10. Sep­tem­ber

Es ist unser drit­ter Tag in Kabul, aber als wir – mit Kof­fer, Ruck­sack und Taschen bela­den – an die­sem Vor­mit­tag in die berühm­te „Chi­cken Street” ein­bie­gen, krie­gen wir zum ers­ten Mal rich­tig mit, in was für einer quir­li­gen, ori­en­ta­li­schen Metro­po­le wir hier gelan­det sind.

Im Bazar von Istan­bul hat­te ich geglaubt, mich im ulti­ma­ti­ven „Mor­gen­land” der Geschich­ten aus 1001 Nacht zu befin­den. Doch jetzt wird mir klar, wie modern und west­lich die Stadt am Gol­de­nen Horn und ihre Bewoh­ner schon sind, wie viel Ein­fluss Tech­nik und Lebens­wei­sen des 20. Jahr­hun­derts dort bereits haben. Denn hier, im Zen­trum von Kabul, könn­te es vor hun­dert oder zwei­hun­dert Jah­ren bei­na­he genau­so aus­ge­se­hen haben wie heu­te – wenn man sich die weni­gen klap­pe­ri­gen Kraft­fahr­zeu­ge und die bunt­ge­klei­de­ten Aus­län­der mal weg denkt.

Im Unter­schied zu Herat und Kan­da­har kann man ein paar unver­schlei­er­te ein­hei­mi­sche Frau­en ent­de­cken, doch auch hier domi­nie­ren männ­li­che Pas­san­ten das Stra­ßen­bild.

Außer eini­gen Kuchi-Ladies in ihrer far­ben­präch­ti­gen, bestick­ten Klei­dung ent­de­cken wir drei oder vier Frau­en, die kei­ne Bur­ka, son­dern Kopf­tuch, lan­ge Röcke und Woll­ja­cken mit lan­gen Ärmeln tra­gen – wir sind jedoch nicht ganz sicher, ob es wirk­lich Afgha­nin­nen sind.

Auch unter den auf dem Hip­pie Trail rei­sen­den Aus­län­dern, die in der Chi­cken Street unter­wegs sind und die Aus­la­gen der Geschäf­te mit mehr oder weni­ger Inter­es­se begut­ach­ten, sind Frau­en in der Min­der­heit. So erre­gen wir schnell die Auf­merk­sam­keit der Anbie­ter von Hotel­zim­mern, Kunst­hand­werk, Tex­ti­li­en, Schmuck und diver­ser Dro­gen.

Der Ansturm wird uns schnell zuviel.

Gera­de so eini­ger­ma­ßen von unse­rer „Kabu­li­tis” gene­sen, sind wir immer noch wacke­lig auf den Bei­nen und wol­len ein­fach nur unse­re Ruhe. Wir flüch­ten in den Tor­ein­gang eines Hotels, das allein schon des­halb ein­la­dend auf uns wirkt, weil kein Mensch davor steht und uns im zum Ein­tre­ten zu über­re­den ver­sucht.

Die­se spon­ta­ne Ent­schei­dung für das „Koo­chi Hotel” erweist sich als Glücks­griff. Wir betre­ten einen gro­ßen Innen­hof, des­sen dicke Mau­ern den Lärm der Stra­ße zu einem dezen­ten Hin­ter­grund­ge­räusch her­ab dämp­fen und in dem mit Son­nen­se­geln über­dach­te Tische und Bän­ke ste­hen.

Der Inha­ber des Hotels spricht exzel­lent Eng­lisch und begrüßt uns freund­lich.

Er zeigt uns ein geräu­mi­ges, mit Wasch­be­cken, Schrank, Tisch und zwei Stüh­len aus­ge­stat­te­tes Drei-Bett-Zim­mer, des­sen ver­git­ter­te Fens­ter zum Hof hin­aus gehen. Sei­ne Dop­pel­zim­mer sei­en zur Zeit alle belegt, erklärt er, aber er bie­tet uns den Raum zum sel­ben Preis an.

Wir über­le­gen nicht lan­ge.

Zwar sind die Möbel stau­big, die Wän­de fle­ckig, und die Matrat­zen machen einen schmud­de­li­gen Ein­druck, aber der Raum ist groß, licht­durch­flu­tet und zudem deut­lich bil­li­ger als die düs­te­re Zel­le, in der wir die ers­ten drei Näch­te ver­bracht haben.

Spä­ter wer­den wir von ande­ren Hotel­gäs­ten erfah­ren, dass wir mehr Glück haben, als wir zu die­sem Zeit­punkt ahnen – die Bet­ten in unse­rem Zim­mer schei­nen näm­lich die ein­zi­gen im Hau­se zu sein, deren Matrat­zen nicht von blut­gie­ri­gen Wan­zen bewohnt sind.

Inge und ich ver­stau­en unse­re Sachen im Schrank und set­zen uns dann drau­ßen im Hof, wo sich der Hotel­be­sit­zer zu uns gesellt und sich erkun­digt, ob wir gera­de erst ange­kom­men wären. Wir erklä­ren ihm, dass wir schon seit drei Tagen in Kabul sind, dass uns aber eine „diar­r­hea” bis jetzt davon abge­hal­ten hat, die Stadt ken­nen zu ler­nen.

Er nickt mit­füh­lend – ja, die Krank­heit sei beson­ders in die­ser tro­cke­nen Jah­res­zeit ein gro­ßes Pro­blem.

Now we are hungry and thurs­ty,” sage ich, „but we don’t know what to eat or drink.”

Er emp­fiehlt uns, es zunächst mit star­kem schwar­zen Tee (ohne Zucker) zu ver­su­chen, den wir aber nicht heiß trin­ken, son­dern erst etwas abküh­len las­sen soll­ten. Und essen soll­ten wir am bes­ten erst ein­mal nur „plain white rice”, wei­ßen Reis ohne irgend­wel­che Bei­la­gen. Ob er bei­des für uns in der Küche des Hotels zube­rei­ten las­sen soll?

Ent­zückt neh­men wir das net­te Ange­bot an.

Unser Gast­ge­ber begibt sich in ein fla­ches Neben­ge­bäu­de, in dem sich wohl die Hotel­kü­che befin­det. Nach etwa zehn Minu­ten kommt er zurück, gefolgt von drei jun­gen Män­nern, von denen zwei eine gewis­se Ähn­lich­keit mit ihm haben – viel­leicht sind es sei­ne Söh­ne oder Nef­fen.

Einer trägt eine gro­ßen Tee­kan­ne, ein ande­rer ein Tablett mit zwei Glä­sern. Bei­des wird auf dem Tisch abge­stellt, und wäh­rend sich der Haus­herr sich uns gegen­über nie­der­lässt, blei­ben die drei unschlüs­sig neben dem Tisch ste­hen.

Inge wirft mir einen amü­sier­ten Blick zu, denn die jun­gen Afgha­nen kön­nen ihre Augen kaum von ihren blon­den Haa­ren los­rei­ßen, bemü­hen sich aber ange­strengt, sie nicht zu auf­fäl­lig anzu­star­ren. Schließ­lich stellt der Mutigs­te mit lei­ser Stim­me eine Fra­ge, und der Hote­lier über­setzt – er wür­de gern wis­sen, aus wel­chem Land wir kom­men.

