25. Sep­tem­ber

Nach dem Auf­wa­chen blei­be ich noch eine Wei­le still lie­gen, so lan­ge, bis ich ganz sicher bin, dass ich wirk­lich nicht träu­me. Aber nein, es ist wahr, ich bin tat­säch­lich in Nepal – end­lich am Ziel ange­kom­men.

Aus dem Neben­raum dringt Geplät­scher; offen­bar steht Inge unter der Dusche. Ob das Was­ser heu­te mor­gen wohl warm ist? Aber eigent­lich ist das nicht wich­tig, wir haben uns längst ans Duschen und Haa­re waschen mit kal­tem Was­ser gewöhnt.

Es ist ange­nehm warm, nicht so drü­ckend und schwül wie noch vor weni­gen Tagen in Delhi. Durch die trü­ben Schei­ben des Fens­ters fällt hel­les Son­nen­licht in unser mit einem wacke­li­gen Tisch und zwei Bet­ten karg möblier­tes Zim­mer.

Ich höre Stim­men, dann Geläch­ter, und als ich aus dem Schlaf­sack und in Rock und T-Shirt geschlüpft bin und vor die Tür tre­te, sehe ich meh­re­re Hotel­gäs­te, dar­un­ter auch Cathe­ri­ne, Rolf und Ulli, bereits unter dem Son­nen­se­gel im Hof sit­zen und früh­stü­cken.

Vor der Tür des Neben­zim­mers hängt eine Spin­ne von beein­dru­cken­den Aus­ma­ßen in ihrem Netz. Glück­li­cher­wei­se – für die Spin­ne eben­so wie für mensch­li­che Hotel­gäs­te – scheint das Zim­mer nicht belegt zu sein. Nach dem Auf­ste­hen gera­de­wegs in so ein gro­ßes, kleb­ri­ges Netz hin­ein zu mar­schie­ren, wür­de den Zau­ber eines nepa­le­si­schen Mor­gens wohl für die meis­ten Men­schen stark beein­träch­ti­gen.

Wie zur Erin­ne­rung dar­an, dass dies kein von Men­schen, son­dern ein von Mut­ter Natur gestal­te­tes Para­dies ist, gibt es hier wahr­haft gigan­ti­sche Arach­ni­den. Ges­tern habe ich eine gelb-schwarz gemus­ter­te Spin­ne ent­deckt, die ihr Netz neben der Hotel-Ein­fahrt zwi­schen zwei Bäu­men gespannt hat. Sie hing regungs­los eini­ge Meter über mei­nem Kopf, war aber trotz der Ent­fer­nung noch sehr, sehr groß – ihr von mir geschätz­te Durch­mes­ser (aller­dings inklu­si­ve der lan­gen Bei­ne) betrug fast 30 Zen­ti­me­ter.

Die Nepa­lis wür­di­gen sol­che acht­bei­ni­gen Rie­sen übri­gens kei­nes Bli­ckes. Eine ver­gleichs­wei­se klei­ne, grau-brau­ne Spin­ne jedoch, die im Spei­se­raum unse­res Hotels an der Wand ent­lang flitzt, beob­ach­ten sie stets aus dem Augen­win­kel und ver­mie­den es, dem klei­nen Jäger all­zu nah zu kom­men.

Ich bestel­le mir einen Tee und „Pan­ca­ke” bei dem Jun­gen, der mit einem Tablett aus dem Haupt­ge­bäu­de kommt. Als er mir wenig spä­ter das Gewünsch­te bringt, stellt er die übli­chen Fra­gen – „What is your name? Whe­re do you come from?”. Im Unter­schied zu den Kids in den Stra­ßen von Delhi habe ich bei ihm aber den Ein­druck, dass er mei­ne Ant­wor­ten ver­steht.

Er fragt mich, in wel­chem Teil von „Ger­ma­ny” mei­ne Hei­mat­stadt denn lie­gen wür­de, und als ich sage, im Nor­den, in der Nähe der Nord­see, ern­te ich einen ver­ständ­nis­lo­sen Blick.

