Als ich zurück im Hotel bin, stellt sich her­aus, dass Inge die Aus­sicht auf eine ori­gi­nal afgha­ni­sche Mahl­zeit kei­nes­wegs so reiz­voll fin­det wie ich, und die Aus­sicht auf einen Spa­zier­gang durchs nächt­li­che Herat schon gar nicht. Hin­zu kommt, dass das kana­di­sche Pär­chen, das wir schon in Istan­bul und in Mas­had getrof­fen haben, heu­te ange­kom­men ist, und mei­ne Freun­din wur­de von ihnen zum vege­ta­ri­schen Abend­essen ein­ge­la­den.

Um sie­ben ist es zwar noch nicht stock­fins­ter – aber wenn ich zurück­ge­he, schon… Du kannst mich doch nicht mut­ter­see­len­al­lein in tiefs­ter Nacht durch Herat lau­fen las­sen!” pro­tes­tie­re ich.Und obschon ich ver­su­che, es wie einen Scherz klin­gen zu las­sen, ist mir wirk­lich nicht ganz wohl bei dem Gedan­ken. Mei­ne nächt­li­che Odys­see an unse­rem ers­ten Abend in Istan­bul liegt noch nicht so lan­ge zurück, dass ich ihre Schre­cken ver­ges­sen hät­te…

Wenn du nicht hin­gehst, wäre das eine töd­li­che Belei­di­gung,” erklärt Cathe­ri­ne, als kön­ne sie mei­ne Gedan­ken lesen, „so eine Ein­la­dung näm­lich eine Ehre, und die Gast­freund­schaft der Afgha­nen ist wirk­lich legen­där.”

Außer­dem”, fügt sie hin­zu, „ist der Laden doch an der Haupt­stra­ße, oder?”

Ich nicke.

Du musst also gar nicht durch irgend­wel­che fins­te­re Sei­ten­gas­sen lau­fen. Und so schreck­lich dun­kel ist wird auch nicht sein; es ist grad mal eine Woche her, dass wir Voll­mond hat­ten.”

Als ich immer noch zau­de­re, ver­spricht Inge mir schließ­lich, spä­ter nach­zu­kom­men, sofern das Essen bei den Kana­di­ern nicht zu lan­ge dau­ert.

Es ist tat­säch­lich noch ziem­lich hell, als ich mich in der Däm­me­rung auf den Weg zu Moham­mads Laden mache. Der von den Fas­ten­den sicher sehn­süch­tig erwar­te­te Mond ist jedoch schon deut­lich am kla­ren Abend­him­mel zu sehen.

Auf den Stra­ßen Herats, auf denen es wäh­rend des hei­ßen Tages eher gemäch­lich zuging, herrscht nun ein reges Trei­ben. Grup­pen von phan­tom­glei­chen, unter wal­len­den Bur­kas ver­bor­ge­nen Frau­en sind mit Kör­ben, Schüs­seln und Krü­gen unter­wegs; dazwi­schen has­ten Jun­gen über die Geh­stei­ge, die Tabletts mit gefüll­ten Tee­glä­sern zu ihrer durs­ti­gen Kund­schaft tra­gen.

Mit einem sol­chen Tablett, auf dem er eine gro­ße Kan­ne, einen Zucker­topf und meh­re­re Glä­ser balan­ciert, läuft ein etwa neun- oder zehn­jäh­ri­ger Jun­ge quer über die Stra­ße und biegt direkt vor mir in die Sei­ten­stra­ße ein, in der Had­ji mit dem schö­nen Glas­po­kal sei­nen Laden hat. Ich sehe dem klei­nen Tsc­hai-Lie­fe­ran­ten hin­ter­her, und wie der Zufall es will, steu­ert er gera­de­wegs auf den Laden des Alten zu – und der steht davor, um das Tablett in Emp­fang zu neh­men.

Als er mich sieht, winkt er mir zu, ich sol­le zu ihm her­über kom­men.