Die Aus­kunft „Ger­ma­ny” sorgt für die Lobes­hym­nen auf deut­sche Autos und deut­sche Tech­nik, die wir schon ken­nen. Glück­li­cher­wei­se wird dies­mal aber nicht Hit­ler als wei­te­rer Grund für das posi­ti­ve Image Deutsch­lands genannt.

Die nächs­te Fra­ge gilt unse­rer Hei­mat­stadt, und als Inge und ich mer­ken, dass „Ham­burg” unse­ren Gesprächs­part­nern nicht viel zu sagen scheint, fan­gen wir an zu erzäh­len – vom Ham­bur­ger Hafen, von der Als­ter, der Elbe und vom Meer…

Die jun­gen Afgha­nen lau­schen den Über­set­zun­gen ihres älte­ren Ver­wand­ten und stel­len immer neue Fra­gen. Nach einer Wei­le ver­lie­ren sie ihre Scheu und set­zen sich eben­falls auf die Bank, und bald sind wir in eine ange­reg­te, mehr­spra­chi­ge Unter­hal­tung ver­tieft.

Schließ­lich ist der Tee in unse­ren Glä­sern soweit abge­kühlt, dass wir ihn trin­ken kön­nen. Der älte­re Afgha­ne sagt etwas zu den Jün­ge­ren – viel­leicht, dass sie sich um den von uns bestell­ten Reis küm­mern sol­len? – und sie ste­hen gera­de auf, als eine Grup­pe lachen­der und wild durch­ein­an­der rufen­der, schwarz­haa­ri­ger Män­ner in den Hof stürmt.

Es sind kei­ne Ein­hei­mi­schen, denn sie haben abge­tra­gen Jeans mit bun­ten Fli­cken dar­auf an. Und sie spre­chen, wie ich bei genaue­rem Hin­hö­ren fest­stel­le, Spa­nisch.

Dane­ben aber auch die Lan­des­spra­che – zumin­dest so viel davon, dass es für eine über­schwäng­li­che Begrü­ßung der Hote­liers-Fami­lie reicht. Deren jün­ge­re Mit­glie­der wer­den umarmt und auf die Schul­ter geklopft, und sie lachen mit den Spa­ni­ern.

Drei der Neu­an­kömm­lin­ge ver­schwin­den im Hotel, die ande­ren bei­den las­sen sich am Neben­tisch nie­der und fan­gen an zu strei­ten. Jeden­falls kommt mir das so vor – erst als einer der Bei­den in Geläch­ter aus­bricht und der ande­re ein­stimmt, mer­ke ich, dass es sich bloß um ein tem­pe­ra­ment­vol­les, von laut­star­ken Flü­chen unter­mal­tes Gespräch han­delt.

Über mein Tee­glas hin­weg mus­te­re ich die Zwei ver­stoh­len.

Der eine trägt sei­ne Haa­re stop­pel­kurz und ist glatt rasiert, der ande­re, der mir gegen­über sitzt, hat schul­ter­lan­ge, von einem bun­ten Stirn­band gebän­dig­te Locken und einen sorg­fäl­tig gestutz­ten Voll­bart. Sei­ne Augen fun­keln, der Mann sprüht förm­lich vor Ener­gie und guter Lau­ne. Er sieht gera­de­zu unver­schämt gut aus, fin­de ich.

Lei­der habe ich mit bild­schö­nen Män­ner bis­lang nur schlech­te Erfah­run­gen gemacht. Sie sind mir vor allem wegen ihrer Arro­ganz und Selbst­ver­liebt­heit in Erin­ne­rung geblie­ben, und oft genug waren sie dazu auch noch däm­lich.

Da unser Reis auf sich war­ten lässt, geht Inge in unser Zim­mer, um ihr Luft­post-Brief­pa­pier zu holen. Ich suche unter­des­sen in mei­ner Tasche nach der Schach­tel ame­ri­ka­ni­scher Ziga­ret­ten, die ich vor­hin gekauft habe. Nicht nur mein Appe­tit, son­dern auch mein Schmach­ter ist zurück­ge­kehrt, was ich als Zei­chen dafür wer­te, dass die Durch­fall­erkran­kung end­gül­tig über­wun­den ist.

Als ich nach dem Anzün­den einer Ziga­ret­te auf­bli­cke, – nach der mehr­tä­gi­gen Absti­nenz schmeckt sie nicht beson­ders, aber das Ner­ven­gift Niko­tin hat eine unmit­tel­bar ent­span­nen­de Wir­kung – sehe ich direkt in die dunk­len, von benei­dens­wert lan­gen Wim­pern umrahm­ten Augen des schö­nen Spa­ni­ers.

Er bit­tet mich um eine Ziga­ret­te, die ich ihm natür­lich nicht ver­wei­ge­re. Als ich den sehn­süch­ti­gen Blick sei­nes Freun­des am Neben­tisch sehe, bie­te ich ihm eben­falls eine an, und drei Sekun­den spä­ter sit­zen die Bei­den mir gegen­über und zie­hen an ihren Glimms­ten­geln.

I did not schmock for many, many days,” sagt der Lang­haa­ri­ge mit einem genie­ße­ri­schen Seuf­zen.

Er hat einen aus­ge­präg­ten, har­ten Akzent, und ich mer­ke schnell, dass sein eng­li­scher Wort­schatz nicht gera­de groß ist. Dafür spricht er gut Fran­zö­sisch – lei­der habe ich die Fran­zö­sisch-Voka­beln in der Schu­le immer nur (am Tag vor der Klau­sur) im Kurz­zeit­ge­dächt­nis gespei­chert.

Sein Name sei Enri­que, sagt er, und sein Freund hei­ße Car­los. Trotz sei­nes phan­tas­ti­schen Aus­se­hens ist er über­haupt nicht arro­gant oder selbst­ver­liebt. Und blöd erst recht nicht.

Inge kommt zurück, kurz dar­auf auch die drei Freun­de von Enri­que und Car­los.

Zwei von ihnen sind eben­falls Spa­ni­er, der Drit­te kommt aus Argen­ti­ni­ern, erfah­ren wir von Car­los, der am bes­ten Eng­lisch spricht und des­halb die Vor­stel­lung über­nimmt.

Als ich sehe, dass Enri­que und Car­los ihre halb auf­ge­rauch­ten Ziga­ret­ten an ihre Freun­de wei­ter­rei­chen, bie­te ich auch den Ande­ren wel­che an.

Der Argen­ti­ni­er ist Nicht­rau­cher und fragt schüch­tern, ob er statt­des­sen ein Glas Tee bekom­men könn­te. Der Tee sei „frío”, kalt, erklä­re ich ihm. (1975 – auf der Durch­rei­se nach Por­tu­gal – hat sich mir die­ses spa­ni­sche Wort ein­ge­prägt, es stand über dem Was­ser­hahn einer Cam­ping­platz-Dusche, unter der ich eines Mor­gens uner­war­tet schnell wach wur­de…) Obwohl der Argen­ti­ni­er mir ver­ständ­lich zu machen ver­sucht, dass es ihm über­haupt nichts aus­ma­che, kal­ten Tee zu trin­ken, gehe ich zur Hotel­kü­che hin­über und bestel­le noch eine Kan­ne Tee und wei­te­re Glä­ser für die Fünf.