Woher soll Ganesh, so heißt der Jun­ge, denn auch wis­sen, was ein Meer ist? Ich ver­su­che es zu erklä­ren, indem ich in Rich­tung des Sees deu­te und sage, die Nord­see sei vie­le tau­send Mal grö­ßer als der Fewa Lake, und ihr Was­ser sei sal­zig. Ganesh prus­tet los und krümmt sich vor Lachen; er scheint das für einen gelun­ge­nen Witz zu hal­ten.

Ich gebe den Ver­such auf, dem klei­nen Berg­be­woh­ner eine Vor­stel­lung von Ozea­nen nahe zu brin­gen, und fra­ge ihn, ob er in der Schu­le so gut Eng­lisch spre­chen gelernt habe.

Das Lachen ver­schwin­det aus sei­nem Gesicht. Er schüt­telt den Kopf.

Me, I don‚t go school,” sagt er betrübt.

Ah… so.”

Ich bin befan­gen, traue mich nicht zu fra­gen, war­um er denn nicht zur Schu­le geht. Schließ­lich betreibt die Fami­lie ein recht gut gehen­des Hotel – da müss­te es ihr doch mög­lich sein, den Klei­nen zur Schu­le zu schi­cken?!

Als ob er mei­ne Gedan­ken gele­sen habe, erklärt Ganesh, dass er kein Mit­glied der Sip­pe ist, die das Hotel betreibt. Er ist eine Wai­se, die Hotel-Fami­lie hat ihn auf­ge­nom­men, und als Gegen­leis­tung für sei­ne Diens­te als Kell­ner und Hotel-Boy bekommt er zu essen und darf im Haupt­ge­bäu­de schla­fen.

I can­not go school, I work,” sagt er, und es klingt trau­rig, aber zugleich ein wenig stolz.

But I learn. Fri­end is tea­cher, and tou­rist is tea­cher,” ergänzt er und schreibt zum Beweis eini­ge Zah­len und Schrift­zei­chen auf den Skiz­zen­block, der vor mir auf dem Tisch liegt.

Als ich sehe, wie hin­ge­bungs­voll und hoch kon­zen­triert er die Stri­che und Bögen malt, schen­ke ich ihm den Block und eini­ge Bunt­stif­te zum Üben.

Ganesh strahlt.

Er ver­schwin­det mit Block und Stif­ten im Haus, und ich ent­de­cke den auf der Veran­da thro­nen­den Löwen­hund. Gehört habe ich schon des öfte­ren von den klei­nen, lang­haa­ri­gen tibe­ti­schen Ter­ri­ern, aber dies hier ist der ers­te Lha­sa Apso, den ich leib­haf­tig zu sehen bekom­me.

Isn’t he lovely?” lächelt mich eine dun­kel­haa­ri­ge Frau an, als ich auf­ste­he, um den honig­far­be­nen Mini-Löwen aus der Nähe zu foto­gra­fie­ren.

Yes, he is.”

And he is intel­li­gent, too,” meint sie.

Dass dies nicht nur ein beson­ders hüb­scher, son­dern auch ein beson­ders klu­ger Hund ist, will ich gern glau­ben. Sein gelas­se­ner, auf­merk­sa­mer Blick und sei­ne wür­de­vol­le Hal­tung sind völ­lig frei von jener schwanz­we­deln­den, leicht däm­lich wir­ken­den Unter­wür­fig­keit, die vie­le sei­ner Art­ge­nos­sen an den Tag legen.

Eigent­lich bin ich ja eher ein „Kat­zen-Mensch”, aber in die­sem Moment beschlie­ße ich: wenn ich mir jemals einen Hund zule­gen soll­te, dann wird es ein Lha­sa Apso sein!

Inge ist inzwi­schen auch her­aus­ge­kom­men, und wir set­zen uns zu den ande­ren Hotel­gäs­ten.

Als Rolf sieht, dass jetzt alle Pas­sa­gie­re sei­nes 608 ver­sam­melt sind, räus­pert er sich und hält eine klei­ne Rede:

Tja, nun sind wir also in Nepal ange­kom­men; unse­re gemein­sa­me Rei­se endet hier. Über­mor­gen fah­ren Cathe­ri­ne und ich nach Kath­man­du, und wer möch­te, kann mit­kom­men, um sei­ne Post abzu­ho­len oder was auch immer… Wer das Pok­ha­ra-Idyll noch etwas län­ger genie­ßen möch­te, kann natür­lich noch hier blei­ben und spä­ter auf eige­ne Faust in die Haupt­stadt fah­ren; ein Bus-Ticket für die hun­dert Kilo­me­ter-Tour kos­tet nicht so viel.”

