Zu neuen Ufern

Schon län­ger lockt ja das neue LTS von Ubun­tu, vor allem, weil man end­lich den Star­ter dahin ver­ban­nen kann, wo die Natur ihn haben will — an der unte­ren Bild­schirm­kan­te. Alles oder nix, ich mache das Update „in-place” aber nach alter Väter Sit­te, kopie­re mein User-Ver­zeich­nis auf eine exter­ne HD, mach die gan­ze Kis­te platt und instal­lie­re neu. Im Gegen­satz zum ollen Win­dows 7 will Ubun­tu 16.04 ger­ne als UEFI instal­liert wer­den. Das mache ich mit und nach kur­zer Zeit (ver­hält­nis­mä­ßig) ist das Sys­tem auf mei­nem i5 mit 8Gb RAM instal­liert. End­lich kann ich auch die obe­ren 5Gb nut­zen, vor­her hat­te ich eine 32Bit-Instal­la­ti­on. Dann, beim Anle­gen des Users, pas­siert mir ein ver­häng­nis­vol­ler Feh­ler. Ich hän­ge ein „s” an mei­nen Vor­na­men, ste­fans-desk­top klingt auch so logisch, also las­se ich es so. Natür­lich tue mir kei­nen Gefal­len damit, denn vie­le Datei­en, die ich spä­ter von der exter­nen Disk zurück lade, ent­hal­ten abso­lu­te Pfa­de. Zum Bei­spiel: mein Lieb­lings-Video­e­di­tor kden­li­ve schreibt oben in jedes Pro­jekt­fi­le sein „root”-Directory. Gut, das ist schnell geän­dert. Die Ernüch­te­rung folgt, als ich das Pro­jekt öff­ne: eini­ge, eigent­lich alle mlt-Schnip­sel sagen groß „INVALID” und kein selbst defi­nier­ter Effekt wird gefun­den. Zum Glück stellt sich her­aus, dass auch die mlt-Files XML-Datei­en mit Ver­wei­sen sind — und die­se Ver­wei­se sind wie­der abso­lu­te Pfa­de. Lässt sich also mit dem Text­edi­tor leicht fixen. Blei­ben also nur noch die Effek­te, die sich vor­schrifts­mä­ßig unter ~/kde/share/app/kdenlive befin­den. Dann fin­de ich einen Post, die Effek­te sind umge­zo­gen nach ~/.local/share/kdenlive/effects. Jetzt ren­dern mei­ne Vide­os wie­der, in 64bit auf einem fast jung­fräu­li­chen Ubun­tu. *Schweiß abwisch*

Norwegen 1989 mit der XT600

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Nach­dem ich schon 1984 mit Wal­ter zusam­men einen Ver­such abbre­chen muss­te, mit dem Motor­rad das Nord­kap zu errei­chen, hoff­te ich 1989 mit einer etwas grö­ße­ren Maschi­ne bes­se­re Chan­cen zu haben. Schließ­lich hat­te uns beim letz­ten Ver­such nur der anhal­ten­de Regen gestoppt. Wie man aus der Kar­te oben erse­hen kann, habe ich wie­der nicht den Sehn­suchts­ort Nord­kap erreicht. Aber ich habe genug von Nor­we­gen gese­hen, um die Sache auf sich beru­hen zu las­sen.

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Die Geister der Moldau — Kapitel 3 Die Marionette

Der nächs­te Tag war ein Sonn­abend, also kei­ne Vor­le­sun­gen für mich. Maria hat­te eine um acht in einem Insti­tut in der Nähe. Sie stu­dier­te Medi­zin, unse­re Stu­di­en­plä­ne lie­fen auf ganz ver­schie­de­nen Glei­sen. Ich streck­te mich und dreh­te mich noch ein­mal auf die ande­re Sei­te im Bett, als sie fort­ge­gan­gen war. Dann fiel mir das Wort ein, das Maria im Schlaf gesagt hat­te, und mach­te mich hell­wach. War­um rief sie nach ihrem Mann, warn­te ihn, hat­te Angst um ihn? Sie hat­te doch gesagt, sie lie­be ihn nicht, hat­te den Ring abge­tan. Wovor hat­te sie Angst? Es war mir klar, dass die Brie­fe mit ihrer Angst zu tun, dass sie sie aus­ge­löst hat­ten. Was für Brie­fe konn­ten das sein? War­um hät­te ich sie lesen kön­nen und ande­re nicht?

Schlaf und Ruhe waren mir jetzt ver­gan­gen. Ich stand auf und fing an, mei­nen klei­nen Haus­halt in Ord­nung zu brin­gen. Ein klei­nes Häuf­chen von Strümp­fen und Wäsche hat­te sich ange­sam­melt, das nach Hau­se zu schi­cken sich nicht gelohnt hät­te. Ich nahm Sei­fen­pul­ver, Wasch­zeug und die Wäsche aus dem Schrank, dazu den größ­ten mei­ner Töp­fe, und ging hin­über in den Wasch­raum. Wäh­rend ich mich wusch, fing das Was­ser auf dem Gas­ko­cher drau­ßen in der Koch­ni­sche an zu sau­sen. Ich zog mich an, mach­te die Lau­ge zurecht, und bald danach hing alles, im Frot­tee­tuch säu­ber­lich aus­ge­drückt, auf einer Lei­ne vor den geöff­ne­ten und fest­ge­hak­ten Fens­ter­flü­geln in unse­rem Zim­mer. Danach ging ich hin­un­ter in die Kon­sum­fi­lia­le, um alles für das Wochen­en­de ein­zu­kau­fen, und deck­te den Tisch. Wir wech­sel­ten uns ab, Maria und ich. Jede hat­te eine Woche lang für das Nöti­ge zu sor­gen.

Bürgerhäuser in der Spornergasse

Bür­ger­häu­ser in der Sporn­er­gas­se

Maria kam. Sie hat­te sonst hel­le Haut, ohne dabei blass aus­zu­se­hen. Heu­te war sie blass. Ich ver­miss­te die blaue Blu­me am Auf­schlag ihres Kos­tüms, oder viel­mehr: ich ver­miss­te sie nicht, ja, ich hät­te sie im Stil­len dazu beglück­wünscht, hät­te ihre Bläs­se mir kei­ne Angst gemacht.

Sie war eilig die Trep­pe her­auf­ge­kom­men und trat ins Zim­mer wie auf der Flucht vor irgend­et­was, obwohl es kei­nen ver­nünf­ti­gen Grund dafür zu geben schien. Aber ich hat­te das Gefühl, als hät­te sie am liebs­ten den Schlüs­sel im Tür­schloss hin­ter sich umge­dreht.

Sie hat­te ein Sträuß­chen von Him­mel­schlüs­seln in der Hand, auf mich wirk­te es wie der Ver­such, mir Behag­lich­keit und Muße vor­zu­täu­schen. Denn wer bleibt schon an einer Stra­ßen­ecke ste­hen bei einer Frau mit einem Blu­men­korb oder auch am Blu­men­markt, um Blu­men zu kau­fen, wenn er nicht Muße hat und sich behag­lich fühlt?

Ah! Milch­bröt­chen”, sag­te sie mit einem Blick auf den gedeck­ten Tisch, aber es klang nicht, als hät­te sie viel Freu­de dran. Sie nahm ein Glas aus dem Schrank, hol­te Was­ser im Wasch­raum. Sie stell­te es mit den Him­mel­schlüs­seln auf den Tisch zwi­schen ihren Platz und mei­nen.

Wie zu Hau­se”, sag­te ich. „Da haben wir sie immer gepflückt, zu Ostern oben im Gebir­ge. Dort waren die Wie­sen ganz gol­den.” Aber es klang nicht viel mun­te­rer. Flau und fade war die Luft im Zim­mer. Maria zog sich die Jacke aus und setz­te sich.

Ich glau­be, ich habe mich blöd auf­ge­führt ges­tern abend”, sag­te sie im Tone der Ent­schul­di­gung. „Ich woll­te Sie ja nicht belei­di­gen, ich war bloß so — so ner­vös. Es tut mir leid jetzt.”

Ach, las­sen Sie doch, reden wir nicht mehr davon.” Ich strich mein Bröt­chen, mir schmeck­te es.

Nein, nein”, beharr­te sie, „es muss Ihnen schon komisch vor­ge­kom­men sein. Viel­leicht kann ich es Ihnen erklä­ren eines Tages –” sie zuck­te die Schul­tern, „Nur — bis dahin — bit­te spre­chen Sie zu nie­man­den davon ja? Es ist komisch”, fuhr sie fort, um mei­ne Bemer­kung abzu­fan­gen, dass eine sol­che Mah­nung nicht nötig sei, „zu Ihnen habe ich Ver­trau­en. Ich weiß nicht, wie­so.”

Die Mah­nung zum Schwei­gen hat­te mich aller­dings gekränkt. Als gin­ge ich wie eine Els­ter von Haus zu Haus, das Neu­es­te aus­zu­trat­schen. „Viel­leicht hängt das mit mei­nem ehr­li­chen Gesicht zusam­men”, mein­te ich etwas spöt­tisch. „Und so sehr groß ist das Ver­trau­en ja nun auch wie­der nicht.”

Sie über­hör­te mei­ne Auf­for­de­rung zur mehr Offen­heit.

Manch­mal möch­te ich weit weg”, sag­te sie, „am liebs­ten übers Meer. Hier bleibt man immer in allem drin, man kann nicht davor weg­lau­fen.”

Auf dem Meer ist es nicht gemüt­lich, jetzt, mit­ten im Krieg”, sag­te ich.

Für mich ist es hier auch nicht mehr sehr gemüt­lich”, erwi­der­te sie und rühr­te in ihrer Tee­tas­se. Nun stand das Geheim­nis wie­der im Raum, an dem ich kei­nen Anteil hat­te. Plötz­lich hat­te ich kei­ne Lust mehr, mehr dar­über zu erfah­ren. Es war, als müss­te es den sanf­ten Schlei­er zer­rei­ßen, der über die­se Stadt gewor­fen war. Nein, ich woll­te mir von Hirn­ge­spins­ten die­sen Zau­ber nicht zer­stö­ren las­sen.

Des­halb ant­wor­te­te ich etwas schnip­pisch „Also, per­sön­lich füh­le ich mich hier wun­der­bar”, und wir been­de­ten unser Früh­stück in Schwei­gen.

Maria lag den Vor­mit­tag über auf ihrem Bett, ein paar Bücher um sich her. Ich bemerk­te, dass ihr Blick oft über den Buch­rand hin­weg ins Lee­re schweif­te. Ich sah das, weil ich sel­ber zuwei­len vor mich hin ins Lee­re sah, über mei­nen Zet­tel mit den Ver­sen gebeugt und den Kopf in bei­de Hän­de gestützt. Müh­sam hat­te ich wie­der zusam­men­ge­holt, was mir am Abend vor­her ein­ge­fal­len war. Aber neue Gedan­ken woll­ten sich nicht ein­stel­len. Ich fühl­te mich elend. Ich glaub­te sicher, dass Maria sich aus­ge­spro­chen hät­te, dass sie zumin­dest vage ihre Sor­gen mir geschil­dert hät­te, hät­te ich sie nicht so ange­fah­ren. Es war mei­ne eige­ne Schuld, dass sie jetzt wei­ter alles mit sich abzu­ma­chen hat­te, obwohl ich noch am Mor­gen gewünscht hat­te, es möch­te mit den Heim­lich­kei­ten ein Ende haben. Aber jetzt, da sie mir nahe kamen, die­se Heim­lich­kei­ten, konn­te ich plötz­lich doch nicht mehr wün­schen, sie zu wis­sen. Denn immer noch hat­te ich ihren angst­vol­len Aus­ruf im Ohr: „Nicht doch, Götz, sie bren­nen dich!”

Gegen Mit­tag brach die Son­ne durch die Wol­ken. Sie zeich­ne­te vor dem Fens­ter einen hel­len und war­men Fleck aufs Lin­ole­um, und die Schei­ben der gegen­über gele­ge­nen, geöff­ne­ten Fens­ter spie­gel­ten sie auch in die fer­ne­ren Win­kel uns­res Zim­mers. Maria zün­de­te sich jetzt sel­te­ner eine Ziga­ret­te an und blies den Rauch nicht mehr so hef­tig, fast zor­nig aus. End­lich stand sie vom Bett auf und rück­te sich einen Stuhl ans Fens­ter in die Son­ne. Behag­lich lehn­te sie sich zurück und genoss die Son­nen­wär­me. Es schien so, als wiche der Alb der Nacht lang­sam von ihr, als flüch­te­ten die düs­te­ren Geis­ter aus unse­ren vier Wän­den, die sich den Mor­gen über so zähe fest­ge­setzt hat­ten.

End­lich schlug sie vor, wir soll­ten gemein­sam zum Mit­tag­essen gehen. Die Vege­tar­na schien uns für den Fei­er­tag zu bür­ger­lich. Wir beschlos­sen, uns aus der reich­hal­ti­ge­ren und viel­sei­ti­ge­ren Tages­kar­te eines Büfetts ein klei­nes Menü zusam­men zu pflü­cken, das in all­ge­mei­nen nicht viel teu­rer war als die gebra­te­nen Gemü­se­klop­se in der Vege­tar­na, die Fleisch vor­täusch­ten, ohne Fleisch zu sein. So wand­ten wir uns nicht abwärts zur Stadt, son­dern auf­wärts zu einen nahe gele­ge­nen Platz, wo sich die groß­städ­ti­sche Betrieb­sam­keit des Wen­zels­plat­zes auf einem pro­vin­zi­el­le­ren Grun­de abspiel­te.

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Die Geister der Moldau — Kapitel 2 Prager Tag

Vor­le­sun­gen und Semi­na­re hat­ten inzwi­schen ange­fan­gen. Aus den engen und beschränk­ten Räum­lich­kei­ten des Stu­den­ten­werks hat­ten wir, ver­se­hen mit allen not­wen­di­gen Stem­peln und Beschei­ni­gun­gen, die Alma Mater betre­ten. Mit die­sem Schritt tat sich auch der Glanz der Stadt vor mir auf, eine ver­hüll­te, von Nebeln durch­feuch­te­te Herr­lich­keit von Kir­chen und Klös­tern, von Palais’ und figu­ren­ge­schmück­ten Por­ta­len. Eine Stra­ßen­bahn schien ein ärm­li­ches Gefährt, einen hin­ein­zu­füh­ren in sol­che Pracht. Mei­nen Schim­mel hät­te ich mir gewünscht mit dem Bern­stein­blick.

Kleinseitner Ring mit St. Niklas

Klein­seit­ner Ring mit St. Niklas

Kurz vor dem Kreuz­her­ren­platz stieg ich an die­sem Mor­gen aus der Bahn. Hoch über der Mol­dau und den Stein­fi­gu­ren der Karls­brü­cke sah ich den Hradschin auf­ra­gen, zwölf Tür­me rag­ten da, zusam­men­ge­fasst in ein ein­zi­ges Bild, ganz zu schwei­gen von all den klei­nen Türm­chen, die sich noch hin­ein dräng­ten in das Gewirr der Klein­seit­ner Dächer. Über und vor die lang­ge­streck­ten Trak­te der Burg waren die Tür­me gesetzt wie Zei­chen, die einer schwer­mü­ti­gen Melo­die ihren Rhyth­mus geben soll­ten. Eine jener böh­mi­schen Melo­di­en muss­te es sein, lang­ge­dehnt auf­stei­gend über herbst­li­che Fel­der, auf denen Kar­tof­fel­feu­er bren­nen.

Aber unter die­ser Melo­die schäum­ten in beglei­ten­den Ter­zen und Sex­ten und manch­mal anschwel­lend zu hun­dert­tö­ni­gen Akkor­den die Was­ser der Mol­dau übers Wehr und san­gen das Viel­stim­mi­ge der Stadt gegen die ein­sa­me Stim­me der Burg.

Es war das­sel­be Bild, das ich, auf­ge­druckt auf die blau­en Hun­dert­kro­nen-Schei­ne, in mei­ner Tasche trug. Ein Bild, das sich nie erschöpf­te, nie abnutz­te, reich­te man auch hun­dert­tau­sen­de davon im gan­zen Land über die Laden­ti­sche, zahl­te man auch täg­lich damit für Brot, Woh­nung und Klei­dung.

100-Kronen-Schein während der deutschen Besatzung. Quelle: http://www.papirovaplatidla.cz

100-Kro­nen-Schein wäh­rend der deut­schen Besat­zung. Quel­le: http://www.papirovaplatidla.cz

Am Anfang hat­te es mich merk­wür­dig ange­mu­tet, dass man die Schön­heit der Stadt so auf Schei­nen abgriff Tag für Tag. Aber sie wur­de nicht abge­grif­fen. Unter Fle­cken, Ris­sen und dem Dau­men­druck schmut­zi­ger Fin­ger blieb das Bild doch immer, was es war. Das Ewi­ge und Unzer­stör­ba­re der Stadt wur­de und blieb sicht­bar auf dem Ver­gäng­lichs­ten, das wir ken­nen, auf dem Geld­schein, der heu­te Rei­che und Mäch­ti­ge macht und sie mor­gen stürzt, dass sie Bett­ler wer­den.