Ich zöge­re einen Moment, einer­seits möch­te ich nicht zu spät zu mei­ner Ein­la­dung zum Essen bei Moham­mad erschei­nen, ande­rer­seits aber auch dem hilfs­be­rei­ten alten Herrn gegen­über nicht unhöf­lich sein. Das wird Moham­mad sicher ver­ste­hen, den­ke ich, und bie­ge in die Gas­se ein, in wel­cher der Had­ji sei­nen Trö­del­la­den hat.

Er bit­tet mich mit einer Hand­be­we­gung, ein­zu­tre­ten. Ich neh­me auf dem Sitz­kis­sen Platz, auf das er deu­tet, und er gießt grü­nen Tee in unse­re Glä­ser, der heiß, sehr süß und mit viel Kar­da­mom gewürzt ist.

Es ent­spinnt sich die wohl kurio­ses­te Kon­ver­sa­ti­on, die ich jemals geführt habe, denn er spricht kein Eng­lisch – und erst recht kein Deutsch – und ich nur sehr weni­ge Wor­te Far­si (Dari).

Mit fra­gen­dem Aus­druck und ent­spre­chen­den Ges­ten „erkun­digt” sich der alte Mann, woher ich kom­me und wohin ich (wann) wei­ter­rei­se, und ich „ant­wor­te” mit eben­so­viel Mimik und Ges­tik – und eini­gen Wor­ten (wie „Ger­ma­ny”, „Kan­da­har” oder „Kabul”) von denen ich anneh­me, dass er sie ver­steht.

Es scheint so, als sei das der Fall, denn er nickt bei­fäl­lig.

Durch die­ses Ergeb­nis ermu­tigt, ver­su­che ich ihm auch klar­zu­ma­chen, dass ich nun lei­der wei­ter muss, weil ich ein Stück wei­ter die Stra­ße hin­un­ter zum Essen ein­ge­la­den bin – ich zei­ge in die ent­spre­chen­de Rich­tung, stop­fe unsicht­ba­re Spei­sen in mei­nen Mund und tu so, als wol­le ich auf­ste­hen. Wie­der nickt er und lächelt, und als ich mich tat­säch­lich erhe­be, steht auch er auf.

Da ich nicht weiß, wie man sich respekt­voll ver­ab­schie­det, lege ich ein­fach die Hand­flä­chen vor der Brust wie zum Gebet anein­an­der, wie Rolf es uns für den indi­schen und nepa­le­si­sche Gruß „Namas­te” bei­gebracht hat, und deu­te eine leich­te Ver­beu­gung an.

Der alte Herr gelei­tet mich schmun­zelnd zur Tür und greift im Vor­bei­ge­hen in ein Regal zu sei­ner Rech­ten. Als wir vor sei­nem Laden ste­hen, sehe ich, was er in der Hand hält: den tür­kis­grü­nen Glas­po­kal! Er über­reicht ihn mir, und ich bin sprach­los.

Dann aber fällt mir glück­li­cher­wei­se wie­der ein, was Cathe­ri­ne über das in die­sem Teil Afgha­ni­stan gespro­che­ne Per­sisch (Far­si-e Dar­bâ­ri)gesagt hat – dass näm­lich die per­si­schen Erobe­rer der Anti­ke in vie­len Län­dern Euro­pas, vor allem in denen des Mit­tel­meer­rau­mes, sprach­li­che Spu­ren hin­ter­las­sen und dass umge­kehrt auch euro­päi­sche Wor­te Ein­gang ins Far­si gefun­den hät­ten. Man­che Wor­te klän­gen grie­chisch, ande­re ita­lie­nisch, und wie­der ande­re ver­stün­de jeder Fran­zo­se sofort …

Mer­si,” sto­ße ich her­vor, glück­lich, die­ses wich­ti­ge Wort in sei­ner Spra­che sagen zu kön­nen, „mer­si, mer­si!”

Er ant­wor­tet mit einer klei­nen Anspra­che und einer ele­gan­ten Ges­te, und obwohl ich kein Wort ver­ste­he, zweif­le ich nicht dar­an, dass er sei­ne Freund­lich­keit und Groß­zü­gig­keit gera­de zur Selbst­ver­ständ­lich­keit erklärt hat.