Weißt du, wie viel?” will Ulli wis­sen.

Der nor­ma­le Bus kos­tet, glau­be ich, um die 25 Rupees. Der ist aber auch den gan­zen Tag unter­wegs. Dann gibt es noch die Mini­bus­se, die kos­ten zehn Rupees mehr und brau­chen gut drei Stun­den weni­ger für die Stre­cke. Mit mir kommt ihr natür­lich am schnells­ten nach Kath­man­du, weil ich kei­ne Zwi­schen­stopps ein­le­ge.”

Unser Fah­rer grinst.

Ich kom­me gern Diens­tag mit euch mit, will unbe­dingt gucken, ob ich Post habe. Und ich glau­be, ich wer­de mir in Kath­man­du ein Trek­king-Per­mit holen,” ver­kün­de ich.

Rosi guckt mich mit gro­ßen Augen an.

Du willst in die Ber­gen gehen?” fragt sie erstaunt. „Du hast doch gar kei­nen Ruck­sack und kei­ne Wan­der­stie­fel dabei…”

Kein Pro­blem, Trek­king-Aus­rüs­tung kann man sich hier über­all lei­hen,” wirft Rolf ein.

Na ja, ich dach­te nur, Pau­la ist mehr an Hip­pie-Kla­mot­ten und Schmuck und Haschisch inter­es­siert, nicht so sehr an sport­li­chen Unter­neh­mun­gen…” Rosi lacht ver­le­gen.

Ich bin belei­digt. Bloß weil ich mit drei Paar Ohr­rin­gen und einer bestick­ten Kuchi-Wes­te aus Samt durch die Welt­ge­schich­te lat­sche (und nicht in Ber­mu­da-Shorts und Gesund­heits­schu­hen wie sie), glaubt sie, ich sei den Anfor­de­run­gen einer Berg­wan­de­rung nicht gewach­sen?

Da fällt mir auch noch Inge in den Rücken.

Willst du das wirk­lich machen?” fragt sie mich. „Ich kann dich näm­lich nicht in die Ber­ge beglei­ten, weil ich in knapp zwei Wochen von Kath­man­du aus nach Delhi zurück flie­gen will. Schließ­lich will ich recht­zei­tig zu Semes­ter­be­ginn wie­der in Ham­burg sein.”

Ja, ich will das wirk­lich machen,” bestä­ti­ge ich.

Und ich pfeif’ aufs Win­ter­se­mes­ter – jetzt, wo wir end­lich in Nepal ange­kom­men sind, werd’ ich doch nicht gleich damit anfan­gen, mei­ne Rück­rei­se zu pla­nen!”

Ehr­lich gesagt, war ich bis eben auch nicht sicher gewe­sen, ob Trek­king wirk­lich das Rich­ti­ge für mich ist, hat­te nur die in Lud­mil­la Tütings Rei­se­füh­rer beschrie­be­nen Rou­ten so span­nend gefun­den.

Aber ange­sichts der Tat­sa­che, dass gleich zwei mei­ner Mit­rei­sen­den mir das nicht so recht zuzu­trau­en schei­nen, steht mein Ent­schluss fest!

Am Ende stellt sich her­aus, dass alle fünf (nach Annas Heim­rei­se) ver­blie­be­nen Pas­sa­gie­re über­mor­gen mit Rolf und Cathe­ri­ne in die Haupt­stadt fah­ren möch­ten. So schön und erhol­sam es hier am Ufer des Fewa-Sees auch ist – wir haben es eilig, unse­re Brie­fe im Haupt­post­amt in Kath­man­du in Emp­fang zu neh­men. Und irgend­wie ist die­se Fahrt durch die grü­ne Land­schaft Nepals auch so etwas wie ein krö­nen­der Abschluss, eine ange­mes­sen schö­ne letz­te Etap­pe der rund 11.000 Kilo­me­ter wei­ten Rei­se, die wir gemein­sam hin­ter uns gebracht haben.