Als ich zum Tisch zurück kom­me, haben sie gera­de begon­nen, auf Spa­nisch, Eng­lisch, und Fran­zö­sisch (unter­malt von aus­drucks­vol­len Gri­mas­sen und Ges­ten) die aben­teu­er­li­che Geschich­te ihrer Rei­se bis Kabul zu erzäh­len.

Und das ist sie, ihre Geschich­te:

Die vier Spa­ni­er, der Argen­ti­ni­er und dazu noch zwei Fran­zo­sen (mit denen zusam­men sie der­zeit einen Schlaf­saal des „Koo­chie Hotels” bewoh­nen) sind Künst­ler – fünf Musi­ker, ein Foto­graf und ein Fil­me­ma­cher.

Einer der Fran­zo­sen besitzt einen aus­ge­bau­ten Rei­se­bus, den sie im Früh­jahr ‘77 mit ihren Musik­in­stru­men­ten, der Anla­ge, Foto- und Film­aus­rüs­tung und ihrem Gepäck bela­den, um damit gen Osten, dem Son­nen­auf­gang ent­ge­gen zu fah­ren. Ihr Plan ist es, ihre Rei­se mit Kon­zer­ten zu finan­zie­ren, die sie unter­wegs geben. Außer­dem sol­len die Kon­zer­te foto­gra­fisch und fil­misch doku­men­tiert wer­den, und sie haben ihre gesam­ten Erspar­nis­se dabei, um in Indi­en und Nepal Tex­ti­li­en, Schmuck und Kunst­hand­werk ein­zu­kau­fen. Nach ihrer Rück­kehr hof­fen sie damit – und mit dem Foto­band und dem Doku­men­tar­film – genü­gend Geld für die Finan­zie­rung wei­te­rer Rei­sen ver­die­nen zu kön­nen.

Es fin­den tat­säch­lich eini­ge Kon­zer­te statt, in Ita­li­en, an der jugo­sla­wi­schen Adria­küs­te und in der Tür­kei. Dort ver­an­stal­ten sie ein­mal sogar eine Jam Ses­si­on mit ein­hei­mi­schen Musi­kern, die bis in die Mor­gen­stun­den dau­ert und wäh­rend der Enri­que, wie er mit leuch­ten­den Augen berich­tet, so lan­ge und so „loco” (ver­rückt) Gitar­re spielt, dass am Ende sei­ne Fin­ger­kup­pen blu­ten.

Sie kom­men bis nach Herat.

Am ers­ten Abend sind sie alle­samt so bekifft, dass sie in den engen Kojen ihres am Stadt­rand gepark­ten Bus­ses ein­dö­sen, ohne vor­her das Licht zu löschen.

Die­ses Licht ist, man mag es kaum glau­ben, eine Petro­le­um­lam­pe.

Man ahnt schon, was als Nächs­tes kommt: irgend­wann in der Nacht wirft jemand die bren­nen­de Lam­pe um. Die Kunst­stoff-Innen­ver­klei­dung fängt sofort Feu­er. Geschrei – Panik – gera­de noch recht­zei­tig sprin­gen die Sie­ben aus dem Bus. Dann explo­die­ren Iso­lier­ma­te­ri­al und Tank.

Der Bus brennt voll­stän­dig aus.

Halb Herat ist auf den Bei­nen und bestaunt die turm­ho­hen Flam­men.

And they don’t have any kind of fire depart­ment in Herat,” bemerkt Car­los mit einem schie­fen Grin­sen.

Ich kann mir trotz der scho­ckie­ren­den Sto­ry ein Schmun­zeln nicht ver­knei­fen. Wo soll­te denn da auch das Was­ser für einen Lösch­trupp her­kom­men?

Alles, was ihnen nach der Kata­stro­phe geblie­ben ist, sind die Sachen, die sie am Lei­be getra­gen haben. Einer von ihnen hat­te zufäl­lig hun­dert Dol­lar in der Hosen­ta­sche, die er am nächs­ten Tag in Afgha­nis ein­wech­seln woll­te, aber der Rest ihres Gel­des ist eben­so den Flam­men zum Opfer gefal­len wie ihre Päs­se und Kla­mot­ten, die Musik­in­stru­men­te, Ver­stär­ker, Laut­spre­cher­bo­xen, die Foto- und Film­aus­rüs­tung…

Am Mor­gen durch­wüh­len sie die war­me Asche und fin­den eini­ge noch brauch­ba­re Klei­nig­kei­ten wie bei­spiels­wei­se Kame­ra­lin­sen, die sie auf dem Bazar in Herat ver­kau­fen kön­nen.

And I found dis also. But I do not sell,” sagt Enri­que ernst und greift in den Hals­aus­schnitt sei­nes zer­schlis­se­nen Hem­des.

Zum Vor­schein kommt ein Leder­band, auf das ein Metall­schild auf­ge­fä­delt ist.

Er hält es mir hin, und ich beu­ge mich über den Tisch, um die Auf­schrift zu lesen. In das Plätt­chen ein­gra­viert ist die sechs­stel­li­ge Seri­en­num­mer sei­ner ver­brann­ten Gitar­re, dar­un­ter steht ein geschwun­ge­nes „F” für „Fen­der”. Einen Moment lang mei­ne ich eine Trä­ne in Enri­ques Augen glit­zern zu sehen, aber dann lacht er schon wie­der über Car­los’ pan­to­mi­mi­sche Dar­stel­lung ihrer nächt­li­chen Flucht aus dem bren­nen­den Bus.

In Herat ver­su­chen sie zwei Wochen lang, von den loka­len Behör­den irgend­wel­che „Ersatz-Papie­re” zu krie­gen, mit denen sie über die Gren­ze nach Tehe­ran zurück wol­len, wo es eine spa­ni­sche Bot­schaft gibt. Ver­geb­lich.

Also rei­sen sie nach Kabul wei­ter und bit­ten das fran­zö­si­schen und das ita­lie­ni­sche Kon­su­lat um Hil­fe; eine diplo­ma­ti­sche Ver­tre­tung Spa­ni­ens – oder gar Argen­ti­ni­ens – gibt es in der afgha­ni­schen Haupt­stadt näm­lich nicht. Auch das ist ver­geb­lich. Nur die bei­den Fran­zo­sen wer­den in den nächs­ten Tagen heim flie­gen – sobald ihre Bot­schaft die Bestä­ti­gung hat, dass ihre Ange­hö­ri­gen die Tickets bezah­len.

Die Spa­ni­er und der Argen­ti­ni­er jedoch ver­brin­gen jeden Tag Stun­den in ver­schie­de­nen afgha­ni­schen Ämtern, die sich mit schö­ner Regel­mä­ßig­keit für nicht zustän­dig erklä­ren und sie an die nächs­te Abtei­lung wei­ter rei­chen. Auch jetzt sind sie gera­de wie­der aus dem afgha­ni­schen Behör­den­dschun­gel zurück­ge­kehrt, und Guil­ler­mo, der Argen­ti­ni­er, äußert die Ver­mu­tung, dass sie längst irgend­wel­che Ersatz-Päs­se hät­ten, stün­den ihnen nur die in der hie­si­gen Büro­kra­tie nun mal erfor­der­li­chen „Schmier­mit­tel” zur Ver­fü­gung. Aber ihr weni­ges Geld ist mitt­ler­wei­le fast voll­stän­dig auf­ge­braucht.

Inge fragt, wie sie denn ihre Unter­kunft hier finan­zie­ren.

