass er dich auf ein­mal soviel arbei­ten lässt?”

Sie nick­te und lächel­te bit­ter. „Ich kann ja nichts sagen, jetzt erst recht nicht. Stell’s dir doch nur mal vor! Es weiß ja auch kei­ner außer mir Bescheid in dem Zet­tel­kram, nicht mal er kennt sich rich­tig aus.”

Ich möch­te dich mal wie­der rich­tig drau­ßen haben in Luft und Son­ne; rich­tig wan­dern müss­ten wir mal, damit du wie­der die Alte wirst”, sag­te ich.

Sie zuck­te die Ach­seln. „Zu Pfings­ten viel­leicht. Die Elbe ent­lang, das wollt ich schon immer gern.”

Wol­len wir’s nicht gleich fest­ma­chen?”

Sie nick­te und sah müde aus. „Machen wir’s nur.”

Es war fünf. Wenn ich zum Kon­zert pünkt­lich sein woll­te, muss­te ich jetzt nach Hau­se, mich umzie­hen. Ich frag­te Anka nach der Kar­te, sie hat­te sie lose in der Jacken­ta­sche und steck­te auch den Geld­schein, den ich ihr gab, lose in die Tasche. Dann ging ich.