Nach dem Früh­stück, das sich bis zur Mit­tags­zeit hin­zieht, spa­zie­ren Inge und ich los, um den „Lakesi­de”-Distrikt Pok­ha­ras in Augen­schein zu neh­men. Wir wen­den uns nach rechts und schlen­dern auf die in einem park­ähn­li­chen Gelän­de am See­ufer gele­ge­ne Som­mer­re­si­denz der nepa­le­si­schen Königs-Fami­lie zu, die von einer hohen Mau­er gegen die Bli­cke des gemei­nen (Tou­ris­ten-) Vol­kes abge­schirmt wird.

Auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te gibt es eini­ge ein­fa­che, ein­ge­schos­si­ge Unter­künf­te, die dem „New Green Lake Hotel” ähneln; aller­dings ver­fügt keins die­ser Gast­häu­ser über ein so gro­ßes Gelän­de wie unse­re Lodge. Es gibt, hat man uns gesagt, nur ein ein­zi­ges Hotel am See, das hei­ßes Was­ser und ande­re, von „nor­ma­len” (soll hei­ßen: mit Kof­fer statt mit Ruck­sack rei­sen­den) Tou­ris­ten gefor­der­te Annehm­lich­kei­ten zu bie­ten hat: die Luxus­her­ber­ge „Fish­t­ail Lodge”, benannt nach dem „hei­li­gen Berg” Macha­puch­a­ré, den die Nepa­lis wegen der Form sei­nes Gip­fels Fisch-Schwanz getauft haben.

Auch Restau­rants und Läden gibt es neben der Stra­ße; bei den meis­ten han­delt es sich aller­dings nur um bes­se­re Bret­ter­bu­den oder Hüt­ten.

Ange­bot und Auf­ma­chung die­ser Unter­neh­men sind ganz auf das bun­te Völk­chen aus dem Wes­ten zuge­schnit­ten; das merkt man unter ande­ren an den drol­li­gen Namen eini­ger Restau­rants, bei­spiels­wei­se „The Hungry Eye” oder „Don’t pass me by”…

In den Läden ent­de­cken wir Glä­ser mit Honig, rich­ti­gen Käse (der in einer von Ent­wick­lungs­hel­fern gegrün­de­ten Mol­ke­rei her­ge­stellt wird), „Ger­man Bread”, kas­ten­för­mi­ge Brot­lai­be und eine Art von Sem­meln. Und vie­le der „Chai-Shops”, der Tee-Buden am Weges­rand, bie­ten neben dem süßen, mit Milch­pul­ver hell­braun gefärb­tem Tee und Kek­sen auch frisch geba­cke­ne, mit Zucker bestäub­te Donuts an.

Sogar einen Fahr­rad­ver­leih muss es hier irgend­wo geben; wir sehen lang­haa­ri­ge Hip­pies auf sta­bi­len indi­schen Rädern zwi­schen Kühen und Kar­ren her­um­kur­ven.

An einem beleb­ten Platz, an dem meh­re­re Wege zusam­men­lau­fen, fin­den wir das „Snowland”-Restaurant, von dem wir schon in unse­rem Hotel gehört haben. Es erfreut sich gro­ßer Beliebt­heit, weil dort nicht nur eine der weni­gen (und die mit Abstand bes­te!) Ste­reo­an­la­ge in Bai­dam steht, son­dern auch die neu­es­te Musik aus Euro­pa und den USA gespielt wird – falls der Strom nicht gera­de mal wie­der aus­fällt, was meist abends zwi­schen 21 und 22 Uhr der Fall ist. Außer­dem soll es dort her­vor­ra­gen­de Schwei­zer Rös­ti geben, die, wenn man seit Wochen fast aus­schließ­lich auf Reis basie­ren­de Gerich­te geges­sen hat, eine ver­lo­cken­de Abwechs­lung dar­stel­len.

Inge und ich beschlie­ßen, die knusp­ri­gen Kar­tof­fel­f­la­den nach­her unbe­dingt noch zu pro­bie­ren.

Von dem klei­nen Dorf­platz aus führt auch ein Weg zum See­ufer hin­un­ter und dann hin­über auf eine vor­ge­la­ger­te Halb­in­sel, auf der der Barahi-Tem­pel steht. Unter sei­nem Pago­den­dach befin­det sich ein Shi­va-Lingam auf einem zwei­tei­li­gen Sockel, des­sen obe­rer Teil die Yoni dar­stellt.