Zuletzt sagt er: „Cho­da hafes!”

Cho­da hafes,” sage auch ich und nei­ge den Kopf.

Denn jetzt erin­ne­re ich mich wie­der: „Salam” (wört­lich: „Frie­de”) sagt man zur Begrü­ßung, „Cho­da hafes” (wört­lich: „Gott befoh­len”) zum Abschied.

Bei Moham­mad kom­me ich mit etwa einer Vier­tel­stun­de Ver­spä­tung an.

Obwohl er hung­rig sein muss, hat er mit dem Essen auf mich gewar­tet und beteu­ert, das sei über­haupt kein Pro­blem. Als ich ihm von der Ein­la­dung zum Tee im Laden des alten Herrn berich­te und ihm das Glas zei­ge, freut er sich mit mir und bestä­tigt, dass dies ein wirk­lich schö­nes Stück ist – unab­hän­gig davon, ob nun wirk­lich alt ist oder nicht.

Zum Essen bit­tet er mich in einen Raum hin­ter dem Laden, von des­sen Exis­tenz ich bis­her noch nichts mit­be­kom­men habe, denn die Durch­gangs­tür ist hin­ter schwe­ren Wand­be­hän­gen ver­bor­gen. Bevor wir hin­über­ge­hen, schließt er die Laden­tür ab, und ich über­le­ge kurz, ob mich das beun­ru­hi­gen soll­te.

„You just have to lis­ten to your heart,” höre ich plötz­lich Yuss­ufs Stim­me in mei­nem Kopf, „and you will know, if you can trust someo­ne.”

Also lau­sche ich kon­zen­triert in mich hin­ein, ob da irgend­wo ein unbe­hag­li­ches Gefühl sei­ne Ten­ta­kel aus­fährt oder eine Alarm­glo­cke lei­se zu schril­len beginnt. Aber nein, alles bleibt ruhig.

Das Abend­essen – das ver­mut­lich aus­ge­reicht hät­te, um unse­re gesam­te Rei­se­grup­pe, immer­hin acht Leu­te, satt zu bekom­men – ist bereits auf einem schön gemus­ter­ten, von Sitz­kis­sen umge­be­nen Tuch in der Mit­te des Rau­mes arran­giert. Beim Anblick der Scha­len und Schüs­seln läuft mir das Was­ser im Mun­de zusam­men.

It looks gre­at!” ver­si­che­re ich Moham­mad.

I hope, you’ll like the tas­te, too,” ant­wor­tet er.

Ich nicke nach­drück­lich. Doch – den ver­lo­cken­den Düf­ten nach zu urtei­len, die von den Köst­lich­kei­ten auf­stei­gen, wird mir der Geschmack mit Sicher­heit eben­falls zusa­gen!

Wir las­sen uns auf den Kis­sen nie­der, und mein Gast­ge­ber gibt zu den vor uns ste­hen­den Spei­sen eini­ge Erklä­run­gen ab.

Sehr wich­tig sei das „Naan”, das Fla­den­brot, betont er, denn es sei nicht nur Bei­la­ge, son­dern erset­ze in Afgha­ni­stan auch den Löf­fel – für Soßen und Spei­sen mit sehr brei­iger Kon­sis­tenz. Natür­lich, fährt Moham­mad fort, kön­ne ich auch ein Besteck bekom­men, wenn ich woll­te…

Nein, nicht nötig, sage ich. Ich möch­te gern mit den Hän­den essen, wie die Afgha­nen, und las­se mir von ihm zei­gen, wie man ein Stück Naan zu einer Art Schau­fel zusam­men­biegt und damit bei­spiels­wei­se Daal auf­nimmt, ein wei­ches, lecker wür­zi­ges Lin­sen­mus.

Als nächs­tes pro­bie­re ich gebra­te­ne Auber­gi­nen­schei­ben in einer Joghurt-Soße und grü­ne Boh­nen mit Knob­lauch und Toma­ten – zwei Vor­spei­sen, die mir von der tür­ki­schen Küche her ver­traut sind und die auch ziem­lich ähn­lich schme­cken.