No pro­blem,” gibt Car­los Aus­kunft – abge­se­hen von den bei­den Fran­zo­sen, die in ihrer Bot­schaft etwas Geld erhal­ten hät­ten, wür­den sie für die Über­nach­tun­gen in dem von ihnen beleg­ten Acht-Bet­ten-Schlaf­saal nichts bezah­len. Der Hotel­be­sit­zer sei ein „very good man, very nice man”, sagt er, und winkt ihrem Wohl­tä­ter fröh­lich zu, der gera­de aus der Küchen­tür tritt.

Ihm fol­gen zwei der jun­gen Afgha­nen, von denen der eine ein Tablett mit Tee­kan­ne und Glä­sern, der ande­re eins mit einer gro­ßen Schüs­sel und zwei Tel­lern trägt.

Unser Reis ist end­lich gar.

Als wir uns die duf­ten­den wei­ßen Kör­ner auf­fül­len, bemü­hen sich unse­re neu­en Freun­de, nicht all­zu hung­rig auf unse­re Tel­ler zu star­ren.

Selbst­ver­ständ­lich bie­ten Inge und ich an, mit ihnen zu tei­len, aber sie leh­nen es beharr­lich ab, sich eben­falls Tel­ler brin­gen zu las­sen. Sie hät­ten vor­hin auf dem Markt schon eini­ge leicht ange­brann­te „Naan” (Fla­den­bro­te) geschenkt bekom­men, erklärt Enri­que, und spä­ter wür­den sie wie jeden Tag zum Essen zu den „Child­ren of God” gehen.

Auf unse­re Nach­fra­ge hin erklärt er Inge und mir, dass die­se Orga­ni­sa­ti­on in Kabul eine Art Sup­pen­kü­che betrei­be, wo all­abend­lich kos­ten­lo­se Mahl­zei­ten ver­teilt wür­den.

They try to catch us,” meint Car­los, die „Kin­der Got­tes” wür­den wäh­rend der Essens­aus­ga­be ver­su­chen, neue Mit­glie­der für ihre Gemein­schaft zu wer­ben.

But they won’t get us.”

Er grinst und deu­tet mit einer krei­seln­den Fin­ger­be­we­gung neben der Schlä­fe an, für wie ver­rückt er die Mit­glie­der die­ser aus den USA stam­men­den Sek­te hält.

We go the­re just for the food.”

Ton­ight you come with us?” fragt mich Enri­que.

Alle sind von der Idee begeis­tert und drän­gen uns, die Ein­la­dung anzu­neh­men.

Wir müs­sen da ja nichts essen,” meint Inge, „aber angu­cken kann man sich das doch mal.”

Wir sagen also zu.

Den Abend mit die­ser lus­ti­gen Ban­de zu ver­brin­gen, ist auf jeden Fall eine reiz­vol­le Idee, auch wenn man das Glück hat, auf die mild­tä­ti­gen Gaben die­ser obsku­ren Glau­bens­ge­mein­schaft nicht ange­wie­sen zu sein. Wir ver­ab­re­den uns für sechs Uhr hier im Hof, und dann zer­streut sich unse­re klei­ne Gesell­schaft.

Inge und ich bre­chen zu einem Spa­zier­gang auf, um end­lich etwas von Kabul zu sehen.

Die Stadt liegt etwa 1.800 Meter hoch – was erklärt, war­um es hier längst nicht so heiß ist wie etwa in Istan­bul – und ist von noch höhe­ren Ber­gen umge­ben, an denen sich der äuße­re Ring von Stadt­tei­len empor­zieht. Die Häu­ser und Hüt­ten die­ser Vier­tel kle­ben am Berg wie nach­läs­sig aus­ge­streu­te Papp­schach­teln, und ich fra­ge mich, ob es hier jemals hef­ti­ge Regen­fäl­le gibt. In Anbe­tracht der durch kei­ner­lei Vege­ta­ti­on befes­tig­ten, von Stein­schlag bedroh­ten kah­len Hän­ge wäre mir (als Bewoh­ner eines die­ser Häu­ser) dann näm­lich ganz schön mul­mig.

Als Inge und ich den Kabul River errei­chen, wird klar, war­um Was­ser hier ein so kost­ba­res Gut und gegen­wär­tig alles von einer Staub­schicht bedeckt ist. Bis auf ein dün­nes Rinn­sal und ein paar Pfüt­zen ist der Fluss aus­ge­trock­net, und das ist er wohl auch schon seit einer gan­zen Wei­le. Die Hir­ten, die ihre Zie­gen und Scha­fe im Fluss­bett wei­den las­sen, machen jeden­falls nicht den Ein­druck, als hät­ten sie gera­de erst damit begon­nen.

So inter­es­sant die Ansich­ten der Stadt auch sind, unse­re Unter­hal­tung dreht sich haupt­säch­lich um „die Spa­ni­er” (Guil­ler­mo zäh­len wir der Ein­fach­heit hal­ber dazu).

Inge und ich sind fas­zi­niert von der Zuver­sicht und guten Lau­ne, die sie ver­brei­ten – obwohl sie gera­de ihre gesam­te Habe ver­lo­ren haben, ohne Geld in die­ser frem­den Stadt fest­sit­zen und am Ende ver­mut­lich froh sein müs­sen, wenn sie es irgend­wie wie­der nach Hau­se schaf­fen. Dabei woll­ten sie doch bis nach Nepal rei­sen, so wie wir!

Ver­gli­chen mit den Pro­ble­men, mit denen sich die­se Jungs her­um­schla­gen müs­sen, ist eine drei­tä­gi­ge „Kabu­li­tis” doch bloß eine klei­ne Unan­nehm­lich­keit,” mei­ne ich und schä­me mich nach­träg­lich ein wenig für mein Selbst­mit­leid und Gejam­mer in den zurück­lie­gen­den Tagen und Näch­ten.

Das ist jetzt leicht gesagt, wenn es einem wie­der gut geht. Aber vor­ges­tern habe mich wirk­lich todster­ben­se­lend gefühlt.” wider­spricht Inge.

Außer­dem kann ich mir vor­stel­len, dass die Spa­ni­er einen gro­ßen Teil ihrer Kraft aus dem Umstand schöp­fen, dass sie so gesund und mun­ter sind. Schließ­lich sind sie dem Tod nur ganz knapp von der Schip­pe gesprun­gen, da weiß man genau das bestimmt sehr zu schät­zen!”

Du hast recht,” stim­me ich ihr zu.

Enri­que hat es selbst gesagt – ‘No bus, no money, no pass­port – but no pro­blem. We live!’ Das Wich­tigs­te ist doch wirk­lich, am Leben zu sein.”

Mei­ne Freun­din grinst.

Der hat es dir ange­tan, der Locken­kopf, was?”

Ja, ich fin­de ihn hin­rei­ßend,” gebe ich zu.

Mir gefällt Car­los bes­ser, weil man sich mit dem so toll unter­hal­ten kann,” erklärt Inge – was mir her­vor­ra­gend in den Kram passt.

Auf dem Rück­weg kommt uns die Idee, etwas zu essen ein­zu­kau­fen.

Da die Spa­ni­er zu stolz waren, sich zum Reis ein­la­den zu las­sen, wer­den wir ihnen eben Fla­den­bro­te anbie­ten, wenn wir das nächs­te Mal beim Chai zusam­men­sit­zen.