Das Teil stellt die Ver­ei­ni­gung von Shi­va mit sei­ner Shak­ti dar,” erklä­re ich Inge, stolz dar­auf, dass ich mich vor unse­rer Abrei­se noch über die wich­tigs­ten Göt­ter des Hin­du­is­mus infor­miert habe.

Es ist also sozu­sa­gen ein Sym­bol für gött­li­chen Sex.”

Don­ner­wet­ter,” Inge ist gebüh­rend beein­druckt, „einen der­ar­tig locke­ren Umgang mit der Ero­tik hät­te ich den Hin­dus gar nicht zuge­traut. Bis­her kamen die mir eher ziem­lich steif und ver­klemmt vor; allein schon die­ses beklopp­te Kas­ten­sys­tem…”

So eine Dar­stel­lung ist ja auch sym­bo­lisch gemeint,” wen­de ich ein, „ein Besuch des Tem­pels soll die Gläu­bi­gen bestimmt nicht sexu­ell auf Tou­ren brin­gen.”

Da wäre ich mir nicht so sicher – in der Zeit, in der er erbaut wur­de, könn­te das schon eine Rol­le gespielt haben. Du weißt schon, Tan­tra und so…” Inge ist ein Stück um den Tem­pel her­um gegan­gen und deu­tet auf die Reli­efs an der Außen­wand.

Ich fol­ge ihr und betrach­te sin­nend die dort dar­ge­stell­ten üppi­gen, bar­bu­si­gen Tän­ze­rin­nen.

Die sehen aller­dings wirk­lich heiß aus!”

Guck mal, die Boo­te da drü­ben,” Inge zeigt auf eine Bucht neben dem Anwe­sen des Königs, in der meh­re­re Ein­bäu­me auf dem Ufer lie­gen, „die Ame­ri­ka­ne­rin im Hotel hat gesagt, die kann man für wenig Geld mie­ten!”

Echt? Ich lie­be Boot­fah­ren! Wol­len wir mor­gen mal über den See pad­deln?”

Ja, gern. Ich fin­de, wir neh­men unse­re Biki­nis mit und suchen uns am ande­ren Ufer eine ruhi­ge Bucht zum Baden. Wir könn­ten auch was zu essen ein­pa­cken und da drü­ben ein Pick­nick ver­an­stal­ten!”

Wir gehen zurück zum Platz, an dem das „Snow­land” liegt, und dann wei­ter auf der am See ent­lang füh­ren­den Stra­ße in Rich­tung Nor­den.

Hier gibt es immer weni­ger Shops und Restau­rants. Hin­ter einer Schnei­der-Werk­statt, vor der eini­ge der tra­di­tio­nel­len nepa­le­si­schen Wickel­blu­sen hän­gen, und einem Laden mit Second Hand-Ruck­sä­cken, Wan­der­schu­hen und ande­rem Trek­king-Zube­hör endet der tou­ris­ti­sche Teil des „Lakeside”-Viertels. Zur Lin­ken ist jetzt nur noch das See­ufer zu sehen, und rechts erstre­cken sich in sanft anstei­gen­den Ter­ras­sen ange­leg­te Reis- und Hir­se-Fel­der.

Fünf fröh­lich schwat­zen­de Nepa­li-Frau­en kom­men uns ent­ge­gen, die offen­bar unten am See Wäsche gewa­schen haben.

Drei von ihnen sind jung und wun­der­hübsch, die bei­den ande­ren deut­lich älter, aber wie alt genau, ist schwer zu schät­zen. Sie haben Fal­ten und graue Sträh­nen im Haar; viel­leicht sind sie erst in den Fünf­zi­gern, viel­leicht aber auch schon zehn, zwan­zig Jah­re älter.

Es ist, als ob die­se Frau­en vom einen Tag zum ande­ren von einer man­del­äu­gi­gen, jugend­li­chen Schön­heit zur gestan­de­nen Frau unbe­stimm­ba­ren Alters wer­den – die zwar immer noch freund­lich lächelt, aber da ist etwas Respekt­ein­flö­ßen­des in die­sem Lächeln, etwas, das dir sagt: ich weiß etwas, was du nicht weißt….