Dann reicht mir Moham­mad einen Bis­sen in einer gold­braun frit­tier­ten Teig­hül­le. Ich bei­ße vor­sich­tig ab – und stel­le fest, dass sich ein weich­ge­koch­tes, lecker gewürz­tes Kar­tof­fel­stück im Inne­ren befin­det. „Pako­ra” hei­ßen die­se Häpp­chen, und es gibt sie auch mit Zwie­bel­rin­gen unter der knusp­ri­gen Hül­le.

Sol­che Pako­ras (Gemü­se­stück­chen in einer Teig­hül­le auf der Basis von Kicher­erb­sen­mehl) gibt es auch in Paki­stan und in Indi­en, erzählt Moham­mad, „and may­be in Nepal, too – I don’t know.”.

You must try the Qua­be­li!” drängt er. „It is a famous afghan meal, very deli­cious!”

Das von ihm ange­prie­se­ne „berühm­te” Gericht besteht aus Lamm­fleisch­stück­chen, die einem auf der Zun­ge zer­ge­hen, in einer äußerst deli­ka­ten Soße. Dazu gibt es per­fekt gegar­tem Reis, der durch­setzt ist von Gewürz­nel­ken und Kar­da­mom­kap­seln, gestif­te­ten Möh­ren, gehack­ten Man­deln, Pis­ta­zi­en – und Rosi­nen.

Die aro­ma­ti­schen Gewür­ze, die Nüs­se und die zucker­sü­ßen Rosi­nen im Reis pas­sen nicht nur über­ra­schend gut zu dem wun­der­bar zar­ten Fleisch, nein, sie unter­strei­chen des­sen Geschmack auf eine unwi­der­steh­li­che Wei­se, die mir Lau­te des Ent­zü­ckens ent­lockt.

Mmmmm… you are right, this is abso­lute­ly deli­cious!” schwär­me ich, und Moham­mad strahlt.

Aus jeder Scha­le und jeder Schüs­sel muss ich pro­bie­ren: von den Fri­ka­del­len aus Lamm­hack mit fri­scher Min­ze, einer Spe­zia­li­tät sei­ner Mut­ter, wie er mir stolz ver­si­chert, vom gemisch­ten Salat – eben­falls mit einer ordent­li­chen Por­ti­on gehack­ter Min­ze zube­rei­tet – und von den gekoch­ten grü­nen „Bamia” (Okras).

Das Ein­zi­ge, was mir nicht so zusagt, sind die Okra-Scho­ten; ansons­ten ist die­ser Schmaus ein ein­zi­ger Hoch­ge­nuss.

Aber so köst­lich das Essen auch ist, nach­dem ich alles durch­pro­biert und mir noch eine zwei­te Por­ti­on von dem köst­li­chen Qua­be­li ein­ver­leibt habe, bin ich so satt, das ich von den mit Pis­ta­zi­en ver­zier­ten Plätz­chen, die Moham­mad mir zuletzt kre­denzt, nur noch einen ein­zi­gen her­un­ter brin­ge – und auch den nur zusam­men mit einem Glas Tee.

Mein Gast­ge­ber tut gekränkt, gera­de so, als hät­te ich nur wie ein Spatz geges­sen.

Obwohl ich wirk­lich von Allem gekos­tet und von Vie­lem reich­lich genom­men habe, besteht er dar­auf, dass ich bestimmt noch viel mehr essen wür­de, wenn es mir wirk­lich so gut schme­cken wür­de wie ich behaup­te.

Wenn ich noch mehr der Lecke­rei­en in mich hin­ein stop­fe, wer­de ich plat­zen, ver­si­che­re ich ihm. Und als ich beschrei­be, wie ich höchst­wahr­schein­lich den Weg zum Hotel zurück­le­gen muss – rol­lend näm­lich – muss Moham­mad dann doch auch lachen und hört auf, belei­digt zu tun.