Die Stadt war geblie­ben. Sie hat­te Min­ne­sän­ger, Kai­ser und Feld­her­ren über­lebt. Sie über­leb­te Mäch­ti­ge und Bett­ler. Mord, Rache und Ver­rat hat­te sie gese­hen. Es war, als sei dies alles ein­ge­gan­gen in ihr Bild. Lan­ge stand ich und schau­te und wuss­te nicht, dass ich ein Stück ihrer Geschich­te sel­ber mit anse­hen soll­te.

Eilig ging ich dann über die lee­ren Höfe des Cle­men­ti­nums.

Ich war spät dran. Weit vor mir sah ich mit lan­gen Schrit­ten Pro­fes­sor Malon dem Hör­saal­ge­bäu­de zustre­ben. Immer­hin war ich nicht die letz­te. Vom ande­ren Ein­gang, vom Gol­de­nen Brun­nen her, kam noch ein jun­ger Mann, eilig wie ich. Sein Gesicht fiel mir erst auf, als er vor der Tür anhielt, um mir lächelnd den Vor­tritt zu las­sen.

Es war nicht mehr das Gesicht eines Jun­gen, aber doch ein sehr jun­ges Gesicht. Nichts dar­in war abge­braucht oder ein­ge­schlif­fen. In sei­nem Lächeln schien es plötz­lich durch­sich­tig zu wer­den. Etwas schim­mer­te dahin­ter auf, ungreif­bar, nicht zu benen­nen. Als er mich anschau­te, erschrak ich ein wenig.

Eben, als das grü­ßen­de Klop­fen ver­stummt war und Pro­fes­sor Malon sein Heft auf­schlug, betrat ich den Hör­saal und setz­te mich nahe zur Tür, ängst­lich bedacht, Auf­se­hen und Unru­he zu mei­den. Der jun­ge Mann dage­gen, der hin­ter mir die Tür schloss, begab sich auf lan­gem Umweg um die hin­te­ren Bank­rei­hen und mit nicht gerin­gem Auf­wand an Lärm, den die knar­ren­den Die­len­bret­ter her­ga­ben, zu sei­nem Platz. An meh­re­ren Stu­den­ten vor­bei zwäng­te er sich auf sei­nen Sitz, von vie­len Augen, nicht nur von mei­nen, etwas vor­wurfs­voll ver­folgt. Aber ehe er sich setz­te, wand­te er sich noch ein­mal um und sein Blick flog prü­fend die Rei­hen ent­lang, bis er mich gefun­den hat­te. Zwar lächel­te er nicht. Es lag auch durch­aus nichts Unver­schäm­tes in die­sem Blick. Trotz­dem wand­te ich mich eilig mei­nem lee­ren Blatt zu und dann Pro­fes­sor Malon, des­sen blaue Augen nicht ganz so gelas­sen und gütig blick­ten wie vori­ges Mal, wäh­rend er mit etwas erho­be­ner Stim­me sei­nen Vor­trag begann.

Ellen Brand, die ein paar Rei­hen vor mir geses­sen hat­te, wuss­te natür­lich sei­nen Namen. Ich glau­be, es gab kaum etwas die­ser Art, was sie nicht gewusst hät­te. Nach der Vor­le­sung erkun­dig­te ich mich: er käme mir bekannt vor, ich wüss­te aber nicht recht, wohin ich ihn ste­cken soll­te. Als ich sah, wie sie über mei­ne faden­schei­ni­ge Aus­re­de lächel­te, bereu­te ich es sofort. Es wur­de noch schlim­mer, als sie unver­hoh­len und fast unver­schämt zu ihm hin­über­blick­te, als hät­te mein Inter­es­se auch ihres geweckt. Jetzt schäm­te ich mich, neben ihr zu ste­hen. Plötz­lich moch­te ich ihr von der Natur so über­deut­lich geschmink­tes Gesicht nicht mehr, die scharf gezo­ge­nen Lip­pen und Augen­brau­en und das vie­le wil­de locki­ge Haar, das ihr in sei­ner Unord­nung etwas Zügel­lo­ses gab.

Las­sen Sie nur, ich weiß schon”, sag­te ich has­tig. „Ich glau­be, er sieht dem Mann von Maria Jen­sen etwas ähn­lich, aber es ist auch wie­der ein ande­res Gesicht.”

Mein Zweck war erreicht. Erstaunt wand­te sie sich zu mir. „Die Nixe ist ver­hei­ra­tet?” frag­te sie. „Aber davon weiß ja kein Mensch!” Etwas warn­te mich, noch mehr zu sagen. Ellens Art, Bescheid zu wis­sen, ver­riet, dass sie sehr gut zu fra­gen ver­stand.

Ich weiß auch nicht mehr”, sag­te ich also und mein­te, es diplo­ma­tisch ange­fan­gen zu haben.

Ellen schüt­tel­te den Kopf und mus­ter­te mich miss­trau­isch. „Aber es ist doch kei­ne Schan­de, ver­hei­ra­tet zu sein. War­um macht sie dann so ein Geheim­nis draus? Mei­ner Mei­nung nach trägt sie nicht mal einen Ring.”

Irgend­wie war es ihr gelun­gen, ihn abzu­tun. Sicher woll­te sie damit auch ihre Ver­gan­gen­heit abtun und begra­ben. Was für ein Recht hat­te ich, die­se Ver­gan­gen­heit, die mir ein­mal so flüch­tig bekannt­ge­wor­den war, so aus­zu­brei­ten und auch Ande­ren bekannt­zu­ma­chen? Aber ich war im Lügen nicht geübt. In dem Bemü­hen, nun doch eine eini­ger­ma­ßen zurei­chen­de und aus­führ­li­che Ant­wort zu geben, mach­te ich mei­nen schlimms­ten Feh­ler.

Ich weiß auch nicht, was dran ist”, sag­te ich und zuck­te die Ach­seln. „Viel­leicht ist sie auch nur ver­lobt. Ich sah heu­te das Bild eines Man­nes auf dem Boden lie­gen, es muss ihr aus dem Schrank gefal­len sein. Viel­leicht ist sie auch nur ver­liebt. Ich kümm­re mich nicht drum. Wir reden nie über sol­che Din­ge.”

Sie sieht nicht aus, als wäre sie ver­liebt”, mein­te Ellen ver­ächt­lich, als wäre das ganz und gar unmög­lich. Inzwi­schen beweg­ten wir uns mit den Stu­den­ten, die die Vor­le­sung ver­lie­ßen, durch den brei­ten Gang mit den hoch­lie­gen­den Fens­tern hin­aus zum Hof. Hier teil­te sich die Men­ge nach rechts und links durch die Tor­bo­gen. Die meis­ten gin­gen wie wir gera­de­aus über die Höfe des Cle­men­ti­nums. Ein paar hat­ten sich hier und da auf die run­de Balus­tra­de von Stein gesetzt, die die Rasen­stü­cke mit ihren Büschen gegen das Pflas­ter des Hofes abgrenz­te. Die Son­ne fing sich hier in dem luf­ti­gen Raum zwi­schen den Gebäu­den. In den vol­len ver­schla­fe­nen Knos­pen der Büsche schien es sich zu rüh­ren unter ihrem Licht, das, von lan­gen Fens­ter­rei­hen gespie­gelt, hin und her wan­der­te über die Wän­de. Von dem behä­bi­gen Turm, der schräg her­un­ter­schau­te über das Gewin­kel der Dächer, schlug es zehn­mal. — Pro­fes­sor Malon war mit sei­nem Stoff zu zei­tig fer­tig gewe­sen.

Ich geh jetzt zu Wig­gert ins Pro­se­mi­nar”, sag­te ich und heg­te dabei die Hoff­nung, von mei­ner Beglei­te­rin los­zu­kom­men. Aber es zeig­te sich, dass sie das­sel­be Ziel hat­te.

Wir haben noch lan­ge Zeit. Wol­len wir uns nicht auch her­set­zen?” frag­te Ellen. Es schien mir merk­wür­dig, dass sie frag­te, da sie ja qua­si hier zu Hau­se war und ich der Neu­ling, der in alle Gebräu­che und Umstän­de erst ein­ge­führt wer­den muss­te. Aber sie muss­te mei­ner Stim­me ange­hört haben, dass ihre Beglei­tung mir nicht sehr lieb war, und sie war es in die­sem Augen­blick weni­ger als je zuvor, denn der jun­ge Mann, dem ich vor­hin an der Tür begeg­net war, ging jetzt an uns vor­über, da wir in der war­men Son­ne ste­hen­ge­blie­ben waren. Er grüss­te Ellen flüch­tig und abweh­rend, wie man uner­wünsch­te Bekann­te grüßt, und ich mein­te, mich ent­schul­di­gen zu sol­len, dass ich mit ihr hier stand.

Nein, ich möch­te lie­ber schon nach oben gehen”, sag­te ich des­halb über­trie­ben laut und ent­schlos­sen, so dass er es kaum über­hö­ren konn­te. Er schien das­sel­be Ziel zu haben wie wir.

Übri­gens kann er nicht der Mann von Maria Jen­sen sein”, bemerk­te Ellen jetzt halb­laut, hin­weg­sprin­gend über die Zwi­schen­zü­ge im Gespräch. „Er heißt Felix Erlach und ist aus Ham­burg, soviel ich weiß. Wir waren vori­ges Semes­ter zusam­men im kunst­his­to­ri­schen Semi­nar. Er ist sehr emsig”, — sie sprach das Wort etwas spöt­tisch hin, ver­ächt­lich bei­na­he, „aber hüb­sche Leu­te sind das oft.”

Auch ich konn­te die­sen Zug nicht beson­ders lie­bens­wert fin­den. Aber dass sie ihn so tadelnd erwähn­te, mach­te mich wider­spens­tig.

So sehr sie mir am ers­ten Mor­gen will­kom­men gewe­sen war, so sehr ihre Ein­füh­rung mir genutzt hat­te, so ger­ne wäre ich jetzt wenig ohne sie gewe­sen.

Viel­leicht waren es nur die Augen, die all­zu leb­haft hin und her gin­gen, neu­gie­rig auf der Jagd, so schien es, oder auf der Flucht. Was von bei­den, konn­te man schwer unter­schei­den. Viel­leicht war es bei­des.

Hat­te Maria schon wenig von dem, was ich mir unter einer Stu­den­tin vor­ge­stellt hat­te, so schien bei Ellen das Stu­die­ren gar nur Vor­wand: ihre Art, Bekann­te zu grü­ßen hier und da, ihnen kokett ent­ge­gen­zu­se­hen, ihnen nach­zu­spä­hen, mach­te den son­ne­war­men, aber nüch­ter­nen Hof der Uni­ver­si­tät zum Thea­ter­foy­er. Ihr auf­dring­li­ches Par­füm über­tön­te den fei­nen, noch kaum wahr­nehm­ba­ren Duft von Früh­ling, der mit jedem Luft­hauch sich aus dem hel­len Him­mel nie­der­senk­te.

Ich streb­te jetzt ernst­lich, von ihr los­zu­kom­men, und es schien, als sei mir das Schick­sal güns­tig: sie wand­te sich jetzt von mir fort zwei Mäd­chen zu, die nicht aus der Vor­le­sung, son­dern von drau­ßen durch den links gele­ge­nen Tor­bo­gen über den Hof her­ka­men. Aber als ich zu den bei­den hin­sah, bemerk­te ich, dass mei­ne Hoff­nung mich trog. Denn eine der bei­den kann­te ich schon, und ich sah, dass auch sie mich wie­der­erkann­te -

Frän­zi!” rief sie — nie hat­te sie sich von die­ser lächer­li­chen Abkür­zung abbrin­gen las­sen, und was ist das auch schon für ein Name: Fran­zis­ka, was kann man dar­aus schon Gutes machen?

Grüß’ dich, Frän­zi!” so rief sie jeden­falls über den hal­ben Hof hin, und die Augen aller, die da auf dem Stein­rand saßen, vor­bei­gin­gen, oder in der Nähe stan­den, rich­te­ten sich belus­tigt auf mich. „Was machst denn du hier?’

Ich freu­te mich, freu­te mich sehr, hier in die­ser frem­den Welt Lin­de wie­der­zu­fin­den, Lin­de Glanz­rath aus Boden­bach, mit der ich zwei Jah­re vor­her ein paar Feri­en­wo­chen lang in den Fel­sen der säch­si­schen Schweiz her­um­ge­stie­gen war. Tage­lang waren wir durch Wäl­der gestreift, hat­ten in Gebirgs­bä­chen geba­det und aus Quel­len getrun­ken, hat­ten unser tro­cke­nes Bau­ern­brot dazu geges­sen und ein­mal sogar eine gan­ze Nacht in einer selbst­ge­bau­ten Hüt­te aus Zwei­gen ver­bracht, weil wir den Weg nicht fin­den konn­ten.

Ja, da stand sie, die­sel­be Lin­de, ein biss­chen schma­ler, blas­ser, im gan­zen städ­ti­scher gewor­den. Die Trau­rig­keit in ihren Augen war damals nicht gewe­sen, die war neu und erschreck­te mich.

Wie anders ihre Freun­din, der ich gleich prä­sen­tiert wur­de:

Schau, das ist die Frän­zi, mit der ich mal biwa­kiert hab am Schel­len­berg, weißt noch?” Da war sie wie­der, die­se Spra­che, nach der ich immer hin­horch­te, wenn sie mir ans Ohr schlug, dies zart zuge­spitz­te R, der wei­che Ton, das woh­li­ge Deh­nen der Voka­le. Da waren die­se Ver­kür­zun­gen, die einen Satz spie­le­risch mach­ten, und doch konn­te man dies Gan­ze um alles an der Welt nicht nach­ah­men. Mit­ge­bo­ren muss­te es sein. Zu ler­nen war es nicht. Wie­ne­risch, Bay­risch, Tiro­le­risch — all das konn­te man sicher­lich nach­äf­fen bis fast zur Voll­kom­men­heit. Aber die­se Spra­che war zu — leicht, ent­zog sich der Beschrei­bung. Auch die Stadt, mein­te ich, fing erst jetzt an zu leben, wo ein Mensch dar­in so zu mir sprach. Es war die Spra­che die­ser Stadt, ohne jeden gro­ben Zug, der leicht nach­zu­pin­seln gewe­sen wäre.

Da schau her”, streck­te die Freun­din mir ihre Hand hin, „da hät­ten wir also die Frän­zi!”

Ich fühl­te mich ver­le­gen vor dem Blick die­ser Augen. Da gab es kei­nen Vor­der­grund und Hin­ter­grund. Aller­dings aber gab es eine Tie­fe dar­in, die sich ganz und voll auf den Ange­spro­che­nen rich­tet, eine Art, Men­schen und Din­ge wich­tig zu neh­men, der ich mich sofort unter­le­gen fühl­te.

Ich war nicht all­zu selbst­be­wusst in die­se Stadt gekom­men. Auch der Stu­di­en­be­trieb hat­te mich manch­mal unsi­cher gemacht, der Zwang zu wäh­len, sich zu ent­schei­den, der Krieg mit For­mu­la­ren. Aber bei all dem hat­te ich doch ein beschei­de­nes Bewusst­sein mei­nes eige­nen Wer­tes behal­ten.

In mei­nem Beruf hat­te ich — wie nur weni­ge in mei­nem Alter — schon ein paar beschei­de­ne Schrit­te gemacht. Ich fühl­te mich weder dumm noch häss­lich. Aber das alles wog hier nicht. Hier wog ich zu leicht. Hier war ich „die Frän­zi”, viel­leicht — wenn es hoch kam, Gegen­stand für eine klei­ne Glos­se hin und wie­der, ein jun­ges uner­fah­re­nes Ding. Was war es nur?

Die mir gegen­über­stand, moch­te nur zwei, drei Jah­re älter sein als ich, nicht mehr. Viel an Erfah­rung konn­te sie mir nicht vor­aus­ha­ben. Was war es nur ? Sie trug das hel­le Haar kurz­ge­schnit­ten, man konn­te sie hübsch nen­nen, obwohl ihre Nase ein wenig kurz und stumpf war wie ein Gedan­ke, der in dem sonst so aus­ge­präg­ten Gesicht nicht ganz zu Ende gedacht war. Aber auch die­se Hüb­schheit, umstan­den von dem kur­zen gold­flim­mern­den Haar, mach­te es nicht aus. Geklei­det war sie ein wenig wie zur Jagd: eine kur­ze Leder­ja­cke, ein der­ber Rock, und — im Näher­kom­men hat­te ich’s gese­hen — wol­le­ne Söck­chen in fes­ten Schu­hen. Auch die Klei­dung, an der man nichts aus­ge­fal­len oder beson­ders reiz­voll nen­nen konn­te, war es also nicht. Was war es nur ?

Ich gab Aus­kunft über das Woher, Wo und Wozu. Plump kam ich mir dabei vor und unbe­hol­fen. Kei­ne wit­zi­ge, geist­vol­le Wen­dung woll­te mir glü­cken. Wie fatal war mir die All­täg­lich­keit, in der ich so vor ihr stand. Ich hät­te mich gefühlt wie im Examen durch­ge­fal­len, wäre da nicht Lin­de Glanz­rath noch gewe­sen, die tröst­lich zur Sei­te stand, die da offen­bar ein alt­ver­brief­tes Recht hat­te, und die mir end­lich auch ein­half, wäh­rend ich im Stil­len dar­an rät­sel­te, wer es wohl sein moch­te, mit dem ich sprach.

Denn bis­her war, wie bei einer hohen Per­sön­lich­keit, die zu ken­nen sich für alle am Ran­de ver­steht, nur ich vor­ge­stellt wor­den.