Außer­dem kau­fen wir von einem fast zahn­lo­sen Händ­ler noch Toma­ten und Zwie­beln. Für die paar Afgha­nis, die wir ihm geben, schüt­tet er so vie­le Zwie­beln in Inges Beu­tel, dass wir damit wochen­lang aus­kom­men wür­den. Am Kar­ren dane­ben erste­hen wir vier Gra­nat­äp­fel, die ver­gli­chen mit den Zwie­beln aber rela­tiv teu­er sind.

Danach gehen wir noch bei dem Hotel vor­bei, in des­sen Gar­ten der 608 parkt. Rolf und Cathe­ri­ne sit­zen davor, zusam­men mit einem Pär­chen aus Ber­lin, die neben­an in einem zum Wohn­mo­bil umge­bau­ten Ford Tran­sit cam­pie­ren.

Ah – die bei­den jun­gen Damen sind wie­der gene­sen!” ruft Rolf erfreut, als er uns sieht.

Dann seht ihr ja doch noch was von Kabul – nicht nur immer das­sel­be Hotel-Klo…”

Wir berich­ten kurz, wie es uns ergan­gen ist, und dass wir jetzt im „Koo­chie Hotel” in der Chi­cken Street unter­ge­kom­men sind. Unser Fah­rer teilt uns mit, dass er Kabul über­mor­gen früh um 10 Uhr ver­las­sen will.

Der Treff­punkt wird vor „Sigis Restau­rant” sein, dem legen­den­um­rank­ten Kabu­ler Äqui­va­lent zum „Pud­ding Shop” in Istan­bul oder zum „Amir Kab­ir” in Tehe­ran.

Im „Sigis” gehen wir heu­te Abend übri­gens essen, kommt doch auch,” schlägt Cathe­ri­ne vor.

Sie haben da eine wirk­lich gute und güns­ti­ge Küche – der Reis­pud­ding ist zu Recht so berühmt.”

Nee, geht lei­der nicht,” sagt Inge bedau­ernd.

Wir sind schon zum Essen ver­ab­re­det – in der Sup­pen­kü­che der „Kin­der Got­tes””.

Wie bit­te?” Cathe­ri­ne starrt uns ent­setzt an.

Na ja, wir haben da so ein paar Spa­ni­er ken­nen gelernt, die sind total abge­brannt, und die gehen da immer essen,” ver­su­che ich zu erklä­ren.

Sie haben uns ein­ge­la­den, sie zu beglei­ten.”

Die sind wirk­lich abge­brannt, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes,” fügt Inge amü­siert hin­zu.

Bei die­sen Sek­ten­fuz­zis schmeckt das Essen bestimmt nicht,” ver­kün­det Rolf im Brust­ton der Über­zeu­gung.

Hof­fent­lich ist eure Beglei­tung wenigs­tens nett genug, um das wett­zu­ma­chen.”

Ach doch, ja, die sind ganz unter­halt­sam,” mei­ne ich, und Inge grinst mich an.

In unse­rem Zim­mer ver­stau­en wir die gekauf­ten Lebens­mit­tel insek­ten­si­cher in fest zuge­kno­te­ten Beu­teln, die wir in mei­nen Kof­fer ein­schlie­ßen, und machen uns für unser „Date” zurecht.

Unse­re fünf Kava­lie­re sit­zen schon im Hof, zusam­men mit den Afgha­nen vom Hotel, und sprin­gen auf, als wir her­aus­kom­men.

Bue­nos noches, Seño­res,” sage ich lächelnd, und die Seño­res strah­len und reden alle gleich­zei­tig. Schließ­lich gelingt es Car­los, die ande­ren zu über­tö­nen. Er ver­beugt sich schwung­voll vor Inge und mir und sagt dann:

Let’s go!”

Ach du hei­li­ge Schei­ße,” stößt Inge her­vor, als wir nach einem län­ge­rem Fuß­marsch ein paar Stu­fen hin­un­ter­stei­gen und in der Sup­pen­kü­che der „Child­ren of God” ange­kom­men sind.

Der Raum ist düs­ter und schmut­zig, nur von ein paar nack­ten Glüh­bir­nen erleuch­tet und mit nied­ri­gen Tischen und Bän­ken aus geschwärz­tem Holz möbliert. An der hin­te­ren Wand befin­det sich ein höhe­rer Tisch, hin­ter dem zwei Frau­en mit lan­gen, glat­ten Haa­ren und knö­chel­lan­gen Klei­dern aus gro­ßen Alu­mi­ni­um­töp­fen Por­tio­nen einer grau­en Mas­se abfül­len.

Die Bewe­gun­gen der älte­ren, sehr hage­ren Frau sind lang­sam und kraft­los, als ob sie krank ist oder unter dem Ein­fluss star­ker Beru­hi­gungs­mit­tel steht. Die Jün­ge­re – sie scheint sehr jung zu sein, höchs­tens acht­zehn Jah­re – macht mit ihren blon­den Haa­ren und roten Apfel­bäck­chen zwar einen gesün­de­ren Ein­druck, kommt mir aber auch irgend­wie weg­ge­tre­ten vor – ihr Blick schweift in die Fer­ne, und ihr Dau­er­lä­cheln wirkt reich­lich mecha­nisch.

Links und recht von der Essens­aus­ga­be ste­hen zwei kräf­ti­ge jun­ge Män­ner in gebü­gel­ten Hosen und Hem­den, die auf­grund ihres Zahn­pas­ta-Lächelns eben­falls ein­deu­tig als Sek­ten­mit­glie­der zu iden­ti­fi­zie­ren sind und sich wacker bemü­hen, trotz ihrer offen­sicht­li­chen Body­guard-Funk­ti­on einen gütig-mil­den Ein­druck zu machen.

Ein Drit­ter sitzt mit­ten im Raum auf einem Hocker, den man auf eine gro­ße Holz­kis­te gestellt hat, bear­bei­tet hin­ge­bungs­voll eine Gitar­re und singt dazu mit nicht schö­ner, aber lau­ter Stim­me from­me Lie­der. Da er nuschelt und einen furcht­ba­ren Slang hat, ver­ste­he ich von den Tex­ten (außer den häu­fig vor­kom­men­den Wor­ten „god”, „holy” und „grace”…) aller­dings nicht viel.

Mei­ner Mei­nung nach sind die Gäs­te, die die mil­de Gabe aus dem Sup­pen­topf her­un­ter­wür­gen oder wie gelähmt dasit­zen und in ihre Blech­näp­fe star­ren, nahe­zu aus­nahms­los Jun­kies. Abge­ma­ger­te, ver­dreck­te Gestal­ten mit offe­nen Wun­den, neben denen bei­na­he schon der Sen­sen­mann sicht­bar ist, der sie vor­aus­sicht­lich in nächs­ter Zukunft auf ihren letz­ten Trip beglei­ten wird.

Dies ist ein depri­mie­ren­der Ort, an dem sich fast nur unglück­li­che Men­schen auf­zu­hal­ten schei­nen.

Umso beein­dru­cken­de fin­de ich, dass sich die Spa­ni­er nicht ein­mal von die­ser Atmo­sphä­re die gute Lau­ne ver­der­ben las­sen.

Sie schwat­zen mun­ter wei­ter, wäh­rend sie sich in die klei­ne Schlan­ge bei der Essens­aus­ga­be ein­rei­hen.