Er schenkt mir und sich Tee nach und schüt­tet dann etwas Tabak in eine klei­ne Scha­le.

Aus einer Dose nimmt er ein wal­nuss­gro­ßes Stück Cha­ras, erwärmt es kurz mit einem Feu­er­zeug und beginnt, etwas davon über den Tabak zu brö­seln.

Oh no,” sage ich und wede­le mit den Hän­den, „no cha­ras for me, plea­se!”

Why not? You are in Afgha­ni­stan!”

Ich lache.

Yes, I know – but the afghan cha­ras is much too strong for me.”

Ich erzäh­le ihm von der Was­ser­pfei­fe beim „klei­nen Muck”, die mich für etli­che Stun­den kom­plett außer Gefecht gesetzt hat.

Don’t worry!” beru­higt mich Moham­mad.

Dies sei ja kei­ne Was­ser­pfei­fe, son­dern nur ein klei­ner Stick. Der sei „gut für die Ver­dau­ung”. Und er wür­de ja auch gar nicht viel hin­ein tun.

Er deu­tet auf die Scha­le, und tat­säch­lich hat er nur weni­ge schwar­ze Krü­mel auf den Tabak gestreut. Mit geschick­ten Fin­gern ver­mengt er Tabak und Haschisch und füllt die Mischung in eine lee­re Ziga­ret­ten­hül­se. Als er die Ziga­ret­te anzün­det, inha­liert und den Qualm wie­der aus­at­met, über­la­gert der inten­si­ve, süß­lich-har­zi­ge Geruch des Rauchs sofort alle Essens­düf­te.

Als er sie mir anbie­tet, neh­me ich sie. Nur einen Zug, sage ich mir, höchs­tens zwei…

So ein Stick schmeckt ein­fach viel, viel bes­ser als eine simp­le Ziga­ret­te „ohne was drin”, beson­ders nach einem der­ar­tig opu­len­ten Essen.

Und so grei­fe ich noch ein zwei­tes Mal zu, als Moham­mad ihn mir wie­der hin­hält. Und mer­ke zu spät, dass sich mei­ne Nacken­haa­re – eins nach dem ande­ren – auf­ge­rich­tet haben, dass mei­ne im Schnei­der­sitz ver­schränk­ten Bei­ne krib­beln und auf son­der­ba­re Art und Wei­se nicht mehr zum rest­li­chen Kör­per zu gehö­ren schei­nen, und dass die Wän­de des schum­me­rig beleuch­te­ten Rau­mes begon­nen haben, vor und zurück zu wabern…

Moham­mad erzählt irgend­was, aber ich habe Schwie­rig­kei­ten, sei­nem Geplau­der zu fol­gen.

Statt­des­sen fällt mir auf, dass er mir unun­ter­bro­chen direkt in die Augen sieht, als wol­le er mich hyp­no­ti­sie­ren. Die Luft zwi­schen uns kommt mir vor wie die bei einem Som­mer­ge­wit­ter, kurz bevor Blitz und Don­ner los­bre­chen.

Schlag­ar­tig wird mir bewusst, dass nie­mand weiß, wo ich in die­sem Moment bin – im ver­steck­ten Hin­ter­zim­mer eines abge­schlos­se­nen Ladens in Herat, zusam­men mit einem Afgha­nen, der sich gegen eine arran­gier­te Ehe mit einem sprach- und gesichts­lo­sen Bur­ka-Phan­tom sträubt, seit er von einer däni­schen Freun­din „wach­ge­küsst” wur­de.

Trotz der Hit­ze lau­fen mir kal­te Schau­er über den Rücken.

Ich fan­ge an, mich ziem­lich unwohl zu füh­len, und ver­flu­che ins­ge­heim mei­nen Leicht­sinn und mei­ne ver­damm­te Nai­vi­tät, die mich immer wie­der Hals über Kopf in Aben­teu­er stür­zen las­sen, von denen ich nicht weiß, wie sie aus­ge­hen…

Ande­rer­seits – „the only way to beco­me self­con­fi­dent, is to make expe­ri­en­ces”, hat Yuss­uf gesagt, nicht wahr?