Das ist Anka Wal­den­furth”, flocht sie ein in die ent­ste­hen­de Stil­le, und es schien mir, als sprä­che sie etwas beschämt, dass man die­se Tat­sa­che erst erwäh­nen müs­se.

Von ihr hab ich dir damals auch erzählt.”

Wie Schup­pen fiel es mir da von den Augen. Sie war es also, die gro­ße Freun­din, die da auf Gold­grund irgend­wo in Lin­des Nähe stand. Damals hat­te sie mir den vol­len Namen genannt: Anka Bour­lon de Fran­que­vil­le, Grä­fin zu Wal­den­furth. Anka, dies Böh­misch-Bäu­ri­sche, Anspruchs­lo­se, ver­knüpft mit den klang­vol­len Adels­ti­teln — schon damals hat­te ich in die­sem Namen etwas Außer­or­dent­li­ches gefun­den. Da waren wie­der die Akkor­de von Mol­dau und Stadt, von Kir­chen und Paläs­ten auf­stei­gend vol­ler Pracht, und hoch dar­über die ein­sa­me böh­mi­sche Melo­die.

Jetzt erst gab sie mir die Hand. „Die Freun­de mei­ner Freun­de sind auch mei­ne Freun­de”, sag­te sie mit einem leich­ten iro­ni­schen Unter­ton. „Nenn’ mich halt Anka.” Die Wän­de rund­um schie­nen sich zu wei­ten, der Him­mel schien höher gewor­den, die Son­ne schien wär­mer und gol­de­ner. Was war das nur? War es der Name? Nein, der nicht, denn es war schon vor­her dage­we­sen, schon vor dem Namen. Die Stadt fing an zu leben um mich und ich in ihr. Die Mau­ern, die Tür­me und Por­ta­le, schon vor­her schön, aber stumm, fin­gen an, ihre Spra­che zu reden von weit­her. Men­schen muss­ten der Schlüs­sel sein zu der Stadt, nicht fremd und abge­schlos­sen wie Maria, nicht so wie Ellen, spä­hend und flüch­tig -

Ellen, ach ja, da stand sie noch neben mir. Ich muss­te sie wohl bekannt­ma­chen mit­ein­an­der, die drei, die wie von drei Enden der Welt her­ka­men. In mei­nem Kop­fe wand­te ich es um und um, wie das anzu­fan­gen sei, förm­lich natür­lich, aber auch wie­der nicht so lächer­lich förm­lich.

Offen­bar aber war das nicht nötig: sie kann­ten sich vom Kunst­ge­schichts­se­mi­nar her, wie ich hör­te, gaben ein­an­der die Hand, Ellen beflis­sen und über­strö­mend, ein wenig wider­stre­bend die bei­den ande­ren.

Inzwi­schen war der Zei­ger an der Turm­uhr oben wei­ter­ge­wan­dert. Es wur­de Zeit, zu gehen. Auch Anka und Lin­de kamen mit. bei­de zwar schon vor­ge­rück­te Semes­ter, aber das The­ma lock­te sie, ‚Lyrik-Inter­pre­ta­tio­nen’, und bei Pro­fes­sor Wig­gert muss­ten sie bei­de frü­her oder spä­ter ins Examen stei­gen. Da war es gut, vor­her alle sei­ne Schli­che aus­zu­kund­schaf­ten, mein­te Anka, und ein­fach auch: sich sehen zu las­sen.

Ich war über­rascht, was man beim Stu­die­ren alles beden­ken muss­te.

Im Gan­ge vor dem Hör­saal, unter einem fla­chen, sanft tra­gen­den Gewöl­be, wim­mel­te es schon. Im Vor­bei­ge­hen sah ich in einer der tie­fen Fens­ter­ni­schen wie­der Felix Erlach ste­hen, im Gespräch mit einem Stu­den­ten, wie ich fröh­lich im Stil­len ver­merk­te. Auf Lin­des Rat gin­gen wir zuerst ins Büro, wo die Lis­te der Titel für die Semi­nar­ar­bei­ten aus­lag — die bei­den woll­ten sehen, ob sie sich betei­lig­ten oder nicht. Ich müss­te es wohl oder übel, mein­te Lin­de, wenn ich spä­ter zu einem Semi­nar zuge­las­sen wer­den woll­te. Mir war es nicht so eilig damit. Das Gewim­mel im Gan­ge ängs­tig­te mich. Eine eige­ne Arbeit vor­tra­gen vor so viel frem­den Ohren schien mir ein Gräu­el. Aber Lin­de beru­hig­te mich: zu vie­le hat­ten sich ein­ge­schrie­ben. Nur ein Teil der Arbei­ten wür­de vor­ge­le­sen wer­den. Halb war ich unwil­lig, so gesto­ßen zu wer­den, halb dank­bar, und wähl­te eins der aus­ge­leg­ten Blät­ter mit zwei kur­zen Gedich­ten von Ril­ke und Johan­nes Schlaf.

Auf dem Weg zum Hör­saal begeg­ne­te ich schon wie­der einem Blick von Felix Erlach, der sich aus sei­ner Fens­ter­ni­sche eben auch her­über­wand­te — es schien mir, als sehe er mich auf eine beson­de­re Wei­se an, aber viel­leicht konn­te er auch nicht anders, die­ser Blick, der eine freund­li­che, wenn auch unver­bind­li­che Bezie­hung her­zu­stel­len sucht zum Unbe­kann­ten. Und doch fing es wie­der an, um mich her­um zu tönen: die wei­ßen Wän­de, die sanf­te Run­dung der Decke und drau­ßen vor den tie­fen Mau­ern die Stadt in ihrer Son­nen­wär­me.

Im Gegen­satz zu Malon, dem bie­de­ren Leh­rer alten Schla­ges, an dem nichts ande­res auf­fiel als das treu­her­zi­ge Blau sei­ner Augen, war an Wig­gert alles auf­fal­lend. Einem Kra­nich gleich stand er da vor uns, ein lächer­lich klei­ner Kopf mit einer lächer­lich gro­ßen, aus­ge­bo­ge­nen Nase auf einem lan­gen hage­ren Kör­per, an dem die Arme meist hilf­los her­ab­hin­gen wie gebro­che­ne Flü­gel. Er moch­te das selbst emp­fin­den. Dar­um viel­leicht hat­te er die thea­tra­li­schen Ges­ten der Hän­de ein­ge­übt, die einen merk­wür­di­gen Wider­spruch, eine Art von Ent­schul­di­gung zu bil­den schie­nen für die Schär­fe, die häu­fig in sei­nem Ton­fall und in sei­nen Wor­ten klirr­te. Sei­ne Leib­lich­keit — das konn­te man sofort sehen — muss­te ihm sehr zur Last sein, er hat­te stän­dig über sie hin­weg­zu­sprin­gen, über ihre Kurio­si­tät und Aus­ge­fal­len­heit, muss­te sie stän­dig ver­ges­sen machen, und so war ein gewis­ses Maß sei­ner Kräf­te schon da ver­braucht, wo ande­re frisch und aus­ge­ruht sich ans Werk machen.

Er pfleg­te übri­gens — das hör­te und sah ich erst spä­ter — sogar sei­ne Fin­ger­nä­gel zu lackie­ren, was sei­ne Per­sön­lich­keit, statt sie zu glät­ten und abzu­run­den, noch kurio­ser und bedenk­li­cher erschei­nen ließ. Man hät­te ihn viel­leicht bedau­ern mögen, aber eben das konn­te er nicht dul­den. Sei­ne aus­fäl­li­ge Art, sei­ne Manier des Angriffs als Ver­tei­di­gung ließ dazu kei­nen Raum.

Die­ser Mann also war es, dem ich mei­ne ers­te Arbeit zur Prü­fung vor­le­gen soll­te. Von die­sen klei­nen har­ten Augen soll­te ich sie beur­tei­len las­sen. Mög­li­cher­wei­se — aber dar­an dach­te ich eigent­lich nur am Ran­de — soll­te ich sie hier vor­le­sen vor einem Audi­to­ri­um von fast acht­zig Hörern, zu denen auch Anka und Lin­de gehö­ren wür­den, und Felix Erlach.

Es roch wie in der Schu­le: nach dem Holz der Bän­ke, die in einem rie­si­gen Krei­se rund um den Saal auf­ge­reiht waren. Es roch — merk­wür­dig genug — nach der Tin­te, mit der ich als Kind emsig und in Ver­zü­ckung mei­ne ers­ten Hef­te voll­ge­krit­zelt hat­te. Nie mehr in spä­te­ren Schul­jah­ren war ich die­sem Geruch begeg­net. Hier war er wie­der: kräf­tig und streng und voll, kei­nem andern Geruch zu ver­glei­chen. Ins­ge­heim späh­te ich aus, woher er kom­men moch­te, ob irgend­wo ein offe­nes Tin­ten­fass ihn aus­ström­te, oder ob er ein­fach im Rau­me war. Felix Erlach hat­te sei­nen Stuhl aus der Rei­he am Tisch gegen das Fens­ter hin zurück­ge­scho­ben. Wie­der begeg­ne­ten sich unse­re Bli­cke. Über die Wei­te des lee­ren Rau­mes zwi­schen den bei­den Tisch­rei­hen kam die­ser Blick zu mir her­über, nach­denk­lich, aber freund­schaft­lich und offen in aller Nach­denk­lich­keit. Der Blick schnitt uns bei­de her­aus aus der Men­ge der Hören­den, nahm uns fort aus dem Saal. Aber nichts Bedroh­li­ches lag dar­in, plötz­lich mit ihm allein zu sein wie unter dem Him­mel und an den Was­sern der Mol­dau. Es war kein abschät­zen­der oder for­dern­der Blick, son­dern der wär­men­de Blick eines Men­schen, der um Ein­ver­ständ­nis wirbt, um ein durch­aus vor­läu­fi­ges Ein­ver­ständ­nis noch, das erst durch die Nähe zu prü­fen und zu erhär­ten sein wür­de.

Nein, nichts wäre zu fürch­ten gewe­sen in die­sem Blick. Nur vor mei­nen Gedan­ken wur­de ich ban­ge: war­um traf sein Blick gera­de mich, die Frän­zi, die­ses klei­ne unbe­deu­ten­de Nichts, dass ja erst anfan­gen woll­te, zu leben, zu den­ken, zu sein?

Längst sah ich wie­der Pro­fes­sor Wig­gert zu, wie er flü­gel­schla­gend und mit fun­keln­den Bril­len­glä­sern dozier­te. Hier saß ich wie­der auf der Schul­bank, und um mich war der Geruch von fri­schem Holz und von Tin­te. Zu ler­nen hat­te ich wie­der, und was ich in der Schu­le meist mit der lin­ken Hand abge­tan hat­te, stell­te sich jetzt als not­wen­dig her­aus, wenn ich etwas gel­ten woll­te: ich muss­te arbei­ten. Aber wich­ti­ger schien mir jetzt, was ich in den Augen mei­ner Mut­ter gele­sen hat­te beim letz­ten Abschied auf dem Bahn­hof: zu leben muss­te ich ler­nen, abzu­wä­gen, ja oder nein zu sagen zu den Men­schen. Sie hat­te mich nicht mit Rat­schlä­gen bela­den, nicht ein­mal mit War­nun­gen, und ich war ihr dank­bar dafür. Sie war sicher, dass ich es rich­tig machen wür­de. Wür­de ich es immer rich­tig machen?

Nun end­lich lenk­te ich den Kahn mei­ner Gedan­ken wie­der um in den Strom von Pro­fes­sor Wig­gerts Rede und bemerk­te mit Schre­cken, dass ich schon eine gan­ze Anzahl von Leit­sät­zen und Grund­ge­dan­ken ver­passt hat­te, die er uns gab für die Anfer­ti­gung unse­rer Arbei­ten. Ich fing an, mir flüch­tig zu notie­ren, was er als wich­tig unter­strich. Aber dabei schwamm es doch immer neben mei­nem Kahn her wie ein Was­ser­stru­del, der sich nicht lösen will. Wür­de ich es rich­tig machen, dies und das und alles?

Ellen Brand ver­lor sich im Gedrän­ge nach dem Semi­nar, obwohl sie neben uns geses­sen hat­te. Ich atme­te erleich­tert auf. Auch ich woll­te mich ver­ab­schie­den, aber Lin­de nahm mich am Arm.

Geh, du kommst mit uns. Wir holen den Hart­muth und gehen zusam­men essen in die Zelt­ner­gass. Kennst doch den Hart­muth noch von damals? Der wird schau­en!”

Ja, der Hart­muth, ich kann­te ihn noch: einen hoch­auf­ge­schos­se­nen Jun­gen mit kur­zen Leder­ho­sen und mit vie­len Som­mer­spros­sen auf der hüb­schen lan­gen Nase, Lin­des älte­rer Bru­der, zwei Jah­re älter war er wohl — und unzer­trenn­lich von ihr, damals jeden­falls.

Anka sprach es aus: „Wie Kas­tor und Pol­lux sind sie, die zwei. Kannst sie nicht aus­ein­an­der­brin­gen. Ich hab’s schon ver­sucht, woll­te ihn ein bis­sel in mich ver­liebt machen und dach­te, sie wird viel­leicht eifer­süch­tig wer­den, eine klei­ne Kratz­bürst. Hat aber nichts getaugt, die gan­ze Geschich­te. Er kennt mich zu gut!”

Lin­de lach­te. „Ich däch­te, es wär umge­kehrt gewe­sen. Er war ver­liebt in dich und du woll­test es ihm aus­trei­ben!”

Wir gin­gen die Trep­pen hin­un­ter, die brei­ten fla­chen Stu­fen, so sanft abfal­lend, wie das Gewöl­be drü­ber sich wölb­te. Es war ein ein­schmei­cheln­des wun­der­li­ches Gehen auf den Stu­fen einer Zeit, die nach dem Nütz­li­chen noch nicht frag­te, nach dem prak­ti­schen Schnitt einer Stu­fe, die dem Fuß und der Eile am bequems­ten wäre. Die­se Stu­fen, die­se Trep­pen, moch­te man sich auch manch­mal mit den Schrit­ten ver­has­peln und für eine Stu­fe zwei Schrit­te brau­chen, waren schön. Ich ging gern auf ihnen.

Wir waren am Ende der Trep­pe ange­langt, kamen in dem kühl-feuch­ten Flur mit den ver­git­ter­ten Fens­tern, durch die unzäh­li­ge schma­le Bäche von stäu­ben­dem Son­nen­licht her­ein­flos­sen, gin­gen über den Hof, und die Bei­den nah­men mich hin­ein in die Stadt, in ihre Stadt.

Sie gin­gen Wege durch das ver­schlun­ge­ne Gas­sen­ge­wirr der Alt­stadt, die ich allein nie gefun­den hät­te und die auch mir bald ganz ver­traut wur­den und lieb. Zunächst ein­mal bogen wir durch eini­ge Gas­sen kreuz und quer — ich sah manch­mal zurück und hin­auf, um mir Zei­chen der Erin­ne­rung fest­zu­hal­ten: ein hoher schma­ler Haus­gie­bel, um des­sen Fens­ter in jedem der drei Stock­wer­ke sich Sand­stein­fi­gu­ren ein­an­der zuneig­ten wie Mit­be­woh­ner, die heim­lich, aber vol­ler Wohl­wol­len den Woh­nen­den in die Fens­ter spä­hen. Zur Lin­ken ein Por­tal, gekrönt von Vasen, auf denen stei­ner­ne Put­ten sich im Nichts­tun dehn­ten und müßig auf die Gas­se hin­un­ter blick­ten, wo unter ihre stei­ner­ne Last vier mus­kel­star­ke Män­ner sich beug­ten.

Dann wie­der blieb mein Blick hän­gen an einem bizar­ren Neben­ein­an­der von Gie­beln, die ganz offen­bar ein­an­der den Rang strei­tig machen woll­ten, Fisch­schwanzz­in­nen, die sich auf das zwei­stö­cki­ge beschei­de­ne Häus­chen wie auf die Mau­ern einer Burg auf­steck­ten, ein hoch­ge­spitz­tes Dach dane­ben mit aller­liebs­ten ova­len Man­sar­den­fens­tern, wie­der dane­ben eine Art von baro­cker Palast­front, und dar­über sit­zend ein zier­li­ches Häub­chen von Dach­zie­geln.

Aber was ich eben bei mir als Beson­der­heit ver­merkt hat­te, an der ich den Faden der Stra­ße wie­der zurück­spin­nen könn­te, das kehr­te schon an der nächs­ten Stra­ßen­ecke wie­der, nur in gerin­ger Abwand­lung. Was die Ein­tö­nig­keit ist bei moder­nen Neu­bau­rei­hen, das war hier die Viel­falt: es schien unmög­lich, all die klei­nen leben­di­gen Schnör­kel am Bil­de der Gas­sen zugleich zu ver­mer­ken und zu unter­schei­den. Ich ver­zich­te­te bald dar­auf und ließ mich gehen, wie die andern gin­gen. Unver­merkt nah­men mich die bei­den denn auch aus der Wär­me der Gas­sen hin­ein in die Küh­le eines Haus­tors.

Es schien eine Tor­durch­fahrt wie ande­re auch, aber es war ein Weg hin­ein in die Tie­fe der eng ver­schach­tel­ten Alt­stadt­häus­chen über ihre halb­dunk­len Höfe hin­weg, und erst weit hin­ten, am Ende, sah man das Licht der Gas­se wie­der wie den Licht­bo­gen am Ende eines Tun­nels.