Inge und ich beteu­ern, über­haupt nicht hung­rig zu sein, und set­zen uns schon mal an einen frei­en Tisch vor der „Büh­ne”. Als unse­re Freun­de zurück­keh­ren, stellt sich her­aus, dass das nicht ein­mal eine Lüge ist – spä­tes­tens nach einem Blick in ihre Näp­fe ver­geht uns näm­lich wirk­lich jeder Appe­tit.

Die Kin­der Got­tes ser­vie­ren heu­te eine Art zer­koch­te Grau­pen mit bräun­li­chen und grü­nen Schlie­ren dar­in, die wohl einen Vit­amin-Anteil vor­täu­schen sol­len.

Wäre ich auf der Suche nach einer spi­ri­tu­el­len Hei­mat in irgend­ei­ner Glau­bens­ge­mein­schaft, dann hät­te die­ser Ver­ein sich mit die­ser Armen­spei­sung soeben auf den aller­letz­ten Platz der Kan­di­da­ten­lis­te kata­pul­tiert. Wer in einer Gegend, in der man Grund­nah­rungs­mit­tel wie Zwie­beln, Kar­tof­feln oder Hül­sen­früch­te fast geschenkt kriegt, einen sol­chen Fraß an Bedürf­ti­ge ver­teilt, muss eine son­der­ba­re Vor­stel­lung von „Nächs­ten­lie­be” haben.

Ich bin sicher, dass die Got­tes­kin­der die­ses Zeugs nicht sel­ber essen.

Wäh­rend unse­re Beglei­ter tap­fer die graue Pam­pe zu löf­feln begin­nen, fragt mich Inge, was ich über die „Child­ren of God” wüss­te.

Nicht viel…” Ich über­le­ge.

Ein­mal hat mich einer von denen in einer U-Bahn-Sta­ti­on ange­quatscht. Der grins­te auch pau­sen­los, als hät­te er irgend­wel­che Glücks­pil­len intus – so, wie das Mäd­chen da drü­ben. Er woll­te mich über­re­den, zu einer ihrer Ver­samm­lun­gen zu kom­men. War aus­ge­spro­chen hart­nä­ckig, der Kerl; ich muss­te rich­tig unhöf­lich wer­den, um ihn los­zu­wer­den.”

Er hat mir ein Heft­chen auf­ge­drängt,” fällt mir dann noch ein, „das ich aber nur durch­ge­blät­tert und beim Aus­stei­gen in den nächs­ten Müll­ei­mer geschmis­sen habe. Ich weiß nur noch, dass da unter ande­rem auch Vor­schrif­ten vom Sek­ten­chef drin stan­den, was sei­ne Jün­ger beim Sex tun und las­sen sol­len. Das fand ich echt krank.”

Inge nickt.

Ich hab mal gehört, dass die Frau­en von denen auf Befehl ihres Gurus mit frem­den Män­nern schla­fen müs­sen, um die für eine Mit­glied­schaft zu gewin­nen. Die­se Frau­en wer­den prak­tisch gezwun­gen, sich zu pro­sti­tu­ie­ren, und die Orga­ni­sa­ti­on fun­giert als Zuhäl­ter. Neue Mit­glie­der müs­sen näm­lich ihren gesam­ten Besitz der Sek­te über­schrei­ben.”

Ich ver­su­che, das Bild, das vor mei­nem inne­ren Auge auf­ge­taucht ist – die klei­ne Blon­de, die sich auf einer ver­dreck­ten Matrat­ze einem Jun­kie hin­gibt – wie­der aus mei­nem Bewusst­sein zu drän­gen.

Das ist ja ekel­haft!”

Enri­que, der neben mir Platz genom­men hat, scheint nach weni­gen Löf­feln der Grau­pen­pam­pe auch kei­nen Hun­ger mehr zu haben. Mei­nen mit­füh­len­den Blick beant­wor­tet er mit einem Ach­sel­zu­cken und einem schie­fen Lächeln – das zu einer gequäl­ten Gri­mas­se gerinnt, als der nerv­tö­ten­de Trou­ba­dix neben uns ein from­mes Lied in einem schril­len Miss­klang enden lässt.

Beim Sin­gen und Musi­zie­ren sind sie offen­bar genau so talent­frei wie beim Kochen,” bemerkt Inge spitz.

Enri­que blickt sehn­süch­tig auf die Gitar­re des Möch­te­gern-Musi­kus.

Als der sei­ne Fin­ger über die Sai­ten sei­nes Instru­ments glei­ten lässt, um sich auf sei­nen nächs­ten Vor­trag ein­zu­stim­men, spricht er ihn an:

Par­don,” er deu­tet auf die Gitar­re, „may I …? For only five min­u­tos?”

Der Ange­spro­che­ne glotzt aus­drucks­los auf ihn her­ab und gibt kei­ne Ant­wort. Da ich anneh­me, dass er das etwas eigen­wil­li­ge Eng­lisch des Spa­ni­ers nicht ver­stan­den hat, schal­te ich mich ein.

My fri­end is a musi­ci­an, who has lost his gui­tar,” erklä­re ich ihm freund­lich lächelnd, „and he wants to bor­row yours – just for a litt­le while…”

Der Gitar­ren-Eigen­tü­mer run­zelt sei­ne Brau­en und packt sein Instru­ment fes­ter, als befürch­te er, wir wür­den es ihm im nächs­ten Augen­blick ent­rei­ßen und irgend­et­was Schreck­li­ches damit anstel­len.

No,” sagt er dann, und stimmt das nächs­te Lied an.

Inzwi­schen haben alle auf­ge­hört zu essen, und wir erhe­ben uns, um die­sen Ort zu ver­las­sen.

God bless you for your gene­ro­si­ty,” Gott seg­ne dich für dei­ne Groß­zü­gig­keit, sage ich im Hin­aus­ge­hen zu dem talent­frei­en Allein­un­ter­hal­ter.

Doch ich ern­te nur den­sel­ben lee­ren Blick wie Enri­que, als er sich die Gitar­re aus­lei­hen woll­te. Viel­leicht ver­steht der Typ ja kein Eng­lisch. Oder kei­ne Iro­nie.

Oder aber er hört ein­fach sehr schlecht – das wür­de die Qua­li­tät sei­ner musi­ka­li­schen Dar­bie­tung erklä­ren.

Mit den Spa­ni­ern durchs abend­li­che Kabul zu fla­nie­ren, macht rich­tig Spaß.

Auf die diver­sen Offer­ten geschäfts­tüch­ti­ger Afgha­nen reagie­ren unse­re Beglei­ter, indem sie ihrer­seits alles anprei­sen, was sie bei sich tra­gen. Und da sie die fürs Feil­schen nöti­gen Zah­len und Rede­wen­dun­gen in der Lan­des­spra­che beherr­schen, spie­len vie­le Afgha­nen begeis­tert mit. In der Chi­cken Street schließ­lich scheint jeder die Spa­ni­er zu ken­nen; man begrüßt sich unter Gejoh­le und Geläch­ter.

Guil­ler­mo und Car­los unter­hal­ten sich mit einem jun­gen Pasch­tu­nen und reden dann sehr schnell auf Enri­que ein. Der schüt­telt den Kopf, und eine hit­zi­ge, mit Kraft­aus­drü­cken gespick­te Debat­te ent­brennt. Die Stim­men der Bei­den klin­gen immer drän­gen­der, bei­na­he bet­telnd, aber Enri­que bleibt hart.