Hexen, schießt es mir durch den Kopf, wäh­rend ich ihr Lächeln erwi­de­re und die Hän­de vor der Brust zum „Namas­te!” an ein­an­der lege.

Eine der älte­ren Frau­en sagt etwas zu mir, und die jün­ge­ren kichern.

Ich hebe die Augen­brau­en und mei­ne Schul­tern, zum Zei­chen, dass ich nicht ver­stan­den habe, und sie führt Dau­men und Zei­ge­fin­ger der rech­ten Hand zu ihrem gespitz­ten Mund und tut so, als wür­de sie an ihren Fin­ger­spit­zen sau­gen. Das ver­ste­he ich natür­lich sofort und beei­le mich, die Ziga­ret­ten­schach­tel aus mei­ner Tasche zu nes­teln.

Ah, Yak,” mur­melt die Frau bei­fäl­lig, und dann noch etwas ande­res, wovon ich nur „Gai­da” ver­ste­he, aber da ich weiß, dass „Gai­da” fil­ter­lo­se Ziga­ret­ten sind (fast so bil­lig wie Bee­dies), wäh­rend „Yak” (mit Fil­ter) unter Tou­ris­ten als die ein­zi­ge nepa­le­si­sche Sor­te gilt, die man ohne Hus­ten­an­fall rau­chen kann, kann ich mir den­ken, was sie gesagt hat. Ich bin jeden­falls froh, dass ihr mei­ne Glimms­ten­gel zusa­gen, bie­te allen davon an und neh­me selbst eine.

Jede Nepa­li-Frau greift zu, aber nur die bei­den Alten und eine der Jün­ge­ren las­sen sich von mir Feu­er geben, die ande­ren zwei ste­cken sich ihre „Yak” hin­ters Ohr.

War­um hat die Lady wohl mich nach Ziga­ret­ten gefragt – und nicht die Nicht­rau­che­rin Inge? Ganz sicher wir­ke ich nicht unge­sün­der als mei­ne Freun­din, son­dern momen­tan sehe ich aus wie das blü­hen­de Leben. Gero­chen haben kann sie es eigent­lich auch nicht; ich tra­ge fri­sche Klei­dung und habe seit Stun­den kei­ne geraucht…

Eine Hexe, den­ke ich wie­der.

Als sich die Frau­en freund­lich lächelnd ver­ab­schie­den und wei­ter­zie­hen, atme ich erleich­tert auf und füh­le mich, als hät­te ich gera­de eine schwie­ri­ge Prü­fung bestan­den.

Erstaun­lich selbst­be­wusst, die­se Frau­en,” Inge ist fas­zi­niert, „kannst du dir vor­stel­len, von einer ganz nor­ma­len Inde­rin — kei­ner Bett­le­rin, wohl­ge­merkt — auf der Stra­ße wegen ‘ner Ziga­ret­te ange­schnackt zu wer­den?”

Nein, abso­lut nicht. Indi­sche Frau­en habe ich noch nicht ein­mal in der Öffent­lich­keit rau­chen sehen. Aber die gehen ja meist auch einen hal­ben Meter hin­ter ihrem Mann, das wür­de so eine Nepa­li-Frau bestimmt nicht machen.”

Wir gehen noch ein Stück wei­ter am See ent­lang, aber schließ­lich keh­ren wir um. Auf dem Rück­weg stat­ten wir dem „Snow­land Restau­rant” einen Besuch ab und bestel­len die viel­ge­rühm­ten Rös­ti, die unse­ren Erwar­tun­gen gerecht wer­den und zart­knusp­rig auf der Zun­ge zer­ge­hen.

Anschlie­ßend machen wir uns auf den Weg zum „New Green Lake Hotel” und kom­men dort gera­de noch recht­zei­tig vor dem all­abend­li­chen Strom­aus­fall an.

26. Sep­tem­ber

Nach einem klei­nen Früh­stück lässt sich Inge im Hotel vier hart­ge­koch­te Eier brin­gen, die sie in („für unser Pick­nick!”) in ihrer Tasche ver­staut.