Die Häu­ser aber ver­schlos­sen sich nicht etwa denen, die vor­über­gin­gen, wie das in Tor­durch­fahr­ten zu gesche­hen pflegt. Nein, sie späh­ten nach den Pas­san­ten aus in gera­de­zu kind­li­cher Neu­gier durch brei­te nied­ri­ge Glas­fens­ter, des Anstands wegen behängt mit alt­mo­di­schen Klöp­pel­vor­hän­gen, die ver­gilbt waren von Staub und Alter. Man­che waren auch der wär­me­ren Luft drau­ßen geöff­net, denn die Mau­ern ström­ten noch die Feuch­tig­keit und Käl­te des Win­ters aus, wäh­rend es schon fast som­mer­lich her­ein­weh­te in die Durch­gän­ge. Auch man­che der Türen stan­den offen, und dahin­ter sahen wir sie bei ihrer Arbeit sit­zen: Schus­ter, über Leder­stü­cke gebeugt mit krum­mem Rücken, der sich ein Leben lang der nied­ri­gen Zim­mer­de­cke hat­te fügen müs­sen, Schnei­der im Tür­ken­sitz auf ihrem Tisch, mit kur­zem Fäd­chen emsig nähend unter trü­ber Lam­pe, Kürsch­ner vor einer Wand vol­ler Fel­le, die erge­ben ihr altes Leben abge­tan hat­ten und unter einer Schicht von Staub auf das neue war­te­ten, das kom­men soll­te, alte Frau­en, stri­ckend hin­ter dem win­zi­gen Schie­be­fens­ter ihrer Kram­läd­chen und über die Rän­der der Bril­le hin­weg nach uns hin­spä­hend. Wie aus alten Holz­schnit­ten her­ge­nom­men, saßen sie alle da auf­ge­reiht im Halb­dun­kel der Flu­re, zufrie­den, dass sie ihre Hän­de noch regen konn­ten.

Von wil­dem Wein umspon­nen, und gelas­sen wie ihre Schütz­lin­ge, blick­ten aus den Nischen der Höfe Sand­stein-Hei­li­ge zu den Frem­den her, still ein­ver­stan­den und zufrie­den mit der unschein­ba­ren Rol­le, die ihnen auf­ge­tra­gen war. Wie ein stil­les Licht lag Genüg­sam­keit über den glä­ser­nen Veran­den und Fens­tern der Höfe. Die Armut, die ohne Zwei­fel hier zu Hau­se war, mach­te sich nicht breit. Anspruchs­los blieb sie für sich hin­ter den Mau­ern.

Über das Rau­schen eines Brun­nens am Wege drang jetzt ein süßer Ton zu uns her, das Lied eines Vogels eigent­lich, aber so viel seli­ger, soviel bewuss­ter der auf­stei­gen­den und anwach­sen­den Son­ne, soviel dich­ter ange­füllt von Sehn­sucht und Hoff­nung, dass davor selbst das Lied einer Nach­ti­gall hät­te ver­blas­sen müs­sen. Es war auch nicht das eit­le Bril­lie­ren einer Kon­zert­flö­te, son­dern ein sei­den­fei­ner, him­mel­ho­her bieg­sa­mer Ton, als wäre ein Son­nen­strahl zur Stim­me gewor­den, die sil­bern auf­wärts wan­der­te, oben sich hin und her wen­de­te und lächelnd sich bespie­gel­te in der kla­ren Luft, um dann mit leich­tem Schritt wie­der hin­ab­zu­stei­gen, zu ver­wei­len hier und da, noch ein­mal ein wenig höher zu klim­men, als Tril­ler hin und her zu hüp­fen und dann gemach sich wie­der hin­un­ter zu bege­ben ins Gewöhn­li­che.

Als wir aus dem Tor­bo­gen der Pas­sa­ge tra­ten, sahen wir den Mann. Er trug ein spit­zes Hüt­chen von ver­schos­se­ner Far­be, auf dem eine kur­ze bun­te Feder schwank­te und schil­ler­te. Er hat­te es nicht nach Art jener Leu­te, die auf eili­ge und vor­über­ge­hen­de Barm­her­zig­keit spe­ku­lie­ren, vor sich hin­ge­legt, son­dern es saß ihm auf dem Kopf wie wei­land dem Rat­ten­fän­ger von Hameln das sei­ne. Was er eben jetzt vom Mun­de absetz­te, sah frei­lich einer Flö­te recht ähn­lich, aber es hät­te eben­so gut ein zurecht­ge­schnitz­tes Wei­den­rohr sein kön­nen. Eilig steck­te er es weg in die Brust­ta­sche sei­ner blank­ge­scheu­er­ten und aus­ge­beu­tel­ten Jacke, wie man einen Schatz ver­birgt. Man hät­te sich unschwer den­ken kön­nen, dass die Jacke auch den Rest sei­ner fah­ren­den Habe barg, denn wo die Taschen sit­zen, zeig­te sie bedenk­li­che Schwel­lun­gen, die mit sei­ner hage­ren Sta­tur nicht in Ein­klang zu brin­gen waren.

Nach­dem er sol­cher­ma­ßen die Son­ne besun­gen hat­te, als sei er sel­ber einer ihrer Strah­len, lüf­te­te er nun doch das Hüt­chen mit der Feder für die Spen­den, die frei­lich nur in beschei­de­nem Maße hin­ein­reg­ne­ten. Denn die meis­ten sei­ner Anhän­ger, wahr­schein­lich schon durch meh­re­re Höfe auf sei­ner Spur, waren Kin­der, so dass sich auch von die­ser Sei­te die Erin­ne­rung an den Rat­ten­fän­ger auf­dräng­te, einen Rat­ten­fän­ger frei­lich ohne Arg und Bos­heit, also doch wie­der kei­nen, denn wie hät­te der von Hameln sich in der Erin­ne­rung erhal­ten wol­len ohne den grau­sa­men Kin­der­zug, den er am Ende der Geschich­te anführ­te ? Ver­ges­sen hät­te man ihn wie alle Wohl­tä­ter, die ohne Dank aus­ge­hen.

Ich kram­te in mei­ner Kol­leg­ta­sche. Ein Schein fiel mir in die Hän­de, nicht eben gewal­tig, aber doch für ihn sicher ein schö­nes Stück Geld und für mich ein klei­nes Opfer, das ich ger­ne brach­te, obwohl es gleich in mei­nem Innern lei­se zu nagen anfing: sie­ben Erd­beer­tört­chen weni­ger in die­sem Monat! Ich leg­te den zusam­men­ge­fal­te­ten Schein in den Hut, er sah nicht nach viel aus, aber die Vor­sicht war auch unnö­tig. Er sah gar nicht danach hin. Mit sei­nen was­ser­hel­len Augen schien er irgend­wo­hin nach schräg oben zu hor­chen, wäh­rend die son­nen­brau­ne Haut des Gesichts sich spann­te, als könn­te von dort­her, über die win­ke­li­gen Dächer her­un­ter, ein neu­es Lied zu ihm kom­men.

Im Wei­ter­ge­hen frag­te ich mich, war­um er denn gera­de hier sei­nem Geschäf­te nach­ge­he — wenn man es ein Geschäft nen­nen woll­te — hier an die­ser abge­le­ge­nen, wenig benutz­ten Pas­sa­ge, wäh­rend nicht all­zu weit von die­ser Stel­le, an Gra­ben und Wen­zels­platz, die Men­schen zu Dut­zen­den und Hun­der­ten vor­bei­ström­ten und sein Spiel ihm also auch mit Leich­tig­keit ein Dut­zend­fa­ches ein­brin­gen konn­te von dem, was dort in dem abge­le­ge­nen Gäss­chen für ihn abfiel. Aber ich erschrak, als ich mir die seli­ge Vogel­stim­me vor­stell­te, ankämp­fend gegen das viel­fa­che Hupen, Klin­geln und das Schnur­ren der Moto­ren, gegen das Geze­ter der Zei­tungs­ver­käu­fer und das hun­dert­stim­mi­ge Geschwätz der eili­gen Men­ge. Und dann dach­te ich dar­an, wie er nur bereit war, von denen etwas anzu­neh­men, die sein Stück bis zu Ende anhör­ten, wie er nicht ein­mal hin­sah nach dem, was ihm zufiel. Wun­der­li­che Men­schen, wun­der­li­che Stadt, bis an den Rand vol­ler Wun­der.

Das Haus am Obst­markt, zu dem wir kamen, kann­te ich schon. Das Zei­tungs­wis­sen­schaft­li­che Insti­tut hat­te dort sei­ne Räu­me; ärm­li­che Räu­me in einem bau­fäl­li­gen Gebäu­de, ärm­lich ein­ge­rich­tet auch, aber anhei­melnd in ihrer Unord­nung. Es roch nach den Zei­tun­gen, die im Flur an den Wän­den gesta­pelt waren. Der Kreis war klein, schnell lern­te man die Gesich­ter alle. Es war eine behag­li­che Luft von Arbeit und Ler­nen­wol­len ohne über­gro­ßen Ehr­geiz.

Im sel­ben Hau­se amtier­te auch Hart­muth Glanz­rath, Dok­tor der Phi­lo­so­phie inzwi­schen gewor­den, Assis­tent am musik­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut. Das hat­te ich nicht gewusst. Gespannt sah ich ihm ent­ge­gen, als er die Trep­pe her­un­ter­kam, von einer Klin­gel im Flur geru­fen. Lang-kurz-lang-kurz — das hieß: Komm zum Essen. Ich lern­te es bald.

Da war er also! Aus dem Jun­gen in kur­zen Leder­ho­sen war ein Mann gewor­den. Ich frag­te mich im Stil­len, ob ich wohl auch so viel älter gewor­den sei in der Zwi­schen­zeit. Frei­lich: die lan­ge hüb­sche Nase war immer noch vol­ler Som­mer­spros­sen. Das gab dem gesetz­ten Dok­tor der Phi­lo­so­phie etwas Laus­bu­ben­haf­tes, das mir Spaß mach­te. Er schau­te aller­dings, wie Lin­de vor­aus­ge­se­hen hat­te, aber eine Unsi­cher­heit war in sei­nem Beneh­men, die sicher nichts mit mir zu tun hat­te. Es war offen­bar nicht ganz so üblich, wie ich gedacht hat­te, dass Anka mit den Bei­den essen ging. Es schien viel­mehr, als hät­te er sie län­ge­re Zeit nicht gese­hen, und ich erin­ner­te mich an das Gespräch vor­hin im Cle­men­ti­num, das ich mehr für Spaß und Wort­spie­le­rei gehal­ten hat­te. Ganz offen­bar war Hart­muth viel mehr bemüht, Anka gegen­über den rich­ti­gen Ton zu fin­den als mich, die so ganz Uner­war­te­te, in der frem­den Stadt will­kom­men zu hei­ßen.

Es kränk­te mich nicht. Als wir damals zusam­men wan­der­ten, hat­te ich Hart­muth fast so gern gehabt wie Lin­de — hät­te ich mir einen Bru­der gewünscht, er hät­te so sein sol­len, kame­rad­schaft­lich, zu Spä­ßen auf­ge­legt, aber auch zum Ernst, wie es gera­de kam, klug, ohne sein Wis­sen und sei­ne Gedan­ken auf­zu­drän­gen, in einem inne­ren Gleich­ge­wicht, das jetzt gestört schien. Schon aus weni­gen Wor­ten konn­te man das hören.

Hart­muth ging neben mir, es gab sich so. Er schien froh, das Gespräch mit Anka zu ver­mei­den, die sich jetzt mit Lin­de über den Ter­min der Semi­nar­ar­bei­ten unter­hielt. Offen­bar waren wir alle nicht sehr auf­merk­sam gewe­sen, auch sie wuss­te nichts Genaue­res. Wig­gert hät­te gemeint, vier Wochen als Frist wären eben recht, sag­te Lin­de schließ­lich, jeden­falls wäre es ihr so in Erin­ne­rung. Für die ers­ten vier Wochen hät­te er wohl schon im vori­gen Semes­ter ein paar The­men ver­ge­ben.

Eine merk­wür­di­ge Erschei­nung ist das, die­ser Pro­fes­sor Wig­gert”, sag­te ich, mehr um das Gespräch fort­zu­spin­nen, als weil ich mir unbe­dingt über ihn Aus­kunft hät­te holen wol­len.” Er erin­nert mich an den Ichabod Kra­nich in irgend­ei­ner Geschich­te von Washing­ton Irving.”

Hart­muth zupf­te mich am Arm, und als ich ver­stoh­len zu ihm hin­über­sah, bemerk­te ich, dass er ver­nei­nend die Augen­li­der senk­te und unmerk­lich den Kopf schüt­tel­te. „Ich mei­ne, ich kann ihn gar nicht beur­tei­len. Er sieht mir nur so aus, als wäre er nicht sehr glück­lich.” Ich sag­te es eilig und ver­le­gen, unsi­cher gewor­den, wel­che Rol­le er in die­sem klei­nen Krei­se spie­len kön­ne.

Er hat ganz beacht­li­che Sachen geschrie­ben über die Lite­ra­tur zu Anfang des Jahr­hun­derts”, erklär­te Anka. „Beson­ders der Natu­ra­lis­mus hat es ihm ange­tan. Kein Wun­der, wenn einer trüb­sin­nig wird über so öder Lek­tü­re.”

Viel­leicht hat er sich auch aus­ge­sucht, was ihm ent­spricht”, gab ich zu beden­ken.

Du hast ganz recht, Frän­zi”, sag­te Lin­de jetzt, und an ihrem Ton und ihren Wor­ten merk­te ich, wer von den drei­en von die­sem The­ma beson­ders betrof­fen war. „Er ist unglück­lich, und er war schon immer so. Ich habe ihn schon als klei­nes Kind gekannt, er kam oft zu unsern Eltern. Damals war er Stu­dent, und ich ging gera­de das ers­te Jahr zur Schu­le. Mich hat­te er immer sehr gern, damals schon. Ich den­ke immer, wenn ihm einer hel­fen kann, müss­te ich es sein.”

Und in die­ser Rot-Kreuz-Mei­nung wirst du dei­ne Jugend ver­trau­ern, mein Lie­bes”, setz­te Anka dazu in ihrer blan­ken Art, die Din­ge beim Namen zu nen­nen.

Man beschloss, nicht in die Vege­tar­na in der Zelt­ner­gas­se zu gehen — das wäre ein gro­ßer Umweg gewe­sen — son­dern in die Gast­stät­te der KLV in der Hiber­ner Gas­se.

Es gibt da ein Schild an der Tür, dar­auf steht ‚Nur für Teil­neh­mer der Kin­der­land­ver­schi­ckung’ ”, klär­te Hart­muth mich auf. „Des­halb fühlt sich Anka dort so zu Hau­se. Uns ken­nen sie schon. Du machst dir am bes­ten Zöpf­chen, Frän­zi, dann glau­ben sie dir viel­leicht, dass du eine Lega­le bist”. Dabei warf er frei­lich einen zwei­feln­den Blick auf mein kur­zes Haar. „Ich glau­be, es reicht nicht”, mein­te ich klein­laut.Zeltnergasse_mit_Pulverturm

Stra­ßen­bah­nen und Autos, von der Alt­stadt her­kom­mend, fädel­ten sich durch das Spitz­bo­gen­tor des Pul­ver­turms wie aus der alten in die neue Zeit. Auch hier gab es noch Figu­ren an Por­ta­len, ja, sogar vom Gesim­se der Dächer blick­ten Figu­ren her­ab, eine stei­ner­ne Gesell­schaft von Außen­sei­tern, die da hin­auf­ge­flüch­tet schien vor dem Ansturm der Moder­ne, denn die Stra­ßen hier wei­te­ten sich, bausch­ten sich auf, ihrer Bedeu­tung bewusst, das Neue her­bei­zu­füh­ren und dem Neu­en Raum zu las­sen, fade Groß­stadt­stra­ßen, wenn man eben noch den Reiz von Gas­sen und Win­keln gekos­tet hat­te. Die Hiber­ner Gas­se war kei­ne Gas­se mehr, son­dern eine Stra­ße, wie man sie in jeder ande­ren Groß­stadt hät­te fin­den kön­nen. Die Gast­stät­te der KLV — na ja, ein Restau­rant eben, genau so mög­lich in Wien, Ber­lin oder Paris. Anka trat vor uns ein, strich sich das Haar aus der Stirn und stell­te sich her­aus­for­dernd neben das omi­nö­se Schild „Nur für Teil­neh­mer der Kin­der­land­ver­schi­ckung”, weil dane­ben an einer Säu­le der Spei­se­plan ange­schla­gen war. Wir muss­ten auch, wie sich zeig­te, sel­ber am Buf­fet antre­ten, um unse­re Wün­sche zu mel­den, das Essen in Emp­fang zu neh­men und zu zah­len, denn so sehr Restau­rant war es nun wie­der nicht.