Als Car­los mei­nen neu­gie­ri­gen Blick auf­fängt, erklärt er Inge und mir, dass der jun­ge Mann ihnen Haschisch ange­bo­ten habe („he sells the best cha­ras in town, we tried it befo­re!”). Doch Enri­que, der von der Grup­pe mit der Ver­wal­tung ihres letz­ten Gel­des beauf­tragt wor­den ist, wei­ge­re sich beharr­lich, dafür ein paar Afgha­nis her­aus­zu­rü­cken.

In gespiel­ter Ver­zweif­lung ver­dreht Car­los sei­ne Augen him­mel­wärts und meint, dass sie ja sel­ber Schuld sei­en. Schließ­lich hät­ten sie aus genau die­sem Grund Enri­que die Kas­se anver­traut – weil er ein „bloo­dy pighead”, ein ver­damm­ter Dick­schä­del sei.

Der so Beschrie­be­ne steht dane­ben und ver­sucht mit­zu­krie­gen, was Car­los erzählt, aber an sei­nem ver­un­si­chert zwi­schen uns hin und her irren­den Blick ist zu erken­nen, dass er außer sei­nem eige­nen Namen nicht viel ver­steht. Den Aus­druck „pighead” scheint er aller­dings zu ken­nen, denn als das Wort fällt, blit­zen sei­ne Augen, und er über­schüt­tet Car­los mit einem Rede­schwall, aus dem ich mehr­fach „puta madre” her­aus­hö­re.

Ich beschlie­ße, das Pro­blem zu lösen, bevor die Bei­den sich rich­tig in die Haa­re krie­gen, und bit­te Car­los, etwas Cha­ras für mich zu kau­fen. Er sieht mich an, als wür­de er mir am liebs­ten um den Hals fal­len, und erwirbt für die zwei­hun­dert Afgha­nis (etwa zwölf Mark), die ich ihm in die Hand drü­cke, einen Bro­cken von beacht­li­chen Aus­ma­ßen.

An einem noch geöff­ne­ten Stand besor­ge ich der­weil Ziga­ret­ten­pa­pier und zwei Packun­gen Ziga­ret­ten. Die am Mit­tag gekauf­te Schach­tel ist, mit Unter­stüt­zung der Spa­ni­er, bereits zur Hälf­te geleert.

Im Hotel ange­kom­men, bestel­len Inge und ich gleich zwei gro­ße Kan­nen Tee.

Da im Hof bereits alle Lich­ter gelöscht sind und es so aus­sieht, als wol­le das Per­so­nal sich dem­nächst zur Ruhe bege­ben, laden wir die Spa­ni­er in unser Zim­mer ein. Sie fol­gen uns mit den Tee-Tabletts, und das Gemur­mel und Geki­cher hin­ter uns im dunk­len Flur erin­nert mich irgend­wie an die Klas­sen­rei­sen frü­her, wenn die Jungs uns nachts im Mäd­chen­schlaf­saal besu­chen kamen.

Bei Ker­zen­schein ist es in dem Raum rich­tig gemüt­lich.

Car­los fängt an, einen Joint zu bau­en, und Inge und ich brei­ten die Fla­den­bro­te, Toma­ten, Zwie­beln, Gra­nat­äp­fel und die Keks­pa­ckun­gen auf dem Tisch aus.

Bei unse­ren Gäs­ten ist die Freu­de groß – offen­sicht­lich ist kei­ner von ihnen bei den „Kin­dern Got­tes” satt gewor­den. Sie spü­len die Toma­ten im Wasch­be­cken ab und schnei­den sie mit Inges Taschen­mes­ser und mei­nem Dolch aus Herat in klei­ne Wür­fel, eben­so die geschäl­ten Zwie­beln. Dann wer­den die Fla­den­bro­te mit dem Toma­ten-Zwie­bel-Gemisch gefüllt und erge­ben ein simp­les, aber unge­mein schmack­haf­tes Abend­essen, das auch Inge und ich mit Hoch­ge­nuss ver­spei­sen.

Tol­le Sache, so ein spa­ni­scher Leib­koch – und wir haben gleich fünf…” flachst Inge.

Mmmh,” ant­wor­te ich mit vol­lem Mund und beob­ach­te inter­es­siert, wie Enri­que die mit rotem Frucht­fleisch umman­tel­ten Ker­ne eines Gra­nat­ap­fels mit einem Tee­löf­fel aus der Scha­le löst und auf dem blank geputz­ten Tablett auf­türmt.

Er greift zur nächs­ten Frucht, und ich fra­ge Inge, ob sie schon mal Gra­nat­ap­fel geges­sen hat. Sie ver­neint.

Ich auch nicht,” sage ich. „Sehen aber toll aus, die Din­ger. Irgend­wie ero­tisch.”

Inge lacht. „Bist du sicher, dass du die Frucht meinst?”

Enri­ques Blick trifft sich mit mei­nem, und er hält mir eine Hand­voll Kern hin.

Ich pro­bie­re und bin ent­zückt: „Deli­cious!”

Der von Car­los gedreh­te Joint geht her­um, ein aus sechs oder sie­ben Blätt­chen zusam­men­ge­füg­tes Pracht­ex­em­plar, das gleich­mä­ßig her­un­ter­brennt und den Raum mit dem herb­süß-har­zi­gen Geruch des „schwar­zen Afgha­nen” füllt.

Nach dem ers­ten Zug spü­re ich, wie sich wie­der mal mei­ne Nacken­haa­re auf­stel­len, aber mitt­ler­wei­le habe ich mich schon etwas an die­ses Gefühl gewöhnt.

Und es gibt ja auch nichts, was mich davon abhält, den Rausch zu genie­ßen, nichts, wor­über ich mir Sor­gen machen müss­te: ich sit­ze ent­spannt auf mei­nem eige­nen Bett, und soll­te ich müde wer­den, brau­che ich mich nur zur Sei­te fal­len las­sen. Umge­ben bin ich von freund­li­chen, gut gelaun­ten Men­schen, mit denen ich mich groß­ar­tig ver­ste­he – auch wenn ich kein Spa­nisch spre­che und sie (abge­se­hen von Car­los) kaum Eng­lisch. In gewis­ser Hin­sicht ist das sogar ein Vor­teil, denn die leb­haf­ten Gri­mas­sen, Ges­ten und pan­to­mi­mi­schen Vor­füh­run­gen, mit­tels derer wir uns haupt­säch­lich ver­stän­di­gen, haben einen viel grö­ße­ren Unter­hal­tungs­wert als Erzäh­lun­gen „nur” mit Wor­ten.

Nach ein, zwei Stun­den schmerzt mei­ne Bauch­mus­ku­la­tur. Ich habe seit Mona­ten nicht mehr so viel gelacht.

Enri­que und Car­los sind ein­deu­tig die­je­ni­gen, die dafür sor­gen, das kei­ner aus der Grup­pe den Mut oder die Hoff­nung ver­liert. Wie­der und wie­der erin­nern sie die ande­ren dar­an, was für ein Glück sie doch hät­ten, am Leben zu sein – und dass sie, soll­ten sie es dies­mal nicht bis nach Indi­en und Nepal schaf­fen, ein­fach eines Tages wie­der los­fah­ren wer­den. Puta madre!