Auf dem Weg zum Boots­ver­leih kau­fen wir noch Brot, ein paar klei­ne Bana­nen und eine gro­ße Fla­sche Bier, und ich las­se mei­ne in Delhi gekauf­te Ther­mos­fla­sche – ein herr­lich kit­schi­ges Ding, bedruckt mit in Bon­bon­far­ben gehal­te­nen Por­traits berühm­ter indi­scher Film­schau­spie­ler – an einem Chai-Shop mit Milch­tee auf­fül­len.

Tschi­ni tschai­na”, sage ich, kein Zucker, und der alte Mann neben der Koch­stel­le sieht mich ungläu­big an.

Mit bered­ten Ges­ten und weni­gen eng­li­schen Wor­ten ver­sucht er mir klar zu machen, dass Tee ohne Zucker nichts taugt, und ich ver­ste­he, dass er es nur gut mit mir meint. Zucker ist ein Ener­gie­spen­der und macht den Tee, eben­so wie das Milch­pul­ver, nahr­haf­ter – und da Zucker ja auch Geld kos­tet, gilt hier nor­ma­ler­wei­se: je süßer, des­to bes­ser.

Schließ­lich eini­gen wir uns dar­auf, dass er etwas Zucker in mei­nen Tee schüt­ten darf, aber nicht soviel, wie er es übli­cher­wei­se zu tun pflegt.

Wenig spä­ter sit­zen Inge und ich in einem Ein­baum und ver­su­chen, es vom Ufer weg in Rich­tung See­mit­te zu manö­vrie­ren. Es ist schwe­rer zu steu­ern als eins der Pad­del­boo­te, mit denen mei­ne Freun­de und ich frü­her den Ober­lauf der Als­ter unsi­cher gemacht haben, aber nach eini­gen Ver­su­chen haben wir den Bogen schließ­lich raus und sind unter­wegs zum gegen­über­lie­gen­den Ufer.

Je wei­ter wir uns vom Ufer ent­fer­nen, des­to ruhi­ger wird es.

Außer unse­rem Ein­baum sind bloß zwei oder drei Boo­te in wei­ter Fer­ne, am ande­ren Ende des Sees unter­wegs, und bald hören wir nur noch das lei­se plät­schern­de Geräusch, das unse­re Pad­del machen, wenn sie die Was­ser­ober­flä­che durch­sto­ßen. Ohne uns abge­spro­chen zu haben, legen Inge und ich die Pad­del ins Boot, als wir die Mit­te des Sees erreicht haben. Wir las­sen uns trei­ben und genie­ßen die Stil­le und die Schön­heit um uns her­um.

Mein Herz wird ganz weit vor Glück. Die gan­ze Welt scheint azur­blau zu sein – nicht nur das ruhi­ge Was­ser, das den Him­mel spie­gelt, auch die Wol­ken, die Berg­gip­fel, ja sogar die Bäu­me und bewal­de­ten Hügel rund um den See schim­mern bläu­lich.

Inge lächelt selig und fragt: „Ist es nicht ein­fach himm­lisch hier?”

Ja, das ist es,” bestä­ti­ge ich, „ich fühl mich wie im Him­mel.”

Über uns ertönt ein melo­di­scher Vogel­ruf. Ein gro­ßer wei­ßer Rei­her fliegt über unse­re Köp­fe hin­weg zur ande­ren Sei­te des Sees.

Wir ergrei­fen die Pad­del wie­der und fol­gen ihm, umfah­ren eine Land­zun­ge und lan­den in einer idyl­li­schen klei­nen Bucht mit einem win­zi­gen, fla­chen Sand­strand, die von der beleb­ten „Baidam”-Seite aus nicht ein­seh­bar ist. Wenn wir woll­ten, könn­ten wir sogar nackt baden, denn außer eini­gen brau­nen Kühen, die oben am Hang gra­sen, ist hier kein Lebe­we­sen zu sehen. Aber da der schma­le Tram­pel­pfad, auf dem die Kühe gekom­men sind, theo­re­tisch auch Zwei­bei­ner in die Bucht füh­ren könn­te, ver­zich­ten wir dar­auf.

Nach­dem wir uns im kla­ren, küh­len Was­ser des Sees erfrischt haben, schlüp­fen wir wie­der in unse­re Sachen und machen uns mit geseg­ne­tem Appe­tit über unse­re Ver­pfle­gung her.

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