Hart­muth fuhr sich mit dem Fin­ger zwi­schen Hals und Kra­gen. Soviel wuss­te ich schon, dass Män­ner damit meist eine gewis­se Ver­le­gen­heit ver­ber­gen wol­len. Wir mar­schier­ten zu unserm Tisch, das Essen balan­cie­rend. Der Auf­wand hat­te sich gelohnt. Es waren nicht die ers­ten Zwetsch­gen­knö­del, die ich aß, aber zum ers­ten Mal offen­bar­te sich mir — wenn man das auf eine so pro­fa­ne Sache anwen­den darf — die Idee der Zwetsch­gen­knö­del an sich: zart und duf­tig der Teig, leicht wie Schnee und doch nicht schwam­mig oder zer­flie­ßend, ein wohl­ge­ord­ne­tes klei­nes Kos­mos, son­nen­gleich unter einer dich­ten Decke von fet­ti­gen gerös­te­ten Sem­mel­brö­seln und Zucker, schwim­mend in einem klei­nen See von But­ter, der allein schon ver­schwen­de­risch anmu­ten muss­te in sol­chen Kriegs­zei­ten.

Da saßen wir in die­ser Aller­welts­stra­ße, in die­sem Aller­welts­re­stau­rant, und doch — und doch: von den duf­ten­den Tel­lern stieg es auf, zu den brei­ten hoch­ge­scho­be­nen Fens­tern

ström­te es her­ein, mit uns bei Tische saß es, unver­kenn­bar, unnenn­bar und unver­lier­bar — Pul­ver­turm und Zwetsch­gen­knö­del, Dom und Burg und der Mann mit dem Wei­den­holz, bla­send, sin­gend die Melo­die der Stadt.

Nach Tisch trenn­ten wir uns. Zwar gab es für uns alle vier oder viel­mehr für uns drei als Hörer und für Hart­muth als Assis­tent eine Vor­le­sung im musik­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut. Aber Anka mein­te gäh­nend, sie wer­de sich statt­des­sen einen Mit­tags­schlaf geneh­mi­gen.

Wir ande­ren, vom Essen her trä­ge und behag­lich gestimmt, schlen­der­ten dem Obst­markt zu. Ich wur­de ein­ge­la­den, Hart­muths Reich zu bese­hen, eine Art nied­ri­ger, win­ke­li­ger Woh­nung, in der die Instru­men­te zuhauf stan­den, unter ihnen auch ein Cem­ba­lo, das frei­lich gegen Miss­brauch ver­schlos­sen war.

Ob ich ein Miss­brauch wäre, frag­te ich etwas ängst­lich, aber doch begie­rig. Nie hat­te ich solch ein Instru­ment unter den Hän­den gehabt. Dage­gen konn­te Hart­muth nicht an. Mit der Sorg­falt eines Schatz­hü­ters brach­te er den Schlüs­sel und sperr­te das Schloss auf.

Ich hat­te Kla­vier stu­diert einen Win­ter und einen Som­mer lang nach vie­len Jah­ren laschen, ver­geb­li­chen Unter­richts. Aber es woll­te mir nie gelin­gen, mit den genau­en Ton­län­gen auf guten Fuß zu kom­men. Ich dehn­te hier, wo mir etwas behag­te („Genie­ßen macht gemein”, sag­te mein Kla­vier­leh­rer), dehn­te auch wohl, wo die Fin­ger dem all­zu schwar­zen Noten­bild nicht mehr nach­ka­men, und eil­te, wo die Fin­ger leicht lie­fen und beson­de­re Schön­heit nicht zu erwar­ten war. Das Cem­ba­lo war über all die­se Ver­stö­ße ein stren­ger Rich­ter. Sein kur­zer Sil­ber­ton, nicht zu deh­nen durchs Pedal, dul­de­te kein Ver­wei­len und ver­merk­te jede Unre­gel­mä­ßig­keit genau­er, als mein Leh­re­rin­nen und Leh­rer es getan hat­te.

Aber statt mich dar­über zu ärgern, freu­te ich mich an der Zen­sur und ver­such­te mehr und mehr, ihr Genü­ge zu tun. Denn was dar­aus ent­stand, — eine Bach’sche Fuge — schien mir wie Begü­ti­gung und Trost für alles Schmerz­li­che des Mor­gens, das mich beküm­mer­te, obwohl es mich nicht betraf. Hier, in der Musik, war die Welt in Ord­nung, und man fühl­te deut­lich, dass es kei­ne erlo­ge­ne, kei­ne erträum­te Ord­nung war, wenn auch viel­leicht eine, die jen­seits unse­rer Wahr­neh­mungs­kraft lag. In der Musik aber wur­de sie hör­bar, trat näher und bot sich an als das Heil­mit­tel für alle Zer­ris­sen­heit. Was heu­te Schre­cken ist, schien sie zu sagen, wird mor­gen Freu­de sein. Alles ist bedacht und abge­wo­gen in die­ser bes­ten aller Wel­ten.

Hart­muth war wie­der in sein Büro gegan­gen. Lin­de stand an Fens­ter. Sie hat­te die Flü­gel nach drau­ßen auf­ge­sto­ßen, und die Luft, die her­ein­weh­te, ver­trieb den lei­sen Geruch von Moder, der in die­sen Häu­sern unaus­rott­bar ange­sie­delt schien und sofort wie­der­kehr­te, wenn man das Fens­ter schloss. Ich stand auf und ging zu ihr. Es war frei­lich, wenn ich es recht bedach­te, nicht zu hof­fen, dass der Trost, der mir genüg­te, auch ihr genü­gen wür­de.

Du hast dich sehr ver­än­dert, Lin­de”, sag­te ich.

Sie wand­te sich zu mir. Ihr Gesicht, das frei­lich nie eine sehr leb­haf­te Far­be gehabt hat­te, war durch­sich­tig gewor­den. Es war noch schö­ner, als ich es in Erin­ne­rung hat­te: die Man­del­form der dunk­len, grau­blau­en Augen schien jetzt genau­er gezo­gen, der Mund schö­ner geschwun­gen, und des brau­ne Haar lag in klei­nen Locken über der hohen Stirn und um die Schlä­fen, die etwas ein­ge­senkt waren zu den Augen hin und von zar­ten bläu­li­chen Äder­chen durch­zo­gen. Ihre Schön­heit war frei­lich nicht gemein — wer Lei­den­schaft und Lebens­lust in einem Gesicht such­te, konn­te sie hier nicht fin­den. Sie erin­ner­te mich an die Non­nen mit wei­ßen Flü­gel­hau­ben, denen ich zu Hau­se in einem Klos­ter häu­fig begeg­net war, wenn ich zu Schwes­ter Irm­gar­dis ging, um bei ihr Latein zu ler­nen. Sie alle — und auch Schwes­ter Irm­gar­dis — gli­chen ein­an­der wie Schwes­tern, und auch das Gesicht hier glich ihnen wie das einer Schwes­ter. So nann­ten sie sich ja auch — Schwes­tern. Waren es nur die Hau­ben, die sie ein­an­der so ähn­lich mach­ten? Oder war es dies, dass sie die Sucht und das Jagen nach Genuss und Ver­gnü­gen aus­ge­schlos­sen hat­ten aus ihrem Leben und statt­des­sen wah­re Freu­de gefun­den hat­ten ? War es die­se Freu­de, die sie ein­an­der so ähn­lich mach­te?

Das hät­te bedeu­tet, dass auch Lin­des Gesicht damals das einer Ver­zich­ten­den war, und so mag es wohl gewe­sen sein. Nur dass ich damals die­sen Gedan­ken noch nicht zu Ende dach­te. Im Gegen­teil: es brach­te mich auf, dass es einen Mann gab, dem die­se Schön­heit nicht gut genug war, den sie nicht erlö­sen konn­te aus sei­ner lin­ki­schen welt­frem­den Art, aus sei­ner Schär­fe und Iro­nie. Es empör­te mich, dass die­se Schön­heit ver­tan sein soll­te in Düs­ter­nis und Hoff­nungs­lo­sig­keit.

Lin­de hat­te nicht geant­wor­tet auf das, was ich zu ihr sag­te. „Ich will dich nicht drän­gen, Lin­de, es geht mich ja auch nichts an. Aber du bist nicht mehr die­sel­be wie damals. Du bist schö­ner gewor­den — dir kann man das ja ruhig sagen, du bist nicht eitel. Aber man sieht, dass du unglück­lich bist. Jeder sieht das.”

Lin­de schüt­tel­te den Kopf. „Ich bin nicht unglück­lich. Lass nur, Frän­zi, du wirst nichts dran ändern. Ich bin nicht unglück­lich, aber ich bin auch nicht glück­lich, damit hast du recht.”

Aber es scheint doch, als könn­test du nichts errei­chen. Ich mei­ne: ihm hel­fen. Kannst du dich da nicht ein­fach weg­wen­den, in eine ande­re Rich­tung sehen?”

Lin­de lächel­te. Es war ein Bild aus alter Zeit. Nein, Lin­de pass­te nicht in die­se Zeit, die immer nur has­tig nach dem Ihren greift. Es war mir frü­her nie so auf­ge­fal­len, dass sie aus einer sol­chen Fer­ne kam.

Ich kann ihm schon hel­fen. Du glaubst nicht, wie er anders ist, wenn ich bei ihm bin. Ich helf’ ihm bei einer Kar­tei für sei­ne Arbeit, weißt du. Er bat mich mal dar­um. Wie gesagt, wir ken­nen uns ja lang, und es war eigent­lich ganz natür­lich. Aber das hätt’ er nicht tun sol­len. Du glaubst nicht, wie das ist, wenn man einen Men­schen so sehr sich ver­wan­deln sieht. Das zieht an wie ein Magnet, man möcht’ es immer wie­der erle­ben, und es schert einen gar nicht, wenn die andern ihn häss­lich und unbe­hol­fen und sar­kas­tisch nen­nen. Hätt’ ich ihn nur als Pro­fes­sor gese­hen auf dem Kathe­der und im Semi­nar, dann wäre sicher alles anders gekom­men. Aber ich hab ihn eben gese­hen, wie ihn die andern nie sehen. Ich denk mir, wenn ich mich weg­wen­de von ihm, dann kann er nie mehr ganz er sel­ber sein. Denn vor den andern ist er’s ja nicht.”

Also doch eine Art Rot-Kreuz-Manier, wie dei­ne Freun­din Anka das nennt”, mein­te ich.

Sie wehr­te ab. „Ach, Anka! Anka ist ein fei­ner Kerl, ich hab sie sehr gern, wirk­lich, aber sie will immer alles über einen Kamm sche­ren. Sie zieht die Män­ner am Bän­del her­um, und ich soll’s auch so machen.”

Zwei­er­lei hät­te ich ger­ne gefragt, aber ich wuss­te nicht recht, wie ich es in Wor­te fas­sen soll­te: Liebst du ihn?

Die­se Fra­ge konn­te ich mir eigent­lich sel­ber beant­wor­ten. Ja, die Lin­de lieb­te ihn, den einen jeden­falls, der sozu­sa­gen ihr Werk war — oder sie sel­ber sah es jeden­falls so an, und bis zu einem gewis­sen Gra­de war es sicher so, dass er nur bei ihr er sel­ber sein konn­te. Aber lieb­te sie auch den andern, hilf­los, lin­kisch, flü­gel­schla­gend und iro­nisch? Konn­te man ihn über­haupt lie­ben? Und wenn sie ihn hei­ra­te­te — aber das lag ja im wei­ten Fel­de, hing ab von der Ant­wort auf die zwei­te Fra­ge, die ich im Sin­ne hat­te — wenn sie ihn also wirk­lich hät­te hei­ra­ten sol­len, dann wür­de sie mit bei­den ver­hei­ra­tet sein, nicht nur mit einem.

Ja, die zwei­te Fra­ge, offen­bar wich­ti­ger als die ers­te: lieb­te er sie? Oder war sie am Ende für ihn nur, was für ande­re Leu­te Mor­gen­rock und Pan­tof­feln sind, in denen sie sich gehen las­sen kön­nen und dann „natür­lich” sind, wie man das so nennt?

Ich beschloss, mei­ne Fra­ge anders zu stel­len. „Meinst du denn, dass eure Bezie­hung zuein­an­der sich jemals ändern wird?”

Sie sah aus dem Fens­ter. Ihre Fin­ger tipp­ten ner­vös auf das abge­blät­ter­te Weiß des Fens­ter­bretts. Die Ant­wort fiel ihr schwer. Mach­te sie sich etwas vor? Oder wür­de sie ver­su­chen, mir etwas vor­zu­spie­geln, was sie sel­ber nicht glaub­te?

Ich weiß nicht”, sag­te sie schließ­lich. „Ich weiß wirk­lich nicht.”

Wäre es dann nicht bes­ser, du wärst jetzt eine Wei­le unglück­lich, damit du spä­ter glück­lich wer­den könn­test?”

Sie lach­te kurz auf und zuck­te die Schul­tern.

Das hört sich sehr ver­nünf­tig an, Anka sagt’s auch. Aber er ist außer­dem noch mein Pro­fes­sor, ver­stehst du? Was soll ich ihm sagen, wenn ich nicht mehr komm und ihm sei­ne Kar­tei mach? Soll ich sagen, ‚Herr Pro­fes­sor, ich möcht’ spä­ter mal glück­lich sein, des­halb kann ich jetzt nim­mer zu Ihnen kom­men.’ Er wür­de doch den­ken, ich habe mei­ne Sin­ne nicht mehr bei­ein­an­der. Wir haben ja nie von sowas gere­det. Er hat kei­ne Ahnung von dem allen, was ich dir gesagt hab. Es ist auch ganz unmög­lich, dass ich’s ihm sag. Ver­stehst du nicht?” Und nach einer Wei­le füg­te sie hin­zu, als müs­se auch das noch gesagt sein, da alles and­re gesagt war: „Man kann bloß beten.”

Erstaunt sah ich sie an. Auch sie sah mich an, sie lach­te, und das Lachen war nicht so trau­rig, wie ich erwar­tet hät­te. „Gelt, da schaust du?” Ja, ich war erstaunt. Nie wäre mir der Gedan­ke gekom­men, dass man einer Lie­be wegen beten könn­te. Über­haupt kam mir sel­ten der Gedan­ke zu beten. Es fehl­ten der Anlass, die Not­fäl­le und die Über­zeu­gung.

Ich find es schön”, sag­te ich lau, ins­ge­heim zwei­felnd, ob einem das Beten die Ver­ant­wor­tung zum eig­nen Han­deln abneh­men kön­ne. „Bet’ nur auch ums Rich­ti­ge!” Und ich dach­te, sie soll­te bes­ser um das beten, was ihr jetzt Schmer­zen machen wür­de als um das, was sie für ein Glück hal­ten könn­te. Aber ich sag­te nichts wei­ter.

Nach der Musik­vor­le­sung ging ich hin­über ins Zei­tungs­wis­sen­schaft­li­che Insti­tut. Es tat für heu­te gut, die­se nüch­ter­ne, sach­li­che Luft, die kei­ner­lei Ansprü­che stell­te, der Geruch von Dru­cker­schwär­ze, die unver­bind­lich bekann­ten Gesich­ter. Dies hier war die nor­ma­le Welt, in der sich vor­aus­sicht­lich nichts wei­ter ereig­nen wür­de, als dass ich mir den Stoff für mein Refe­rat zusam­men­such­te und hier und da ein paar belang­lo­se Wor­te wech­sel­te.

Als ich in die Kol­leg­ta­sche griff nach dem Feder­hal­ter, fiel mir der Zet­tel mit den bei­den Gedich­ten in die Hän­de. Ach ja, dafür waren nur vier Wochen Zeit, mit dem zei­tungs­wis­sen­schaft­li­chen Refe­rat brauch­te ich mich nicht so zu beei­len. Aber ich hat­te weni­ger Lust als je zu die­ser Arbeit. Vol­ler Wider­wil­len war ich gegen Pro­fes­sor Wig­gert, die­ses Vogel­ge­sicht. Ich warf einen Blick auf die Tex­te. Gedich­te eben, Früh­lings­ge­dich­te. Zehn Sei­ten dar­über min­des­tens, zwan­zig höchs­tens. Zehn Sei­ten? Zehn Sei­ten über zwei Gedich­te? Jetzt ver­stand ich erst, erschrak. „Inter­pre­ta­tio­nen” hieß es, soviel war bei mir haf­ten geblie­ben. Kei­ne Inhalts­an­ga­be bit­te, auch nicht das Leben des Autors, auch kei­ne zeit­li­che Ein­ord­nung. Zehn Sei­ten Inter­pre­ta­ti­on über 25 Zei­len. Ich hat­te mir das kür­zes­te aus­ge­sucht, was ich lie­gen sah, es schien mir am bequems­ten so. Jetzt wünsch­te ich, ich hät­te das längs­te gewählt. Zehn Sei­ten über fünf­und­zwan­zig Zei­len, das hieß: fast eine hal­be Sei­te über jede Zei­le. „Schon kehrt der Saft aus jener All­ge­mein­heit …” Also bit­te, eine hal­be Sei­te! „Schon kehrt der Saft …” Mir wur­de schwind­lig. Eine hal­be Sei­te über jede Zei­le, soviel muss­te man schon rech­nen, man­che Zei­len moch­ten auch fast gar nichts her­ge­ben, also — wie­viel Zei­len hat eine hal­be Sei­te? Man muss­te das nach­zäh­len. „Schon kehrt der Saft …” Unmög­lich, Lin­de zu fra­gen. Unmög­lich, Anka zu fra­gen. Mei­ne Arbeit war das, ich konn­te sie nicht abge­ben, wie man eine Kino­kar­te weg­gibt.