Ich fän­de ihre Lebens­freu­de bewun­derns­wert, erklä­re ich Car­los, und er zuckt die Ach­seln und sagt, dass er gar nicht anders kön­ne als glück­lich zu sein – soviel Güte und Groß­zü­gig­keit sei­en ihnen begeg­net, seit sie in Herat ihre gan­ze Habe ver­lo­ren haben. Afgha­nen, die selbst kaum etwas besa­ßen, haben sie ein­ge­la­den, mit ihnen zu essen, sie durf­ten ohne Fahr­schein im Bus nach Kabul mit­fah­ren, im Hotel lässt man sie umsonst über­nach­ten, stän­dig bekä­men sie etwas geschenkt. Und heu­te waren es Inge und ich, die mit „chai, din­ner and cha­ras for free” ihren Tag ver­schö­nert haben!

Mit auf­merk­sa­men Blick hat Enri­que unser Gespräch ver­folgt und nickt nun zustim­mend.

Por de chät­te,” meint er und tippt sich gegen die Wan­ge, „is all­ways bet­ter. It’s de best.”

Ich zie­he Augen­brau­en und Schul­tern hoch zum Zei­chen, dass ich ihn nicht ver­stan­den habe.

Por de chätt,” wie­der­holt er, tippt sich wie­der gegen die Wan­ge und lässt sei­nen Zei­ge­fin­ger dann um sein Gesicht krei­sen.

Is de best.”

Als ich immer noch ver­ständ­nis­los gucke, sagt er es noch ein­mal.

Por de chätt,” wie­der ein Antip­pen der Wan­ge, und dann fügt er hin­zu:

Free. Por free is all­ways de best!”

End­lich fällt bei mir der Gro­schen — „chätt” soll „head” hei­ßen.

Aus dem Deut­schen ken­ne ich ja den Spruch „nur um dei­ner schö­nen Augen wil­len”, wenn man etwas geschenkt bekommt (bezie­hungs­wei­se geschenkt bekom­men möch­te), wofür man nor­ma­ler­wei­se Geld bezah­len muss. Anschei­nend gibt es im Spa­ni­schen eine ähn­li­che Rede­wen­dung, in der eine For­mu­lie­rung wie „für dei­nen Kopf” – oder viel­leicht auch „um dei­nes (hüb­schen) Gesich­tes wil­len”? – die Bedeu­tung von „gra­tis, umsonst” hat.

Yes, for free is all­ways the best,” wie­der­ho­le ich und lache ihn ver­liebt an.

Irgend­wann wer­den Enri­ques und Car­los’ Freun­de immer stil­ler, fan­gen an zu gäh­nen, wün­schen uns noch einen schö­nen Abend und ver­las­sen das Zim­mer, um in ihren Schlaf­saal hin­über zu gehen.

Wir blei­ben zu viert zurück, und die Atmo­sphä­re ist immer noch ange­nehm, aber deut­lich anders.

Enri­que sitzt, an mein Bett gelehnt, auf dem Fuß­bo­den, Car­los hat auf dem lee­ren Bett neben dem von Inge Platz genom­men, und das wil­de Durch­ein­an­der-Geschnat­ter ist mit ver­hal­te­nen Stim­men geführ­ten Gesprä­chen gewi­chen.

Car­los muss immer sel­te­ner etwas über­set­zen, denn ich stel­le fest, dass ich Enri­ques Fran­zö­sisch zuneh­mend bes­ser ver­ste­he. Zwar habe ich gro­ße Schwie­rig­kei­ten, mich in die­ser Spra­che aus­zu­drü­cken, weil mir so vie­le Voka­beln ent­fal­len sind – aber wenn ich ihm zuhö­re, fällt mir die Bedeu­tung der meis­ten Wor­te wie­der ein.

Nach und nach ver­stum­men unse­re gedämpf­ten Dia­lo­ge, und eine eigen­ar­ti­ge, „lau­te” Stil­le, in der ich fast unse­re Gedan­ken zu hören glau­be, brei­tet sich im Raum aus.

Car­los trifft schließ­lich die Ent­schei­dung, sie zu bre­chen; er springt auf und ver­kün­det, er wer­de jetzt schla­fen gehen. Auch Enri­que erhebt sich.

Bue­nos noches, Pola,” sagt er lei­se und hält mir sei­ne Hand hin.

Als ich sie ergrei­fe, ver­spü­re ich gro­ße Lust, ihn ein­fach zu mir aufs Bett her­un­ter zu zer­ren und zu küs­sen, aber schon Sekun­den­bruch­tei­le spä­ter sie­gen mei­ne Beden­ken über die Raub­kat­ze in mir. Ich las­se sei­ne Hand wie­der los und wün­sche ihm und Car­los eben­falls eine gute Nacht.

Als sie das Zim­mer ver­las­sen haben, seufzt Inge und spricht aus, was wir bei­de den­ken:

Scha­de, dass die Zwei nicht auch ein Dop­pel­zim­mer haben!”

Ja, dann hät­te einer von ihnen hier blei­ben kön­nen, und eine von uns wäre mit rüber gegan­gen.”

Ich seuf­ze eben­falls.

Was soll’s – mit Enri­que im Bett, in einem Schlaf­saal, in dem noch sechs ande­re jun­ge Ker­le her­um­lie­gen und die Ohren spit­zen, ent­spricht nun wirk­lich nicht mei­ner Vor­stel­lung von einer hei­ßen Lie­bes­nacht…”

Puh, nein, die Vor­stel­lung reizt mich genau­so wenig,” stimmt Inge zu.

Und ich den­ke auch nicht, dass Car­los und Enri­que sich so etwas wün­schen. Die­se Spa­ni­er kom­men mir trotz ihrer heiß­blü­ti­gen Art eher schüch­tern vor. Ver­mut­lich ist das die erz­ka­tho­li­sche Sozia­li­sa­ti­on – die streift man bestimmt nicht ein­fach so ab, indem man ein paar Jah­re lang in einer Rock­band spielt und kifft.”

Wir sind nicht katho­lisch, aber wir trau­en uns auch nix,” wen­de ich ein, „wir hät­ten sie ja bei­spiels­wei­se ein­la­den kön­nen, hier bei uns zu über­nach­ten – ich glau­be nicht, dass sie nein gesagt hät­ten, katho­li­sche Erzie­hung hin oder her. Bei­na­he hät­te ich es dir vor­ge­schla­gen, dann fand ich die Idee doch bescheu­ert.”

Einen Moment lang habe ich auch dar­an gedacht,” gesteht Inge, „aber das hät­te im Fias­ko geen­det, da bin ich sicher. Ver­steh’ das bit­te nicht falsch, ich mag dich wirk­lich gern — aber beim Sex möch­te ich dich nun mal nicht dabei haben…”

Da geht es mir genau so wie dir,” lache ich.

Ich kuschel’ mich in mei­nen Schlaf­sack, aber obwohl ich sehr erschöpft bin von die­sem lan­gen Tag – dem ers­ten, an dem wir wie­der „auf den Bei­nen” waren – fin­de ich lan­ge kei­nen Schlaf. Zu viel geis­tert mir im Kopf her­um, und immer wie­der sehe ich das Lachen und die dunk­len Augen des Spa­ni­ers vor mir.