Plötz­lich fällt mir auch sein Rat wie­der ein, sel­ber offen zu sein, um Ande­re bes­ser zu ver­ste­hen. Ich erwi­de­re Moham­mads Blick, und nun sehe ich auch die Trau­rig­keit in sei­nen schö­nen Augen.

Klar, den­ke ich, natür­lich sehnt er sich nach einer „neu­en Brit­ta”.

Und selbst­ver­ständ­lich träumt er davon, dass ich das wäre; dass ich in Herat blei­be und ihn wie­der zu dem glück­li­chen jun­gen Mann mache, der er an ihrer Sei­te war.

Aber sei­ne Augen sagen mir auch, dass er eigent­lich nicht wirk­lich dar­an glaubt, dass die­ser Traum in Erfül­lung geht.

Ihn trotz­dem wei­ter hof­fen zu las­sen, erscheint mir grau­sa­mer, als sei­nen Traum zu zer­stö­ren.

Und so war­te ich auf eine Pau­se sei­nes Geplau­ders, hole Luft und erklä­re ihm dann, ruhig und (zu mei­ner eige­nen Über­ra­schung) in flie­ßen­dem Eng­lisch, dass ich ihn, Moham­mad, ganz außer­or­dent­lich sym­pa­thisch und auch durch­aus gut­aus­se­hend fän­de. Dass ich aber, wie ich ihm bereits erzählt habe, nach Nepal wol­le und nur auf der Durch­rei­se sei.

Und dass ich ihn zwar sehr, sehr nett fän­de, aber nicht in ihn ver­liebt sei – nicht ver­liebt genug, um eine Ände­rung mei­ner Plä­ne in Erwä­gung zu zie­hen.

Ich über­le­ge kurz und füge dann noch einen unmiss­ver­ständ­lich hin­zu:

And I will not have sex with you.”

Moham­mad starrt mich mit gro­ßen Augen an.

Sei­ne Brau­en fah­ren in die Höhe, sei­ne Gesichts­zü­ge zucken, und dann bricht er in schal­len­des Geläch­ter aus.

Ich lache mit ihm, froh dar­über, dass er die­se Mit­tei­lung so hei­ter auf­nimmt.

You wes­tern women…” stöhnt er und wischt sich eine Lach­trä­ne aus dem Auge „you are unbe­liev­a­ble! Cra­zy!”

Es klingt, als gefie­le ihm die unglaub­li­che, ver­rück­te Art der „Frau­en aus dem Wes­ten” ganz gut.

Ich ver­ra­te ihm nicht, dass es der Rat eines Tür­ken gewe­sen ist, der mich dazu gebracht hat, ein­fach das aus­zu­spre­chen, was unaus­ge­spro­chen den gan­zen Abend lang für Span­nung und eine (zumin­dest für mich) unbe­hag­li­che Ath­mo­sphä­re gesorgt hät­te.

Auch Moham­mad kommt mir jetzt, wo die­se Fra­ge geklärt ist, weit­aus locke­rer vor.

But plea­se – whenever you chan­ge your mind,” sagt er mit einem spitz­bü­bi­schen Grin­sen, „don’t for­get to tell me!”

Ich nicke und grin­se eben­falls.

Aber sicher, falls ich mir das mit dem Sex noch anders über­le­ge, wer­de ich es ihn sofort wis­sen las­sen!

Als ich mei­ne Bei­ne aus­schüt­te­le, um her­aus­zu­fin­den, ob ich wie­der die Herr­schaft über sie habe – schließ­lich muss ich irgend­wann dem­nächst den Rück­weg zum Hotel bewäl­ti­gen – fragt mein Gast­ge­ber besorgt, ob ich das Sit­zen auf fla­chen Kis­sen unkom­for­ta­bel fän­de.

Nein, beteue­re ich, das eigen­ar­ti­ge Gefühl in mei­nen Bei­nen käme nicht daher, son­dern das Haschi­schrau­chen sei mir so hef­tig in die Bei­ne (und natür­lich auch in den Kopf) gefah­ren. Er mag das gar nicht glau­ben.