Ich steck­te den Zet­tel wie­der in die Tasche. Das muss­te sich fin­den. Irgend­wie wür­de es sich schon fin­den. Jetzt saß ich hier und wür­de mir mei­nen Stoff zum Fon­ta­ne-Refe­rat zusam­men­su­chen, und wenn der Him­mel ein­fiel. Eine kin­di­sche Auf­ga­be, wenn man’s bedach­te. Ein gan­zes Leben abzu­han­deln auf, nun ja, sagen wir ruhig auch auf zehn Sei­ten. Und dort: zehn Sei­ten lang reden über fünf­und­zwan­zig Zei­len, die zwei Leu­te wahr­schein­lich in ein paar Minu­ten aufs Papier gesetzt hat­ten.

Fast zwei Stun­den ver­brach­te ich damit, her­um­zu­kra­men nach Mate­ri­al. Es stand alles wüst durch­ein­an­der. Auch die Assis­ten­tin wuss­te wenig Bescheid. Dies hier soll­te nur eine vor­läu­fi­ge Unter­kunft sein, sag­te sie. Es wür­de alles bald viel bes­ser und grö­ßer und schö­ner. Das nütz­te mir wenig. Es war fast sechs, als ich mei­ne mage­re Aus­beu­te bei­sam­men hat­te. Im deut­schen Semi­nar muss­te ich mir noch holen, was es dort gab.

Ich über­leg­te. In andert­halb Stun­den war Col­le­gi­um musi­cum drü­ben im Insti­tut. Lin­de und Hart­mut hat­ten gesagt, ich sol­le nur kom­men, nicht gera­de gebe­ten, aber der Chor schien klein, man wür­de mir’s viel­leicht ver­übeln, wenn ich fern­blie­be. Aber ich war müde. Das Vie­ler­lei des Tages dräng­te sich hin­ter mei­ner Stirn, über­schlug sich, ver­wirr­te mich.

Auf den Stra­ßen war Früh­ling. Das Brau­sen der Stadt tön­te wie die Stim­me des Mee­res her­über zum Obst­markt, des­sen klei­ne Geschäf­tig­keit sich mehr in der Stil­le voll­zog. Ich hat­te jetzt Lust, Men­schen zu sehen, vie­le Men­schen, die ich nicht kann­te, mich weg­tra­gen und irgend­wo anspü­len zu las­sen, auf pro­vi­so­ri­sche Wei­se mei­nen Hun­ger zu stil­len. Ich schlen­der­te zum Wen­zels­platz hin­über. Nach einem Restau­rant stand mir jetzt nicht der Sinn. Ich wuss­te hier auch kei­nes, in das ich mich über­haupt hät­te set­zen mögen. Ich trieb vor­bei an den weit offe­nen Türen der Büfetts. Über gan­ze Häu­ser­brei­ten hin stan­den sie offen, lockend die Unbe­haus­ten, bequem, schnell und bil­lig sich ein Mahl zu wäh­len aus der Fül­le des Gebo­te­nen, unver­bind­li­che und lie­bens­wür­di­ge Stät­te für den, der gern auf die bür­ger­li­che Kon­ven­ti­on ver­zich­tet, Jacke oder Man­tel am Klei­der­stän­der auf­zu­hän­gen, sich zu set­zen, die Spei­se­kar­te zu bese­hen, obwohl er von vorn­her­ein zu Pala­tschin­ken ent­schlos­sen ist, dem Ober zu win­ken, ihm das Gesuch­te auf­zu­tra­gen und in Geduld und Demut zu ver­har­ren, bis es ihm in aller Form ser­viert wird, sodann wie­der sich in Geduld zu üben, bis es ihm gelingt, den Kell­ner her­bei­zu­win­ken und noch ein­mal, bis der Kell­ner geruht, ihm die Rech­nung zu prä­sen­tie­ren, womög­lich des Klein­gelds erman­gelt und daher noch einen Weg machen und wie­der­um Gele­gen­heit zu irgend­ei­nem klei­nen Auf­ent­halt fin­den kann.

Hier war alles anders. Ich war nicht die Unter­ge­be­ne eines Kell­ners, der mich war­ten las­sen woll­te. Der Kell­ner in bür­ger­li­chen Loka­len soll­te eigent­lich für mich da sein, aber in Wirk­lich­keit bin ich es ja, die von ihm abhängt, die am Ende noch sei­ne sau­re Mie­ne schlu­cken muss, wenn das Trink­geld sei­nen Erwar­tun­gen nicht gerecht wird.

Dies alles mag unge­recht sein, was die Kell­ner betrifft, denn wenn sie auch bis zum äußers­ten ihre Pflicht erfül­len, so sind ihnen doch nicht mehr als zwei Bei­ne und nicht mehr als zwei Arme gege­ben, was not­wen­dig mit­un­ter zu Auf­ent­hal­ten und Ver­zö­ge­run­gen füh­ren muss. Aber es schien mir damals und scheint mir noch heu­te, dass alle die­se Umstän­de das Büfett emp­feh­len, beson­ders dem, der es eilig hat oder dem, der es aus irgend­ei­nem andern Grun­de an Geduld feh­len las­sen könn­te.

Mir schien es an die­sem Abend, als kön­ne ich es viel­leicht an Geduld feh­len las­sen, denn sie war von dem über­vol­len Ablau­fe des Tages fast völ­lig erschöpft. Ich war nicht gewöhnt an sol­che Fül­le. Auch in die­ser Stadt war sie mir bis­her nicht vor­ge­kom­men. Und hat­te es mir am Mor­gen geschie­nen, als erhe­be sich nun die Stadt um mich und fan­ge an zu tönen und zu leben, so schien sie mir jetzt schon von einer fast hek­ti­schen Betrieb­sam­keit, ange­füllt bis zum Ran­de von tra­gi­schen oder wid­ri­gen Schick­sa­len, die unver­än­dert und unver­än­der­lich ihre Bahn wei­ter­lie­fen wie Pla­ne­ten.

An die­sen Gedan­ken spann ich eben, als ich Pro­fes­sor Wig­gert sah. Er war nicht allein. Neben ihm ging eine Dame, nicht son­der­lich ver­traut mit ihm, so schien es, aber die Mög­lich­keit, zur Ver­trau­lich­keit fort­zu­schrei­ten, lag in bei­den Gesich­tern. Wig­gert zu ver­ken­nen oder zu ver­wech­seln war aus­ge­schlos­sen. Fast um eine Kop­fes­län­ge über­rag­te er die Men­ge der Pas­san­ten. Daher war die­ser Kopf, die Vogel­au­gen, die Vogel­na­se, schon weit­hin zu erken­nen. Ich warf des­halb, ehe ich abbog, noch einen eili­gen Blick auf das weib­li­che Wesen — Mäd­chen, Frau, Dame — schwer zu sagen. Jeden­falls war sie nicht hübsch, erst recht nicht von Lin­des Art. Aber sie hat­te die fri­schen Far­ben, den leb­haf­ten Blick, der Lin­de fehl­te. Sie wür­de sich nicht mit welt­frem­den Träu­men begnü­gen. Sie wür­de aus ihm, der ein Vogel ohne See­le war, gehät­schelt mit­un­ter in Lin­des Zau­ber­gar­ten, einen Men­schen machen, einen Mann. Und Lin­de wür­de übrig sein.

Jetzt war ich nahe und warf rasch noch einen Blick auf ihn, von der unnö­ti­gen Angst gepei­nigt, er könn­te erken­nen, was ich dach­te, was ich alles wuss­te. Aber er sah mich gar nicht. Es war mir, als löse die graue, ver­trock­ne­te Scha­le sich von ihm ab, sein Gesicht nahm schon natür­li­che­re Dimen­sio­nen an, die ein­ge­üb­ten thea­tra­li­schen Ges­ten sei­ner Hän­de wur­den unnö­tig.

Rasch wand­te ich mich jetzt ab und trat in das Büfett, das sich zu mei­ner Sei­te öff­ne­te, ein­la­den­de Zuflucht, stil­ler Strand, an dem die Was­ser kei­ne Gewalt mehr hat­ten. Ich wähl­te ein Kar­tof­fel­ge­richt mit Sau­ce. Kei­ne Mar­ken waren dafür nötig, es ver­sprach, mich zu sät­ti­gen, das genüg­te mir. Ich sah, wie der sah­ni­ge Kar­tof­fel­brei aus dem Topf auf den Tel­ler geschöpft wur­de, ein ver­hei­ßungs­vol­ler wohl­ge­run­de­ter klei­ner Hügel, von einer Gabel mit klei­nen Quer­ka­nä­len ver­se­hen, in die die gold­brau­ne Sau­ce floß. Wie schnell, wie leicht und ver­gnüg­lich war das alles bewerk­stel­ligt. Kei­ner­lei Umstän­de, kei­ner­lei Küchen­heim­lich­kei­ten hin­ter ver­schlos­se­nen Türen! Ich ent­rich­te­te mei­nen Obo­lus — sol­che Gerich­te waren lächer­lich bil­lig — und zog mich an einen der Tische zurück, wo man auf Hockern vor der hohen Spie­gel­wand saß, die das Büfett auf einer Sei­te begrenz­te.

Die Beschlä­ge von Chrom an der The­ke spie­gel­ten. Alles war sau­ber, neu­tral und ohne allen Anspruch. Wie sehr zu prei­sen war doch die­se Ein­rich­tung, die einem erlaub­te, alles Unge­lös­te vor der Tür zu las­sen, wie man einen Hund drau­ßen anbin­det. Wäh­rend man im Restau­rant das Bedürf­nis fühlt, in einer Gesell­schaft bei Tisch zu sit­zen, war es hier das Natür­li­che, allein zu sein. Sel­ten ging man in Gesell­schaft ins Büfett. Wenn es doch geschah, war doch da jeden­falls nicht die­ses fal­sche Vor­täu­schen einer Wohn­lich­keit. Es han­del­te sich nicht dar­um, sich nie­der­zu­las­sen auf unbe­stimm­te Zeit. Es han­del­te sich dar­um, satt zu wer­den.

Ich wur­de satt, der Brei schmeck­te köst­lich. Ich erwog, noch eine Klei­nig­keit fol­gen zu las­sen, aber dann erin­ner­te ich mich des Fünf­zig-Kro­nen-Scheins, den ich dem Flö­ten­blä­ser in den Hut gelegt hat­te und beschloss, jetzt gleich mit dem Ver­zich­ten anzu­fan­gen, um es bald hin­ter mich zu brin­gen.

Ich bum­mel­te die Rei­hen der Schau­fens­ter ent­lang, vor­bei an hel­ler­leuch­te­ten Hotel­ein­gän­gen, über­dacht, bewacht von hoch­mü­ti­gen Sub­jek­ten in Livree, deren Mie­nen sich nur dann plötz­lich zu bewe­gen anfin­gen, wenn eine Taxe, ein Fia­ker ihre viel ver­spre­chen­de Last ent­lu­den. Ich späh­te in die Büfetts, halb bewusst jenes letz­ten Res­tes von Hun­ger, der nicht ganz gestillt war. Aber zu Hau­se lag noch Obst. Brot und Auf­strich war auch da. Nach dem Chor wür­de ich mir noch ein klei­nes zwei­tes Abend­brot geneh­mi­gen.

Im Chor waren wir zu elfen. Noch herrsch­te die flaue Stim­mung von Semes­ter­an­fang — es war alles noch nicht rich­tig ins Rol­len gekom­men. Die Akus­tik der nied­ri­gen Räu­me ließ sehr zu wün­schen übrig. Auch die­ses Insti­tut soll­te umzie­hen in eini­ger Zeit, hoch­herr­schaft­lich, ins Palais des Mal­te­ser Groß­prio­rats auf der Klein­sei­te. Brei­te Auf­gän­ge mit Stein­fi­gu­ren, Rie­sen­sä­le, bes­se­res Mobi­li­ar. Nur Hart­muth sah dem Umzug mit eini­gem Ban­gen ent­ge­gen: die Biblio­thek und Noten waren zu ver­pa­cken und tau­sen­der­lei Kram. Eine Sache für eine Haus­frau, eigent­lich.. Er wuss­te nicht recht, ob er sich dem gewach­sen füh­len soll­te. Immer­hin war noch Zeit bis dahin.

Der Pro­fes­sor, der die Vor­le­sun­gen hielt, lei­te­te auch den Chor. Er erin­ner­te mich an mei­nen Vater. Aber wahr­schein­lich hielt man ihn für älter, als er war. Müde schien er zu sein über sei­ne Jah­re hin­aus. Sei­ne Müdig­keit tön­te nach in den Madri­ga­len und Chor­sät­zen, die wir prob­ten.

Wäh­rend wir san­gen, fiel mir Pro­fes­sor Wig­gert wie­der ein, die Dame neben ihm, und ich sah zu Lin­de hin­über. Viel­leicht hat­te ich mich auch getäuscht, viel­leicht war es sei­ne Schwes­ter — ach nein, das doch kaum. Aber irgend­ei­ne Ver­wand­te viel­leicht, eine Bekann­te, die Frau eines Kol­le­gen. Ich ver­such­te mich zu über­re­den, aber es über­zeug­te mich nicht. Sie waren nicht so neben­ein­an­der gegan­gen, als gin­gen sie ein­an­der nichts an. Erwar­tung war in den Gesich­tern gewe­sen, Hoff­nung sogar. Wig­gert schien sich durch­aus kein Gewis­sen dar­aus zu machen, mit einer Dame den Wen­zels­platz hin­un­ter zu pro­me­nie­ren. Wie soll­te er auch? Wer konn­te ihm das Zöli­bat abver­lan­gen? Ich war jetzt über­zeugt, dass er Lin­de nicht lieb­te, nie so geliebt hat­te, wie sie es ver­stan­den haben moch­te, dass er in sei­ner Welt­fremd­heit auch Lin­des Lie­be nie bemerkt hat­te. Wie wür­de sie die­se Erkennt­nis hin­neh­men?

Wir blät­ter­ten wei­ter, stimm­ten an. Ein Lied vom Abschied war es und soll­te das letz­te sein für die­sen Abend. Ich fing mit an zu sin­gen, aber plötz­lich stieg es mir wür­gend in die Keh­le. Ich muss­te auf­hö­ren. Der Pro­fes­sor sah erstaunt zu mir her­über. Aber ich konn­te nichts dage­gen tun. Was war das nur? Mit­leid mit Lin­de, der Gedan­ke an den Abschied, den sie wür­de neh­men müs­sen ohne ein Wort, ohne ein Zei­chen? Nein, das konn­te es nicht sein, denn ich glaub­te fest dar­an, dass die­ser Schnitt ihr am Ende heil­sam sein müss­te. Was es nur war? Es war kein Heim­weh, nicht der Gedan­ke an irgend­ei­nen Abschied, den ich jemals genom­men hat­te.

Nein, im Grun­de wuss­te ich, was es war und woll­te es mir nur nicht ein­ge­ste­hen, weil es zu bizarr war, zu unbe­greif­lich. Ich hat­te Sehn­sucht nach der Stadt, in der ich leb­te. Wäh­rend ich hier war und drau­ßen rund­um die Stadt, zum Grei­fen nahe, wäh­rend ich wuss­te, dass ich in weni­gen Minu­ten durch ihre Stra­ßen gehen wür­de, trieb mir der Gedan­ke an ihre Schön­heit das Schluch­zen in die Keh­le, zer­riss mich die Vor­stel­lung, dass ich eines Tages aus ihr fort­ge­hen müss­te.

Die Milch­glas­ku­gel in unse­rem Zim­mer brann­te noch, als ich eilig über den Platz nach Hau­se kam. Das freu­te mich. In ein dunk­les Zim­mer zu kom­men war unbe­hag­lich, gleich­gül­tig, ob Maria noch nicht da war oder schon schlief. Zwar konn­te man auch die kalk­wei­ße Beleuch­tung nicht gera­de behag­lich nen­nen, aber in ihrer Nüch­tern­heit ent­sprach sie doch unse­rem pro­vi­so­risch zusam­men­ge­zim­mer­ten Stu­den­ten­da­sein. Aller­dings besaß Maria für „behag­li­che Zwe­cke”, wie sie das nann­te, noch eine Nacht­tisch­lam­pe, aber für mich reich­te der Licht­kreis natür­lich nicht. Ich hat­te auch immer im Sinn, mir mal eine schi­cken zu las­sen oder zu kau­fen. Aber es kam nie dazu.

Ein merk­wür­di­ger Anblick bot sich mir, als ich ins Zim­mer trat. Auf dem Tisch lag noch das Bild, wie ich es hin­ge­legt hat­te, offen­bar unbe­rührt. Mari­as Schrank­tür stand offen, Maria sel­ber saß auf dem Bett, noch im Kos­tüm, an des­sen Auf­schlag völ­lig sinn­lo­ser Wei­se eine künst­li­che blaue Blu­me befes­tigt war. Das Kos­tüm hät­te ele­gant sein kön­nen. Die Blu­me mach­te alles zunich­te. Ich staun­te immer wie­der, auf wel­che alt­mo­di­schen, manch­mal gera­de­zu gewöhn­li­chen Gedan­ken sie ver­fiel, um ihrem Man­gel an Far­ben auf­zu­hel­fen.

Absurd aber wur­de der Anblick erst dadurch, dass sie das Haar schon auf­ge­wi­ckelt trug, auf wei­ße Bän­der, die wie ein Kranz ihr Gesicht um Stan­den. Die Tätig­keit des Auf­wi­ckelns schien sie schon vor einer Wei­le been­det zu haben, denn jetzt rauch­te sie, was ihren Anblick nicht weni­ger lächer­lich mach­te.

Das Ein­zi­ge an ihr, was man auf kei­nen Fall hät­te komisch nen­nen kön­nen, war ihr Gesicht. Ich hat­te sie nie so ernst gese­hen.

Als ich ‚Guten Abend’ sag­te, drück­te sie ihre Ziga­ret­te aus. Mei­nen Gruß erwi­der­te sie erst, nach­dem sie mich eine Wel­le unver­wandt gemus­tert hat­te.

Ich setz­te die Kol­leg­ta­sche auf das Ende mei­nen Bet­tes. Mei­ne Dau­nen­de­cke war, eben­so wie die von Maria, tags­über zu einer Wurst zusam­men­ge­rollt, an die Wand gescho­ben und über das gan­ze Bett­ge­stell eine Woll­de­cke gebrei­tet, so das es einen eini­ger­ma­ßen zuläng­li­ches Sitz- oder Lie­ge­mö­bel abgab.

Was ist?” frag­te ich, noch im Ste­hen, denn ich dach­te jetzt an die Brot- und Obst­vor­rä­te, und es kam mir der Gedan­ke, ich könn­te mir eigent­lich noch ein Ei in die Pfan­ne schla­gen, obwohl das bei der sel­te­nen Zutei­lung von Eiern schon Ver­schwen­dung gewe­sen wäre. Aber ich hat­te das Gefühl, es sei vor­her etwas zu klä­ren, und ich kön­ne mich nicht so mir nichts dir nichts ans Essen machen. ‚Ist was pas­siert?” frag­te ich noch­mal.

Maria bis sich auf die Lip­pen. Offen­bar wuss­te sie nicht, wel­che Wor­te sie wäh­len soll­te, wuss­te viel­leicht über­haupt nicht, ob sie reden soll­te.

Aber war­um sagen Sie denn nichts?” dräng­te ich schließ­lich. „Was ist denn so furcht­bar?”

Sie schien sich jetzt zu besin­nen, dass es unklug sei, die Sache dra­ma­ti­scher dar­zu­stel­len, als sie nor­ma­ler­wei­se gewe­sen wäre. „Jemand hat in mei­nen Brie­fen gele­sen”, sag­te sie.

In Ihren Brie­fen?” Ich ver­stand nicht.

In den Brie­fen, die in mei­nem Schrank lie­gen. Und das Bild, wie kommt das Bild auf den Tisch?”

Ich lach­te. „Wenn Sie sonst kei­ne Sor­gen haben, kön­nen Sie sich die auch spa­ren. Es muss Ihnen her­aus­ge­fal­len sein heu­te früh. Ich sah es auf dem Boden lie­gen, und damit nie­mand drauf tritt, habe ich es auf­ge­ho­ben. Ich habe mir über­legt, wo ich es hin­tun soll. Ich hat­te es zuerst auf Ihren Nacht­tisch gelegt”, ich lach­te ver­le­gen, dass ich ihr — mehr oder weni­ger wider Wil­len — die­sen klei­nen Schnör­kel jetzt doch nicht vor­ent­hal­ten hat­te, ”aber ich dach­te, es wäre Ihnen viel­leicht nicht recht, Sie fän­den es — irgend­wie — unge­zo­gen. In den Schrank woll­te ich es auch nicht legen, denn ich mache nicht gern and­rer Leu­te Schrän­ke auf. Da habe ich es also auf den Tisch gelegt. Es liegt noch genau­so da, wie ich es hin­ge­legt habe.”

Etwas Erleich­te­rung sah ich in ihrem Gesicht. „Aber die Brie­fe”, sag­te sie rat­los. Ich merk­te jetzt, dass ich durch die Beich­te mit dem Bild mich auch hin­sicht­lich der Brie­fe ver­däch­tig gemacht hat­te. Konn­te es nicht so gewe­sen sein, dass ich das Bild hät­te in den Schrank legen wol­len, dabei die Brie­fe gese­hen hät­te, sie gele­sen und dann beschlos­sen, das Bild lie­ber doch nicht in den Schrank zu legen, weil sonst die­ser Gedan­ke so nahe lag? Es ent­ging mir nicht, dass Maria erleich­tert schien, weil die Sache sich auf so harm­lo­se Wei­se erklär­te.

Ich bit­te Sie, es ist doch nur eine Lap­pa­lie, eine Kin­de­rei, wenn Sie es nur waren. Mir wäre ein Stein vom Her­zen. Ich wür­de es Ihnen nie­mals nach­tra­gen, ich ver­spre­che es Ihnen.’

Ich schüt­tel­te den Kopf. „Tut mir leid. Ich lese frem­de Brie­fe nicht. Nicht mal, wenn sie offen her­um­lie­gen. Viel­leicht war es der Dra­chen — sie schnüf­felt doch so gern — oder die Auf­räume­frau. War­um muss es denn unbe­dingt jemand so Schreck­li­ches sein?”

Sie schüt­tel­te den Kopf, und ihre Stirn run­zel­te sich wie­der. „Aber es wäre so ein merk­wür­di­ger Zufall — die Brie­fe und das Bild — an einem Tag!”

Die­ser ver­steck­te Vor­wurf, ich hät­te gelo­gen, mach­te mich ärger­lich. Ich ging zum Schrank und nahm Ser­vi­et­te und Ess­wa­ren her­aus, um sie auf den Tisch auf­zu­bau­en. „Sie brau­chen mir nicht zu glau­ben” sag­te ich gereizt. „Aber es wäre bes­ser, wenn Sie mir glau­ben wür­den. Ich den­ke nicht dar­an, hier ein Semes­ter lang mit Ihnen zu woh­nen, wenn Sie bei der Mei­nung blei­ben, dass ich frem­de Brie­fe lese und Sie noch dazu belü­ge. Ich habe sehr gut bemerkt, dass Sie froh wären, wenn ich’s gewe­sen wäre. Ich weiß nicht, wie­so. Es ist mir auch egal. Aber ich kann Ihnen nichts vor­lü­gen, nur um Sie zu trös­ten. Das ist zu viel ver­langt — ”

Ich hat­te mir ein Brot gestri­chen und aß dazu einen Apfel. Das Ver­lan­gen nach einem Ei war mir ver­gan­gen. Ich sah nicht, wie wir bei­de aus die­ser Zwick­müh­le her­aus­kom­men soll­ten. Zwar war es rich­tig, dass ich unter die­sen Umstän­den kei­ne Lust mehr hat­te, hier woh­nen zu blei­ben. Aber eine ganz ande­re Fra­ge war, wo man so schnell ein Zim­mer fin­den soll­te.

Ich stand auf, um mir noch die Wurst aus dem Schrank zu holen. Als ich mich wie­der hin­set­zen woll­te, streif­te ich Maria mit einem Blick. Da sah ich etwas Erstaun­li­ches: sie wein­te! Ich stell­te den Wurst­tel­ler auf den Tisch und ging zu ihr hin­über. Was ich nie vor­her getan hat­te — ich setz­te mich neben sie aufs Bett und leg­te den Arm um sie.

Hören Sie auf zu wei­nen, Maria. Ich war’s nicht, ich wür­de es Ihnen ger­ne sagen, wenn’s so wäre. Aber ich war’s wirk­lich nicht. Viel­leicht kön­nen wir zusam­men her­aus­krie­gen, wer es war.”

Wir konn­ten es nicht her­aus­krie­gen. Wir konn­ten es nicht ein­mal ahnen. Ich sel­ber erfuhr es erst viel spä­ter, als alles vor­bei war. Aber hät­ten wir es damals gewusst, es hät­te uns nicht fro­her gemacht und hät­te nichts mehr hin­dern kön­nen.

Erst im hal­ben Schlaf kam mir noch ein­mal der Gedan­ke an Felix Erlach. Den gan­zen Tag lang hat­te ich nicht mehr an ihn gedacht. Ob er mich auch so sehr ver­ges­sen hat­te wie ich ihn? Ein hel­ler Aus­blick war jetzt der Gedan­ke, ihn wie­der zu sehen, eine zärt­li­che Zuver­sicht lag dar­in.

Die Gei­ge schwieg heu­te nacht. Ein war­mer Wind hat­te sich auf­ge­macht in den Stra­ßen und beweg­te die Fens­ter, die lei­se klirr­ten. Ich stand noch ein­mal auf, um sie fest­zu­ha­ken. Es roch nach Früh­ling.

Das Gedicht fiel mir ein, die gan­ze ers­te Stro­phe war plötz­lich da.

Schon steigt der Saft aus jener All­ge­mein­heit,
die dun­kel in den Wur­zeln sich erneut,
zurück ans Licht und speist die grü­ne Rein­heit,
die unter Rin­den noch die Win­de scheut.”

Ein lan­ger Satz, ein umständ­li­cher Satz, voll­ge­packt und nichts­sa­gend eigent­lich — aber das dürf­te man viel­leicht nicht sagen, schließ­lich war es Ril­ke. Rin­den — Win­de — eine Art Bin­nen­reim im letz­ten Satz. All­ge­mein­heit — Rein­heit — ver­schwom­me­ne Wor­te, man konn­te sich nichts dar­un­ter vor­stel­len. Na ja, man müss­te es etwas mil­der aus­drü­cken, was wie­der bedeu­ten wür­de, dass es etwas mehr Platz ein­nimmt.

Soll­te ich es noch auf­schrei­ben? Ach nein, es wür­de mir schon mor­gen wie­der ein­fal­len. Zuver­sicht­li­cher gewor­den, wickel­te ich mich in mei­ne Dau­nen­de­cke. Eine gan­ze Wei­le lag ich noch wach. Zwei Zei­len­paa­re als Gegen­sät­ze, das Zwei­te aber ent­sprin­gend aus dem ers­ten und — sozu­sa­gen — genährt vom ers­ten. Da wür­de mir schon was ein­fal­len. Aller­dings, zehn Sei­ten?

Maria schlief jetzt ruhig. Auch ich war ein­ge­schla­fen, als ein Schrei mich auf­schreck­te. Maria war hoch­ge­fah­ren. „Nicht doch, Götz! Sie bren­nen dich!”

Ich erschrak, lag still, hielt den Atem an. Sie durf­te nicht wis­sen, dass ich wach war. Mein Herz klopf­te zum Zer­sprin­gen. aber viel­leicht wuss­te sie sel­ber nicht, was sie gesagt hat­te. Nach einer Wei­le hör­te ich, wie sie nach dem Röhr­chen griff, das auf ihrem Nacht­tisch lag. Sie nahm Schlaf­ta­blet­ten. Ich war­te­te, dass sie auf­ste­hen wür­de, um ein Glas Was­ser zu holen. Dann könn­te ich mich rüh­ren, Atem holen, aber sie stand nicht auf. Sie schluck­te die Tablet­ten ohne Was­ser. Dann wur­de es wie­der still im Zim­mer. Aber die Stil­le war vol­ler Angst.

Veröffentlicht unter Prag

De mortuis

nihil nisi bene. Aber bei so viel Lob­hu­de­lei und Zustim­mung hät­te es dem  dahin­ge­schie­de­nen Alt­bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt  ja in den Ohren geklun­gen. Recht wäre es ihm sicher nicht gewe­sen, im bes­ten und wahr­schein­li­chen Fal­le egal. Über sein Wir­ken als Elder Sta­tes­man ist mir nicht viel bekannt, als nicht Zeit-Leser, aber als Poli­ti­ker stand er für alles, was mei­ne Genera­ti­on hoff­nungs­voll durch Wil­ly Brand für über­wun­den hielt.

Er war so sehr Preu­ße wie man es als Ham­bur­ger über­haupt sein kann. Mili­tä­risch geprägt, prag­ma­tisch, eine gro­ße Füh­rungs­per­sön­lich­keit sicher­lich, aber mit einem eigen­tüm­lich unkla­ren ethi­schen Hin­ter­grund. Macht und die Mäch­ti­gen waren ihm wich­tig. Auf jeden Fall Hen­ry Kis­sin­ger war er mehr zuge­neigt als Lech Wale­sa. Aner­ken­nung für sein poli­ti­sches Wir­ken ern­te­te er dafür, dass er — mit oder gegen sei­ne Par­tei oder Regie­rung — das durch­setz­te, was ihm in dem Moment für not­wen­dig erschien. Das Wort oppor­tun ver­mei­de ich aus Pie­tät. Im gro­ßen und gan­zen trifft das natür­lich auch auf den Amts­nach­fol­ger Hel­mut Kohl zu. Den­noch kön­nen wir drei Kreu­ze machen, dass das Schick­sal Kohl zum Wen­de­kanz­ler gemacht hat. Mit Hel­mut Schmidt, des­sen dür­fen wir gewiss sein, hät­te es kei­ne Wie­der­ver­ei­ni­gung gege­ben. Er hät­te drauf gedrun­gen, dass die DDR besen­rein an den Wes­ten über­ge­ben wird.

Also neh­men wir Abschied von dem letz­ten gro­ßen Ver­tre­ter einer Genera­ti­on und eines Men­schen­schla­ges, der unser Land lan­ge geprägt hat. Wie oft, wenn man am Grab steht, ist bei­des vor­han­den, Trau­er und Erin­ne­run­gen, aber auch Erleich­te­rung, dass ein Weg, der am Ende vol­ler Mühe war, zu Ende geht.

Alles rennet, rettet, flüchtet

Deutsch­land kann nicht alle auf­neh­men — das kann Deutsch­land nicht leis­ten — die Kom­mu­nen sind über­for­dert — die Ängs­te der Anwoh­ner ernst neh­men — die Sor­gen der Men­schen ent­kräf­ten …

Manch­mal unter­schei­det sich das wirk­li­che Leben von den Geschich­ten von Bob, dem Bau­meis­ter. Wenn Bob sagt „ja, wir schaf­fen das”, dann heißt es, wir schaf­fen das ohne Mühe und Schmer­zen, weil wir das kön­nen und wis­sen wie es geht. Wenn der glei­che Satz fällt im Zusam­men­hang mit den Men­schen, die aus ihren Hei­mat­län­dern zu uns flüch­ten, dann wäre es ein Irr­tum zu glau­ben, dass wir das schaf­fen kön­nen ohne Anstren­gung und ohne selbst Ein­schrän­kun­gen hin­zu­neh­men, denn die Situa­ti­on ist bei­spiel­los und Patent­re­zep­te gibt es nicht. Vie­le Feh­ler müs­sen noch gemacht wer­den, bevor es klappt. Es gibt gar kei­ne Alter­na­ti­ve dazu, sich der Auf­ga­be zu stel­len, denn die Men­schen haben ja zum gro­ßen Teil nicht erst vor zu flüch­ten und wer­den durch eine men­schen­wür­di­ge Behand­lung bei uns dazu ermu­tigt. Die­se Men­schen sind ja zum gro­ßen Teil schon in Deutsch­land oder in einem der Nach­bar­län­der ange­kom­men nach unbe­schreib­li­chen Stra­pa­zen und wer­den sich nicht davon abhal­ten las­sen, nach all dem, was sie erlit­ten haben, den Rest des Weges auch noch hin­ter sich zu brin­gen, dort­hin, wo sie Sicher­heit und Auf­nah­me erwar­ten.

Vor 25 Jah­ren haben wir mit Inbrunst und Über­zeu­gung und am Ende mit Erfolg gefor­dert, dass die Mau­er, die die Men­schen von Frei­heit und Wohl­stand trennt, fal­len muss. Wie kann man denn heu­te mit gutem Gewis­sen genau das Gegen­teil for­dern, näm­lich einen Zaun zu bau­en, der die Men­schen davon abhält dahin zu gehen, wo sie in Sicher­heit sind und eine Per­spek­ti­ve haben? Damals war es das im Grund­ge­setz for­mu­lier­te Ziel der Ver­ei­ni­gung der bei­den deut­schen Staa­ten, heu­te das grund­ge­setz­li­che Asyl­recht. Jedem, der heu­te den Zaun zurück haben möch­te, kann man nur zuru­fen, „es ist wie­der Zeit, was du hast, mit ande­ren zu tei­len, sieh es bes­ser ein”.

Na gut, grum­meln Wen­de­ge­winn­ler de Mai­ziè­re und Kon­sor­ten, aber nur kurz und nur, wenn es gar nicht anders geht. Und wie­der falsch. Man­che ler­nen es irgend­wann im Leben, ande­re nie: nur wer mehr tut als unbe­dingt not­wen­dig, hat am Ende Erfolg. Wer jetzt Men­schen ein­sperrt bis der Krieg in Syri­en vor­bei ist in der Absicht, sie dann sofort zurück nach Hau­se zu schi­cken, macht zwei Feh­ler: er denkt, der Krieg in Syri­en ist bald vor­bei. Im Ernst, das haben die Rus­sen in Afgha­ni­stan auch gedacht. Man kann auch nicht eine Mil­li­on Men­schen hin­hal­ten, ohne ihnen Beschäf­ti­gung und Per­spek­ti­ve zu bie­ten. Was dabei her­aus­kommt, kann man an den Paläs­ti­nen­ser­camps stu­die­ren: Radi­ka­li­sie­rung und Kri­mi­na­li­tät.