Die­ses klei­ne Eck­chen? Er selbst hät­te so gut wie kei­ne Wir­kung ver­spürt.

Nun ja, ant­wor­te ich, du bist auch ein Afgha­ne. Ver­mut­lich könn­te ich dafür viel mehr Wein oder Bier ver­tra­gen als du.

Moham­mad lacht. Das könn­te gut sein, stimmt er mir zu.

Let me show you some­thing,” sagt er dann, wie­der ernst­haft, und greift sich an die Ohren.

Whenever you are too stoned, you can give a gent­le litt­le mas­sa­ge to your ears. You start down here –”, er zieht leicht an sei­nen Ohr­läpp­chen, „– and then you slow­ly move your fin­gers up,” – um sich dann mit Zei­ge­fin­ger und Dau­men an der Ohr­mu­schel ent­lang nach oben zu arbei­ten.

Ich fol­ge sei­nen Anwei­sun­gen und mas­sie­re vor­sich­tig die Rän­der mei­ner Ohren zwi­schen zwei Fin­gern, und tat­säch­lich habe ich das Gefühl, dass mich das „erdet”, mei­nen Geist wie­der mehr in mei­nen Kör­per zurück­bringt.

Das leich­te Schwin­del­ge­fühl hört auf, mein Kreis­lauf scheint sich zu nor­ma­li­sie­ren, und das Rau­schen in mei­nem Kopf ver­stummt.

Gera­de will ich begeis­tert vom Erfolg der Ohr-Mas­sa­ge erzäh­len, da mer­ke ich, dass ich jetzt zwar kein Rau­schen mehr höre, aber dafür ein rhyth­mi­sches Klop­fen.

Bevor ich begrei­fe, dass die­ses Klop­fen nicht aus mei­nem Schä­del, son­dern von vorn aus dem Laden kommt, ist Moham­mad schon auf­ge­sprun­gen und durch den Vor­hang gehuscht.

Er kommt mit Inge zusam­men zurück.

Ein gemüt­li­ches Sepa­rée ist das hier,” sagt sie und lässt ihren Blick durch den Raum schwei­fen. „Ich hof­fe, ich stö­re nicht…”

Quatsch. Wenn ich vor­ge­habt hät­te, die Nacht hier zu ver­brin­gen, hät­te ich dich bestimmt nicht gebe­ten, vor­bei zu kom­men. Ich bin sehr froh, dass du es noch geschafft hast,” ver­si­che­re ich und fra­ge sie, ob sie etwas von dem, inzwi­schen lei­der abge­kühl­ten, Essen möch­te. Eigent­lich ist sie schon satt, aber dann pro­biert sie doch noch eini­ge Häpp­chen – und ist eben­so begeis­tert von der afgha­ni­schen Küche wie ich.

Für mich hat es aus­ge­se­hen, als wärst du am liebs­ten doch die gan­ze Nacht bei ihm geblie­ben. War das so?” fragt Inge, als wir etwa zwei Stun­den spä­ter im Schein des Mon­des und unse­rer Taschen­lam­pen in Rich­tung Hotel schlen­dern.

Wir haben uns auch zu dritt noch groß­ar­tig amü­siert, gere­det, gescherzt und gelacht. Beim Abschied sah Moham­mad mir noch ein­mal tief in die Augen und frag­te mit einem schrä­gen Lächeln, ob ich es mir nicht viel­leicht doch noch anders über­legt hät­te…

Einen Moment lang wur­den mei­ne Knie etwas weich, aber dann schüt­tel­te ich den Kopf. Nein, dies war weder der Ort noch der Mann für einen One-Night-Stand.

Mir geht es ein biss­chen so, wie dir in Istan­bul – ich weiß nicht ganz genau, was ich will und was nicht,” mei­ne ich nach­denk­lich.

Aber eines weiß ich ganz sicher: ich will über­mor­gen früh mit euch wei­ter­fah­ren, nach Nepal.”