So schwer es fällt, in Deutsch­land haben wir die Auf­ga­be bekom­men, die Situa­ti­on zum Vor­teil aller zu ent­wi­ckeln um Scha­den abzu­wen­den. Das heißt, die Menschen,die zu uns geflüch­tet sind, dau­er­haft mit Wohn­raum und Beschäf­ti­gung zu ver­sor­gen, sie ihre eige­nen kul­tu­rel­len Wur­zeln wie­der­fin­den zu las­sen und und ihnen bei­zu­brin­gen, ihre neue Hei­mat Deutsch­land zu mögen.

Geiz ist geil

Das war ges­tern für Arbeit­neh­mer ein schwar­zer Tag, der Ein­fluss der Gewerk­schaf­ten als Tarif­par­tei wur­de von zwei Arbeit­ge­bern erfolg­reich mar­gi­na­li­siert. Das es sich in bei­den Fäl­len um frü­he­re Staats­be­trie­be han­delt — Post und Luft­han­sa — kann kaum trös­ten. Auch der Aus­gang der Bahn-Schlich­tung in der letz­ten Woche schwächt gewerk­schaft­li­che Posi­tio­nen. Arbeit­ge­ber haben Mor­gen­luft geschnup­pert und machen tarif­ver­trag­li­che Errun­gen­schaf­ten von Jahr­zehn­ten durch Aus­glie­de­rung von Berei­chen und Mit­ar­bei­tern in tarif­lich nicht erfass­te oder schlech­ter gestell­te Töch­ter zunich­te, das ist ja das gemein­sa­me The­ma von Post und Luft­han­sa.

Natür­lich steht bei den Flie­gern der Aus­gang noch in den Ster­nen, aber der Arbeit­ge­ber hat die Schlich­tung plat­zen las­sen, indem er von vor­ne­her­ein erklärt hat, über die Aus­la­ge­rung von Per­so­nal in die tarif­lich benach­tei­lig­te Toch­ter Ger­man Wings (ehr­lich Leu­te, der Name ist ver­brannt, bil­lig sind dort nicht nur die Abfin­dun­gen für Opfer des bil­li­gen Flug­be­trie­bes) in der Schlich­tung gar nicht spre­chen zu wol­len. Die dar­auf­hin ver­brei­te­te Pres­se­mel­dung, die Gewerk­schafts­sei­te hät­te die Schlich­tung boy­kot­tiert, stellt die Tat­sa­chen gera­de mal auf den Kopf.

Ganz im Gegen­satz dazu ist die wirt­schaft­li­che Situa­ti­on der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein­fach blen­dend wie davor lan­ge nicht mehr. Das wird natür­lich nicht so blei­ben, denn ohne dass das Jam­mern je auf­ge­hört hät­te, geht es uns ja schon eine Wei­le so gut. In ein paar Mona­ten, wenn es wie­der berg­ab geht, wer­den wir wahr­neh­men, dass in wel­chem Schla­raf­fen­land wir uns gesonnt haben. Mit ande­ren Wor­ten: wenn es je etwas zu ver­tei­len gege­ben hat, dann jetzt. Trotz­dem „opti­mie­ren” Unter­neh­men ihre Arbeits­kräf­te, als hät­te ihr letz­tes Stünd­lein geschla­gen.

Die Hal­tung vie­ler pri­va­ter Ver­brau­cher, die der frü­he­re Slo­gan des bekann­ten Elek­tro­nik-Fach­markts wie­der­gibt, scheint jetzt auch das Manage­ment vie­ler Unter­neh­men erfasst zu haben: Obwohl Geld in den Kas­sen ist, wird gegeizt auf Teu­fel komm raus, „kei­nen Cent dem Klas­sen­feind”, „Stück­lohn­kos­ten müs­sen run­ter!”. Man gewinnt den Ein­druck, das Manage­ment sei vie­ler­orts im Unter­richts­fach Mar­xis­mus-Leni­nis­mus über markt­wirt­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge belehrt wor­den und set­ze das Gelern­te mit Inbrunst um.

Hier bie­te ich mal eine ande­re nahe­lie­gen­de Erklä­rung an: wenn die Geschäf­te schlecht gehen, ist das Geld für sol­che „Umstruk­tu­rie­run­gen” gar nicht vor­han­den und den Unter­neh­men bleibt nichts übrig als zäh­ne­knir­schend wei­ter zu wurs­teln. Nur wenn ordent­lich Geld in der Kas­se hat, kann man sich einen groß­zü­gi­gen Umbau leis­ten, wie die Post ihn gera­de durch­zieht, ele­gan­ter­wei­se ohne dass man vor­her ein Ster­bens­wört­chen davon gehört hat.

Man kann der Arbeit­neh­mer­sei­te nur raten, alles mit­zu­neh­men, was es im Moment gibt. Fal­sche Ani­mo­si­tä­ten sind unan­ge­bracht, strei­ken muss man, wenn Arbeits­kräf­te gebraucht wer­den, wenn es dem Arbeit­ge­ber weh tut und wenn es Geld gibt, dass nur dar­auf war­tet, dass es sich einer nimmt. Was lie­gen bleibt, neh­men Eigen­tü­mer (oft genug der Bund), Anteils­eig­ner, Anle­ger und ande­re Grup­pen, die jetzt im Ver­tei­lungs­kampf eigent­lich mal eine Run­de aus­set­zen müs­sen.

Die nächs­te Baisse kommt bestimmt. Wenn Schla­raf­fen­land erst­mal abge­brannt ist, wird ein gro­ßes Heu­len und Zäh­ne­klap­pern anhe­ben.

Es kann doch nicht sein …

Dass der Bun­des­tag auf so eine Lösung zurück­grei­fen muss, zeigt, wie gra­vie­rend der Angriff auf die IT-Infra­struk­tur des Bun­des­tags ist”, sagt der netz­po­li­ti­sche Spre­cher der SPD-Frak­ti­on, Lars Kling­beil, dem SPIEGEL. Eine Dau­er­lö­sung kön­ne dies jedoch kei­nes­falls sein. „Es ist mit dem frei­en Man­dat unver­ein­bar, dass eine Regie­rungs­be­hör­de ent­schei­det, auf wel­che Infor­ma­tio­nen Abge­ord­ne­te zugrei­fen dür­fen, und die­se Kom­mu­ni­ka­ti­on zudem pro­to­kol­liert.”

Quel­le: spon, 26.6.15

Wie ich in mei­nem frü­he­ren Bei­trag schon ver­mu­tet habe, hält so eine Bun­des­trö­te es für eine Beschnei­dung der par­la­men­ta­ri­schen Frei­heit, wenn Abge­ord­ne­te dar­an gehin­dert wer­den, auf gefähr­li­chen Sei­ten zu sur­fen. Aber wie soll es denn sonst gehen? Man kann wohl davon aus­ge­hen, dass die Abge­ord­ne­ten nicht in der Lage sind, die Gefahr selbst zu erken­nen, sonst wäre man nicht in der miss­li­chen Situa­ti­on, in der man sich jetzt befin­det. Natür­lich ist das Brow­ser­fens­ter kein rechts­frei­er Raum. Wenn man beim Sur­fen kein Unrecht bege­hen könn­te, bräuch­ten wir kei­ne Dis­kus­si­on über Vor­rats­da­ten­spei­che­rung und was die Dödel­köp­fe im Bun­des­tag sonst so umtreibt. Wenn jemand im Netz­werk einer Orga­ni­sa­ti­on wie dem Bun­des­tag einen Com­pu­ter zum Sur­fen benutzt, han­delt die Orga­ni­sa­ti­on gera­de­zu fahr­läs­sig, wenn sie nicht in Lage ist, rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten auf den Ver­ur­sa­cher zurück­zu­füh­ren, sie wür­de sich ja der Mit­hil­fe schul­dig machen. In der Bezie­hung ist der Bun­des­tag halt nichts ande­res als ein bes­se­res Inter­net­ca­fé.

Im pri­va­ten Raum for­de­re ich natür­lich, nicht aus­ge­späht zu wer­den. Die­se Aus­sicht scheint die Abge­ord­ne­ten zum gro­ßen Teil nicht zu beun­ru­hi­gen.

Die Geister der Moldau — Kapitel 1 Ankunft

Es gibt Augen­bli­cke, in denen wir plötz­lich um vie­les älter wer­den, um dann wie­der lan­ge anzu­hal­ten und zu blei­ben, was wir sind, bis wir den nächs­ten gro­ßen Schritt tun. Solch ein Augen­blick war es, als ich zum ers­ten Mal ins Semes­ter fuhr. Ich hat­te gedacht, dass mei­ne Mut­ter wei­nen wür­de. Aber das tat sie nicht. Schon manch­mal war ich abge­reist, aber immer nur, um über kurz oder lang wie­der­zu­kom­men. Dies­mal ging ich für immer fort. Von jetzt an wür­de ich zu Hau­se nur noch Besuch sein. Als ich zum Abschied in das ruhi­ge, freund­li­che Gesicht mei­ner Mut­ter sah, erkann­te ich, dass es Zeit für mich war, her­an­zu­wach­sen.

Mei­ne älte­re Schwes­ter stand neben ihr und schob ihren Arm in den mei­ner Mut­ter, als der Zug zu rol­len anfing. Es war gut, dass Mut­ter nicht allein heim­ge­hen muss­te an die­sem neb­lig-feuch­ten Mor­gen. Noch heu­te sehe ich sie dort auf dem Bahn­steig ste­hen und win­ken, und ich dan­ke ihr, dass sie es ohne Trä­nen tat. Damals war ich eigent­lich nur betrof­fen, im Inners­ten sogar ein wenig gekränkt, dass sie, die mich so sehr lieb­te, mich so gehen ließ.

Die frem­de Stadt emp­fing mich in Nach­mit­tags­licht. Aus einem Neben­aus­gang des Haupt­bahn­hofs trat ich hin­aus in die Son­ne. Ver­wun­dert sah ich, die ich aus dem Flach­land kam, die brei­te Groß­stadt­stra­ße sich tal­wärts nei­gen und alles, was sich auf ihr beweg­te, wie in sanf­ter Über­re­dung mit sich hin­un­ter­neh­men, wäh­rend sie zur lin­ken Hand alles berg­wärts lock­te.

Ich kann­te mich nicht aus in die­ser Stadt. Mein Blick fiel auf einen der Fia­ker, die damals das Geschäft der Auto­ta­xen besorg­ten. Ein Schim­mel stand davor, nicht gebückt ins Joch der Dienst­bar­keit wie Drosch­ken­gäu­le sonst, im Gegen­teil: mit erho­be­nem Kopf schien er das Licht der Son­ne zu genie­ßen, in die ich hin­ein gera­ten war aus dem hei­mi­schen Regen­grau. Er trug einen Strauß am Ohr, Wie­sen­blu­men nur, wie man sie am Feld­rain fin­det, und schon ein wenig welk, als hät­ten sie die Mühe des Gauls auf sich genom­men. Die­ser Schim­mel mit dem Strauß am Ohr scheint mir immer wie ein Bild der Stadt, in der er mich will­kom­men hieß.

Zögernd nann­te ich, des Tsche­chi­schen nicht mäch­tig, dem Kut­scher Stra­ße und Haus­num­mer auf Deutsch. Dass er sich dar­auf mit dem Peit­schen­stiel am Kopf kratz­te, konn­te ent­we­der bedeu­ten, dass die Stra­ße sehr ent­le­gen war oder dass er mich nicht ver­stan­den hat­te. Da er aber sei­nen Schim­mel antrieb, ohne wei­te­re Aus­künf­te ein­zu­ho­len, nahm ich an, dass wir einen sehr wei­ten Weg vor uns hät­ten. Ich lehn­te mich in die abge­schab­ten Pols­ter zurück und frag­te mich, ob ich die Fahrt am Ende bezah­len könn­te.

Der Schim­mel beweg­te sich mit sei­nem leich­ten Gefährt indes­sen berg­wärts, hin­auf gegen ein grün­der­zeit­li­ches, kup­pel­ge­krön­tes Unge­tüm von grau­em Stein. Ihm aus­zu­wei­chen, neig­te die Stra­ße sich ein wenig abwärts. Zwi­schen zwei Häu­ser­rei­hen senk­te sich zur Rech­ten ein brei­ter Platz nach unten.

Es war, als atme hier über­all die Erde. Ich hat­te schon Städ­te gese­hen, die sich aus einem Tal über Hügel hoch­zo­gen, auch alte Städt­chen, die die Schrift ihrer Gas­sen steil auf und ab gekrit­zelt hat­ten auf ein miss­güns­ti­ges Gelän­de. Aber hier schien es mir, als atme die Erde noch unter der Stadt, als sei sie leben­dig geblie­ben unter der Decke von Stein. Stau­nend sah ich hin­un­ter auf den Platz, über dem die Son­ne im blau­en Abend­licht schwamm.

Der Schim­mel hielt plötz­lich inne mit­ten im Trab, als hät­te er mei­ne Gedan­ken gele­sen. Da stan­den wir, und um uns her wog­te wei­ter das haupt­städ­ti­sche Trei­ben. Hin­ter uns wur­den ärger­li­che Stim­men laut. Mein Kut­scher, nach­dem er sich anfäng­lich nur mit dem Peit­schen­stiel ver­le­gen den Kopf gekratzt hat­te, ver­such­te es nun mit dem Sur­ren der Peit­schen­schnur. Pas­san­ten kamen lachend über den Damm und rede­ten dem Pfer­de güt­lich zu in ihrer frem­den Spra­che. Der Kut­scher selbst stieg end­lich ab, um es am Zau­me wei­ter­zu­füh­ren. Ich sel­ber hat­te inzwi­schen Zeit, den Platz zu begrü­ßen. Um ihn her war nichts, was man hät­te schön nen­nen kön­nen. Das stei­ner­ne Unge­tüm, das mit sei­ner Kup­pel über ihm thron­te, war eben­so wenig schön wie die Rei­hen grau­er Miets­häu­ser zu bei­den Sei­ten. Aber da war die­ses Rei­ter­stand­bild, das bereit schien, als nächs­tes über den Platz zu tra­ben — der hei­li­ge Wen­zel, wie ich spä­ter hör­te — und der Platz neig­te sich zwi­schen grü­nen Bäu­men der Abend­son­ne gegen, rau­nend von Leben und Freu­de.

Als ich davon genug gese­hen hat­te, setz­te der Schim­mel gelas­sen sei­nen Weg fort. Am obe­ren Ran­de des Plat­zes führ­te die Stra­ße wei­ter berg­an, und nach kur­zer Zeit hiel­ten wir vor dem grau­en Haus, das mich beher­ber­gen soll­te. Ein grau­es Haus in einer grau­en Stra­ße, so schien es mir damals. Spä­ter ver­gaß ich, dass es so häss­lich war. Ich lieb­te es ein­fach, und noch heu­te sehe ich im Traum sei­ne Zim­mer.

Der Kut­scher kratz­te sich wie­der mit dem Peit­schen­stiel am Kopf. Ich sah jetzt, dass es über­haupt nichts bedeu­te­te. Ich trat noch ein­mal zu dem Schim­mel. Ich hät­te ihm gern ein Stück Zucker gege­ben, wenn ich nur eines gehabt hät­te.

Er wand­te den Kopf und sah mich an. Im Bern­stein­gelb sei­ner Augen war etwas bezau­bern­des. Ich habe ihn nie wie­der­ge­se­hen. Es war, als wäre er nur eben dage­we­sen, um mich will­kom­men zu hei­ßen.

Veröffentlicht unter Prag

Bundestag beschließt IT-Sicherheitsgesetz

Ja Herr­schafts­zei­ten, bin ich denn der ein­zi­ge, dem der Witz nicht ent­geht? Der Bun­des­tag, gera­de vor­ge­führt als größ­te ein­zel­ne Ver­samm­lung von IT-Dum­mies, beschert Deutsch­land jetzt IT-Sicher­heit.

027Nee, schon klar, ein Volks­ver­tre­ter lässt sich von einem Nerd nicht sagen, auf wel­chen Link er kli­cken darf. Und von einem Schlapp­hut hört er sich nicht an, was Schlapp­hü­te mit Com­pu­tern anstel­len. Viren­scan­ner? Brau­chen die offen­bar nicht. „Es kann doch nicht sein, dass die Infor­ma­ti­ons­frei­heit des Par­la­ments von der Zustim­mung eines Pro­gramms abhängt!” Über­haupt: „es kann doch nicht sein, dass ..”, wenn man jetzt einen Euro bekä­me für jedes Mal, das jemand das in ein Mikro­fon sagt, wären die Sor­gen vor­bei. Aller­dings: in mei­nen Ohren klingt da nur Hilf­lo­sig­keit nach und Man­gel an Phan­ta­sie. Denn meis­tens kann es ja nicht nur sein, son­dern es liegt klar zuta­ge, dass es schon pas­siert ist.

Es sind immer die sel­ben Krank­hei­ten, unter denen Poli­ti­ker lei­den. Ers­tens: Für Poli­ti­ker gel­ten ande­re Regeln. Sie dür­fen über­all rau­chen, schnal­len sich nicht an, müs­sen nicht wis­sen, wo der nächs­te Feu­er­lö­scher hängt. Und zwei­tens: wenn sie mei­nen, dass etwas nicht stimmt, dann müs­sen sie es regeln. Wie — ist wurscht. Ver­stehst nix davon? Muss ich nicht, ich seh’ ja was nicht stimmt.